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Tonart | Beitrag vom 09.09.2021

Yann Tiersen: "Kerber"Introspektiv, demütig und melancholisch

Von Matthias Wegner

Yann Tiersen auf der Bühne, kaum angestrahlt von Scheinwerfern. (picture alliance / Keystone / Laurent Gillieron)
Liebliche Melodien enden bei Yann Tiersen nicht selten in Düsterkeit, so auch auf seinem neuen Album. (picture alliance / Keystone / Laurent Gillieron)

Der französische Komponist Yann Tiersen hat sich vor Jahren auf die Insel Ouessant vor der bretonischen Küste zurückgezogen. Hier ist sein neues Album entstanden, dem man das Inselleben genauso anhört wie das Leben im Lockdown.

Eigentlich wollte ich mein Französisch ein wenig nutzen und trainieren, aber Yann Tiersen besteht bei unserem Zoom-Interview darauf, Englisch mit mir zu reden, anders als vor rund 16 Jahren, als wir uns das letzte Mal trafen. Er sei schließlich Bretone, unterstreicht er.

Und wie man es im Verlauf des Gesprächs immer wieder heraushören kann: Frankreich und vor allem Paris, wo er früher einige Zeit lebte, sind ihm – sehr vorsichtig ausgedrückt – ein wenig fremd geworden.Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)
"Ich hasse Paris", sagt er. Die Stadt sei ein "Shithole". Als er dort noch wohnte, konnte es passieren, dass er manchmal drei Wochen lang überhaupt nicht die Straße betrat. Wenn er nun ab und zu mal ein Konzert in Paris spielt, kann er die Stadt mit anderen Augen sehen, wie ein Tourist. Aber sonst: "I don’t like it."

Tiersen blieb auf seiner Insel

In den letzten 18 Monaten hat Yann Tiersen seine kleine Insel mit ihren rund 800 Einwohnern und einer Ausdehnung von übersichtlichen acht mal vier Kilometern nur aus einem – nicht ganz unwichtigen Grund – verlassen: Er musste dreimal zum Zahnarzt nach Brest, was ja zum Glück nicht so weit weg ist. Ansonsten hat er natürlich – wie die meisten –  das Touren vermisst und einige Freunde, wobei viele von ihnen auf der Insel leben.

Die Songs auf dem Album "Kerber" – Kerber ist eine alte Kapelle auf Ouessant –, sind allesamt nach Orten auf der Insel benannt. Das unterstreicht das Heimatgefühl, andererseits hätten es aber auch genauso gut Fantasienamen für die einzelnen Titel auf dem neuen Album sein können, das hört man zumindest so durch.

Wie hat Yann Tiersen dieses Mal gearbeitet? Er hat sich zunächst wieder ans Klavier gesetzt und Melodien fließen lassen, dann aber einen Dialog mit der Elektronik begonnen. Hier ein paar Samples, dort eine kleine Sequenz oder ein paar leicht irritierende Sounds, bis irgendwann das Klavierspiel nur noch eine symbolische Funktion hatte, und zum Teil aus den einzelnen Stücken komplett verschwindet. 

Typisches Corona-Album

Entstanden ist ein, man könnte sagen: typisches Corona-Album: introspektiv, demütig, melancholisch. Liebliche Melodien enden bei Tiersen nicht selten in Düsterkeit.

"Kerber" ist nun bereits das fünfte Album, das er gemeinsam mit Gareth Jones produziert hat, der auch schon zusammen mit Depeche Mode oder den Einstürzenden Neubauten im Studio war. Jones konnte in Sachen Elektronik eine Menge beitragen. Insofern passt alles zusammen. Dieses neue Album mag unaufdringlich und auch ein wenig harmlos sein, hat aber zugleich eine große Sogwirkung, der man sich schwer entziehen kann.

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