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Tonart | Beitrag vom 03.09.2020

Yello – "Point""Wir sind wie Douanier Rousseau"

Von Jenni Zylka

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Dieter Meier und Boris Blank lassen weiße Bälle auf sich fallen (Universal Music)
Es ging Yello schon immer um die größtmögliche künstlerische Freiheit, meint Sänger Meier (links). (Universal Music)

Seit 40 Jahren machen Dieter Meier und Boris Blank Musik, die viel erfolgreicher ist, als sie eigentlich sein sollte. Jetzt haben sie Album Nummer 14 veröffentlicht und Sänger Meier erklärt, warum sie sich mit einem bestimmten Maler vergleichen.

Zumindest aus den 80ern ist sie absolut nicht wegzudenken: Die Band Yello, die mit eindeutigen Sounds und ihrer Vorliebe für Samples den Elektro-Dancesound dieser Ära definierten. Das Duo aus Zürich bringt seit 40 Jahren regelmäßig Platten heraus, soeben hat es sein neuestes Album "Point" veröffentlicht. Und auch wenn sich auf den letzten Werken vielleicht nicht mehr ganz so viele Hits finden – den beiden Mitgliedern von Yello, Dieter Meier und Boris Blank, macht alles genauso viel Spaß wie eh und je.

Dieter Meier, Yellos notorischer Schnauzbartträger und freigeistiger Sänger, feierte zwar kürzlich seinen 75. Geburtstag. Aber das hält einen wie ihn natürlich nicht vom Tanzen ab. Oder jedenfalls kaum:

"In meinem doch schon nicht mehr ganz jugendlichen Alter ist es ein bisschen eigenartig da noch in den Clubs herumzuhopsen, aber ich bin ein fanatischer Ruderer, ein Ruderknecht, und beim Rudern weil das ist sehr anstrengend, da hör ich immer Salsamusik. Ich mache Intervalltraining, immer zehn Minuten, und dann eine Pause, und dann tanze ich dazu. "

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Die Arbeitsweise ist seit Jahrzehnten dieselbe

Mit Salsa hat Yellos stromlinienförmiger Elektro-Dancesound zwar von Natur aus wenig zu tun. Dessen musikalischer Kern war stets der brachial-rhythmische Einsatz von Samples. Und diesem Sound bleibt das Duo mehr oder weniger seit seinem ersten internationalen Hit "Bostich" treu.

Auch das System, nach dem die beiden langjährigen Freunde und Bandkollegen arbeiten, hat sich in den letzten Jahrzehnten nicht geändert: Es ging ihnen schon immer um die größtmögliche künstlerische Freiheit, wie Meier beschreibt:

"Ich hab ja keine Ahnung was mir blüht wenn ich zum ersten Mal in die Klangwelten von Boris Blank hineinspringe, ja, das ist ja so dass das dann auf Endlosschleife läuft, der Boris geht dann meistens weg. und dann singe ich irgendetwas vor mich her in einer nicht existierenden  afrikanischen und englischen Sprache und plötzlich kommt irgendeine Zeile, die fliegt mir zu, die so die Stimmung dieses Songs auffängt und an diesem dünnen Faden ziehe ich mich dann hinein in die Lyrics und in die Melodien."

Fußspuren der Befindlichkeit

Jene Lyrics, die gern und bewusst sinnfrei sein sollen, vergisst Sänger Meier nach Eigenaussage auch genauso schnell wieder. Die Songs seien, wie er es nennt, eh nur "Fußspuren einer Befindlichkeit". Es passt also, dass der seit Jahrzehnten freischaffende Künstler, der neben der Kunst eine Rinderzucht in Argentinien unterhält, Wein anbaut und Schokolade herstellt, bei Yellos künstlerischem Output immer wieder die Freiwilligkeit betont, und die musikalische Bilanz mit bildender Kunst vergleicht:

"Kraftwerk sind ja auf die Malerei übertragen wie Mondrian, absolute Minimalisten, und wir sind eigentlich wie der wunderbare Douanier Rousseau, dieser wunderbare naive Künstler, weil Boris Blank eigentlich seinen eigenen Urwald kreiert. Kleine Kinder, so drei vier jährige Kinder haben unglaubliche Freude an dieser Musik und fangen an zu tanzen."

Ohne den Erfolg wäre Boris Blank Lastwagenfahrer

In dem Stück "Rush for Joe", das an die Filmmusik zu einer Agentenfilmparodie erinnert, lässt Dieter Meier seinen Bandkollegen am Sampler auch mal allein – beiden geht es um Spielfreude, und weniger um die Verkaufbarkeit eines Songs. Der Erfolg des internationalen Dance-Hits "Bostich" oder des als Erkennungsmelodie der 80er-Jahre-Chartsshow "Formel Eins" bekanntgewordenen Songs "The Race" hätten ohnehin viel mit Glück zu tun, glaubt Meier:

"Boris Blank wäre – hätten wir nicht das Glück gehabt, so viel Platten zu verkaufen – nach wie vor Kambio oder Lastwagenfahrer, der nicht allzuviel nachdenken muss tagsüber und würde am Abend ins ein Studio gehen und würde Musik machen.  Die Kunst, die echte Kunst nicht die epigonale, die stöbert die Leute auf und führt sie ein kleines bisschen zu sich selber wenn sie berührt, nicht, wenn sie eben nicht Kitsch ist sondern wenn sie berührt – und das ist im weitesten Sinne eben auch sehr politisch."

So kann und sollte man Yello auch auf ihrer neuen Platte als tanzbares, unterhaltsames Kunstprojekt zweier Individualisten wahrnehmen, deren Oeuvre sich angenehm antizyklisch von allem Zwang zur Erneuerung und zum Erfolg befreit. Man könnte auch sagen: Sie klingen wie immer. Aber das macht ja nix.

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