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Vollbild | Beitrag vom 21.11.2015

Yared Zeleke über Film "Ephraim und das Lamm""Ich wollte die Bilder für mein Land zurückerobern"

Yared Zeleke im Gespräch mit Susanne Burg

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Der Regisseur von "Ephraim und das Lamm" Yared Zeleke mit den beiden Hauptdarstellern Kidist Siyum und Rediat Amare. (dpa/ picture-alliance/ Franck Robichon)
Der Regisseur von "Ephraim und das Lamm" Yared Zeleke mit den beiden Hauptdarstellern Kidist Siyum und Rediat Amare beim Festival in Cannes. (dpa/ picture-alliance/ Franck Robichon)

Der äthiopische Regisseur Yared Zeleke will mit "Ephraim und das Lamm" seine Heimat in ein neues Licht rücken. Das Märchen von einem kleinen Jungen, der sein Zuhause sucht, solle ein Bild von Afrika zeigen, das ohne Klischees auskommt, sagte er im Deutschlandradio Kultur.

Susanne Burg: Ephraim wird nicht bleiben. Der Vater geht nach dem Tod seiner Frau in die Stadt und bringt seinen neunjährigen Sohn und dessen besten Freund, das Lamm Chuni, zu Verwandten ins grüne Hochland Äthiophiens. Der Junge fühlt sich fremd und will nach Hause. Und dann will der Onkel auch noch das Lamm für das anstehende Fest des heiligen Kreuzes opfern. Ephraim ist entschlossen: Er will Geld verdienen, um nach Hause zurückzukehren.

"Ephraim und das Lamm" heißt der Film des äthiopischen Regisseurs, der im Mai in Cannes seine Weltpremiere hatte und jetzt bei uns in die Kinos kommt. Viele Handlungselemente wirken geradezu wie aus einem Märchen. Der Tod der Mutter, der Junge, der bei einem Onkel in der Fremde zurückgelassen wird. Deswegen wollte ich von dem Regisseur Yared Zeleke auch zuerst wissen, wieviel Märchen seiner Meinung nach im Film steckt.

Yared Zeleke: Natürlich sind hier die Grimm'schen Märchen eine Vorlage gewesen, aber beispielsweise auch die Märchen von Hans-Christian Andersen. Was ich wollte, war eigentlich, eine Fabel zu erzählen, aber eben eine Fabel vermischen mit Realismus. Äthiopien ist eben ein Land der Märchen und trotzdem ein sehr spirituelles Land, und wir haben wirklich in unserer Mythologie diese magischen Berge, verwunschenen Wälder.

Es ist ein Land, was schon lange vor dem Christentum eben da war. Im Norden lebten Juden, dann gab es Animisten, eine ganz starke muslimische Gemeinde, und heute besteht die Mehrheit wahrscheinlich aus orthodoxen Christen, aber in einer sehr spirituellen Art und Weise. Ich wollte eben auch das Leben zeigen, wie es ist, weil sich in Äthiopien so viel bewahrt hat, weil man dort seine Identitäten behalten konnte. Beispielsweise 70 Prozent aller Berge in Afrika befinden sich in Äthiopien. Und so hat dieses Land sich etwas Zeitloses bewahrt, etwas Märchenhaftes, von dem ich erzählen wollte.

Burg: Sie sagen, Sie wollten das Märchen mit dem Realismus verbinden. Das Märchenhafte ist eindeutig, es spielt ja auch auf dem Land. Manchmal spielt es in der Stadt, aber selbst da hat man das Gefühl, die Figuren sind irgendwie gar nicht so wirklich realistisch böse. Die klauen dem Ephraim das Geld, aber sie wirken eigentlich auch fast märchenhaft. Wie schwierig war es dann, den Realismus in die Geschichte zu weben?

Zeleke: Es ist ziemlich schwierig, diese Balance zu halten. Ich glaube aber nicht, dass es einen solchen Film bereits gibt, auf jeden Fall habe ich in meinen Recherchen keinen gefunden. Aber wie gesagt, das Gleichgewicht zwischen Fabel und Realismus, das galt es sozusagen immer zu wahren. Und die Jungs sind vielleicht das beste Beispiel. Einerseits sind es Straßenkinder, die harter Arbeit nachgehen, gleichzeitig aber auch von der Kirche unterstützt werden, und dann, auf der Fabelebene, gab es eben die Hyänen.

Ich habe eigentlich versucht, jede Figur in dem Film auch mit einem Tier zu assoziieren, mit so einem Fabelwesen. Das Mädchen beispielsweise, das frei sein möchte, ist dann zum Beispiel ein Vogel, und der Onkel ist ein Bulle. Ich habe immer versucht, das alles miteinander zu verweben, habe mich an die Geschichten meiner Großmutter erinnert, die sie mir erzählt hat, äthiopische Fabeln und Märchen, die ich dann mit meiner eigenen Fantasie wiederum verwoben habe.

"Die Figur des Jungen ist aus vielen äthiopischen Kindern zusammengesetzt"

Burg: Sie erwähnten auch das Mädchen, die eher wild ist, Zion. Bei der habe ich mich gefragt, ob sie nicht dann auch so ein bisschen dieses realistische Element reinbringt, weil sie ja auch die Welt in das Dorf bringt, indem sie die Zeitung liest.

Zeleke: Ja, sie ist auf jeden Fall die realistischere Figur als beispielsweise der Junge. Der Junge hat ja doch genug von den Menschen. Er hat so viele Verwundungen durchlebt, dass er lieber mit Tieren sich abgibt, auch lieber mit Tieren redet, als in seiner klaustrophobischen Hütte zu leben. Stimmt, sie ist dann realistischer.

Burg: Der Junge, weil Sie den erwähnten, der ist sehr verletzt. Ich meine, man muss sich vorstellen, die Mutter ist gerade gestorben, der Vater ist weg, er wohnt bei einem Onkel, der sich auch irgendwie nicht so wirklich kümmert. Der Junge ist traumatisiert, und er muss aber trotzdem weiter funktionieren, da ist irgendwie überhaupt kein Platz zu trauern. Wie nachfühlbar sollte dieses Verlorensein für den Zuschauer sein?

Zeleke: Ich habe diese Figur des Jungen aus vielen äthiopischen Kindern zusammengesetzt, die ihre Eltern verloren haben entweder durch den Hunger oder aber durch den Krieg. Und es ist in gewisser Weise auch meine Geschichte, weil ich im Alter von zehn Jahren wirklich alles verloren hatte, was mir lieb war. Und das ist auch mein Trauma, das ich bis heute als Erwachsener mit mir herumtrage. Es ist eine persönliche Geschichte. Es geht um die vielen Kinder in Äthiopien, die durch den Krieg, durch die Hungersnot eben auch gezwungen waren, ihr Zuhause zu verlassen, oder einfach von zu Hause vertrieben worden sind. Diese Hauptfigur, dieser Junge im Film, ist in erster Linie ein Überlebender. Und wenn die anderen mit ihm hart sind, wie der Onkel oder die Großmutter, dann hat das eben auch etwas damit zu tun, dass es in erster Linie ums Überleben geht. Und der Onkel, der beispielsweise keinen Jungen hat als eigenes Kind, der will einfach, dass jemand da ist, der das Land weiter bearbeitet. Dadurch kann er sich nicht so viel Mitgefühl leisten, wie das beispielsweise im Westen in Familien der Fall ist, wo allerdings eben auch ein sehr viel höherer Lebensstandard existiert.

Burg: Es scheint nicht wirklich Platz zu sein zum Trauern, und Sie führen das auch nicht weiter aus. Da ist so dieser eine Moment, Sie sagten ja schon, er fühlt sich den Tieren näher als den Menschen, und nun verbringt er eben sehr viel Zeit mit seinem Lamm Tschuni, und auch das guckt ihn irgendwann nicht mehr an, sondern verschwindet. Das ist eigentlich ein total dramatischer Moment, aber auch da verweilen sie eigentlich nicht weiter, eben aus dieser Geschichte heraus, dass das Land in einer anderen Situation steckt als die westliche Welt?

Zeleke: An solchen Orten ist einfach kein Raum dafür, man wird sehr schnell erwachsen. Es fehlt einfach die Zeit, es fehlt das Geld, und es fehlt eben auch die Möglichkeit, anders auf Kinder einzugehen. Und insofern sind die Kinder in Äthiopien gezwungen, sehr schnell erwachsen zu werden.

"Beide Kinder fordern die gängigen Geschlechterklischees in Äthiopien heraus"

Burg: Es ist ja auch interessant, Ephraim kocht sehr gern. Zion, das Mädchen, das auch in dem Haushalt wohnt, erfüllt auch nicht so wirklich die typischen Geschlechterrollen, sondern sie hat irgendwie wilde Haare, liest Zeitung und kocht eben nicht so gerne. Also, beide ecken an, muss man sagen. Wie viel Spielraum gibt es für die junge Generation im Film, was die Geschlechterrollen angeht?

Zeleke: In gewisser Weise fordern diese beiden Kinder die gängigen Geschlechterklischees in Äthiopien auch heraus. Der rebellische Teenager ist eben hier das Mädchen, es ist Zion, aber das heißt nicht, dass sie mit allem brechen will, was mit äthiopischer Kultur zu tun hat. Sie will einfach lernen, sie ist ein Bücherwurm. Und Sachen wie Hochzeit und Familie und immer im Dorf leben wie alle anderen Frauen, das sind keine Prioritäten für sie, was nicht heißt, dass sie das nicht auch eines Tages mal tun wird. Und Ephraim verfolgt einfach seinen natürlichen Weg. Meine Hauptfiguren stellen für mich einfach die Suche nach persönlicher Freiheit dar, und das in einem sehr ländlichen und auch in einem sehr traditionellen Rahmen. Wir dürfen nicht vergessen, die äthiopische Gesellschaft lebt nach wie vor zu 85 Prozent in Dörfern, und dabei bleibt sie sehr traditionell, und all das verändert sich dennoch dramatisch zurzeit. Und es gibt zurzeit auch wirklich Bemühungen, dass gerade bei Mädchen die Bildung verstärkt wird. Aber das ist noch ein langer Weg.

Burg: Sie erwähnen eben genau das, also den Wandel der Geschlechterrollen. Es spielen auch Umweltzerstörung eine Rolle, die Ernte ist ausgefallen, es hat ganz lange nicht geregnet im Film. Sie selbst Yared Zeleke, Sie haben für Nichtregierungsorganisationen gearbeitet, unter anderem in den USA, in Namibia und Äthiopien, bevor Sie mit dem Filmemachen angefangen haben. Sehen Sie selbst einen Zusammenhang zwischen den beiden Tätigkeiten?

Zeleke: Ja, sicher hat das geholfen. Bevor ich zum Film kam, habe ich Naturressourcen in Afrika studiert. Ich war ein Idealist, ich wollte unbedingt zurückkehren in mein Heimatland, und ich wollte die wichtigsten Probleme des Landes einfach lösen, das heißt, die Bodenerosion, die Entforstung und auch den Klimawandel. Das war etwas, was ich unbedingt machen wollte, aber als ich dann meinen Master in Norwegen machte, war ich plötzlich sehr, sehr gelangweilt von diesem Thema und sagte mir, vielleicht gibt es auch einen anderen Weg, wie ich meinem Land helfen kann.

Und ich habe schon immer gern Geschichten gehabt. Meine Großmutter ist eine berühmte Geschichtenerzählerin, und ich bin mit ihren Geschichten, ihren Märchen, ihren Fabeln aufgewachsen, und dann habe ich einfach versucht, meine Träume und diese Fabeln mit einer Realität zu verbinden und eben einen Film auch über Bauern zu machen.

"Mein Kontinent hat eine schlechte PR"

Burg: Wie meinen Sie, dass Sie Ihrem Land helfen können?

Zeleke: Film ist ein sehr mächtiges Medium, und es gab einen BBC-Film von und mit Bob Geldof über die Hungersnot in einer Provinz in Äthiopien, und das war eine Provinz, die vielleicht doppelt so groß ist von der Fläche wie Deutschland. Die hat aber auch ein sehr einseitiges Bild gezeigt, weil die meisten Regionen in meinem Land sind auch mit sehr viel Grün verbunden, aber es brechen eben immer wieder Hungersnöte aus, weil wir ein Problem mit dem Regen und ein Problem mit dem Land haben. Nun habe ich dann einen Film entgegengestellt, entgegen auch gewissen Filmklischees. Ich wollte die Bilder sozusagen auch für mein Land zurückerobern. Mein Film ist in 50 verschiedenen Ländern auf Festivals gezeigt worden, und immerhin hat er sich in 20 Länder verkauft. Das ist für einen äthiopischen, für einen afrikanischen Film sehr ungewöhnlich.

Burg: Ein anderes Bild, das Sie eben auch zeigen wollen.

Zeleke: Es ging mir um ein realistischeres Bild. Normalerweise ist es entweder zu romantisch oder viel zu brutal. Und gerade diese sehr harten Bilder, die man von Afrika kennt, sorgen eigentlich dafür, dass mein Kontinent eine sehr schlechte PR hat.

Burg: Gleichzeitig ist ihr Film ja auch so ein bisschen politisch. Muss ein Film aus Afrika eigentlich auch immer genau diesen Punkt erfüllen, anzudocken an aktuelle Geschehnisse?

Zeleke: Nein, das müssen diese Filme nicht. Es gibt gerade aus dem afrikanischen Kontinent eine Welle mit Science-Fiction-Filmen beispielsweise. Mir war es wichtig, den Humor mit einzubringen, das Herz, das Gefühl für mein Land, für Äthiopien. Das ist das einzige afrikanische Land, das keine Kolonialgeschichte hat, das keine direkten Verbindungen zu Europa oder zum Westen hat. Deswegen kann man eben das Land in all seiner Komplexität zeigen.

Burg: Das Ganze kann man sich jetzt im Kino anschauen. "Ephraim und das Lamm" heißt der Film. Er kommt am Donnerstag in die Kinos. Yared Zeleke ist der Regisseur. Vielen Dank für Ihren Besuch, thank you very much!

Zeleke: Danke schön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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