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Buchkritik | Beitrag vom 09.02.2019

Yishai Sarid: "Monster"Das Erinnern wird zum Ungeheuer

Von Carsten Hueck

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Buchcover "Monster" von Yishai Sarid, im Hintergrund die Hall of Names in der Holocaust Gedenkstätte Yad Vashem (Kein & Aber Verlag / dpa / Michael Kappeler)
"Monster" von Yishai Sarid: Die Hauptfigur führt Schulklassen durch die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. (Kein & Aber Verlag / dpa / Michael Kappeler)

Im Roman "Monster" von Yishai Sarid wird ein israelischer Historiker eher zufällig zum Erinnerungsarbeiter. Er beschäftigt sich immer intensiver mit dem Holocaust, wird gepackt von einer Art heiligem Entsetzen und verliert allmählich die Kontrolle.

Wir alle kennen Monster. In Filmen und Träumen dringen sie in unser Leben ein und bedrohen alles, was wir für normal halten. Ungeheuer, die den Himmel verdunkeln oder uns schon durch ihre abnorme Gestalt schrecken – gerne aber auch mal unterhalten. Das Spiel mit dem Grauen macht immer solange Spaß, wie man in der Lage ist, es selber zu beenden.

"Monster" heißt das neue Buch des israelischen Autors Yishai Sarid. Das Ungeheuer, das er heraufbeschwört, ist keineswegs komisch. Und man wird es nicht los, kann es nicht abschalten oder auslöschen. Hat man es einmal angesehen, ergreift es Besitz von Gedanken und Gefühlen. Es ernährt sich von Wissen und Fantasie und wächst, je länger wir uns mit ihm beschäftigen. Erst wenn unser Geist erlischt, werden wir es los.

Ein junger Historiker wird zum Erinnerungsarbeiter

Der namenlose Ich-Erzähler, der mit dem Monster in Kontakt kommt, ist ein junger israelischer Historiker. Keineswegs charismatisch, auch kein brillanter Akademiker. Sondern einer, der im diplomatischen Dienst eine ruhige Kugel schieben wollte, mit Mitte 20 aber anstelle internationaler Beziehungen Geschichte studiert und schließlich mangels Alternativen die Promotion im Fach Holocauststudien anstrebt. Er ist jung verheiratet, eben Vater geworden und von schnell vergebenen Stipendien auf diesem Feld zu seiner Wahl ermutigt worden.

Während er diszipliniert Hunderte Bücher und Zeugnisse zu den Arbeitsmethoden in deutschen Vernichtungslagern liest, beginnt er aus finanziellen Gründen, Schulklassen durch die israelische Gedenkstätte Yad Vashem zu führen. Aufgrund seiner Kompetenz übernimmt er bald auch erfolgreich Touren auf dem Gelände der ehemaligen Konzentrationslager Majdanek, Treblinka und Auschwitz. Er wird ein begehrter Erinnerungsarbeiter, begleitet Schüler, Soldaten und Minister an die Stätten des Grauens.

In seinem Bericht an den Direktor von Yad Vashem, der dem Roman seinen formalen Rahmen gibt, schildert er rückblickend seine Erfahrungen. Erzählt von Jugendlichen, in deren "vom Handyflimmern erfülltes Denken" er einzudringen versucht, von ritualisierten Gedenkreflexen, von Gedenkkitsch, von touristischer Ignoranz, von der Instrumentalisierung der Geschichte durch staatliche Institutionen ("Hoffnung einflößen statt Verzweiflung"). Und von seiner zunehmenden Einsamkeit, abends "in irgendeinem ehemaligen Gestapo-Hotel in Lublin".

Zunehmender Verlust der Kontrolle

Je intensiver er sich mit dem Monster Erinnerung einlässt, desto weniger kann er sachlich und rational agieren. Er verliert zunehmend die Kontrolle über seine Arbeit und sich selbst, vernachlässigt sein Äußeres, seine Familie. Ihm schwindelt angesichts dessen, was er weiß und was er, gepackt von einer Art heiligem Entsetzen, ausdrücken will. Er stellt Fragen, die keiner hören möchte. Er ist Opfer zweier Monster: des Holocausts und der Erinnerung daran. Die Toten sind ihm zunehmend vertraut, die Lebenden werden ihm immer unheimlicher. Und dann kommt auch noch ein deutscher Filmemacher.

Yishai Sarid macht mit seinem kleinen, leisen Buch unmissverständlich klar: Es gibt Verdrängung, aber kein Ende der Erinnerung. Es gibt Versuche, den Holocaust zu beschreiben, aber keine abschließende Erklärung dessen, was in den Lagern und anderswo geschah. Dieser Völkermord ist nicht zu fassen, es muss weiterhin um Sprache und Form gerungen werden, in der wir unterschiedliche Erinnerungen an ihn aufbewahren. Auch wenn das unser Selbstverständnis als Mensch und Individuum gefährdet.

Yishai Sarid: "Monster"
Aus dem Hebräischen übersetzt von Ruth Achlama
Kein & Aber Verlag, Zürich/Berlin 2019
173 Seiten, 21,00 Euro

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