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Fazit / Archiv | Beitrag vom 20.12.2014

Yael Ronens "Community" in GrazTheater über das Theater

Von Christoph Leibold

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Szene aus dem Stück "Community" von Yael Ronen & Company am Schauspielhaus Graz (Lupi Spuma )
Szene aus dem Stück "Community" von Yael Ronen & Company am Schauspielhaus Graz (Lupi Spuma )

Die Apokalypse als Chance auf Erkenntnisgewinn - das ist die Ausgangslage dieses Stücks von Yael Ronen in Graz. Auf der Bühne werden hier die Konzepte des Lebens und Arbeitens überprüft, allerdings mit ein wenig zu viel Ironie und gar manchem Klamauk.

"Schauspielhaus Graz Occupied" steht auf den T-Shirts der Schauspieler. Wir schreiben das Jahr 2018, die Finanzkrise ist mit voller Wucht zurückgekehrt, das Theater der Stadt geschlossen, es soll zum Luxushotel umgebaut werden. Doch ein kleines Häufchen unbeugsamer Schauspieler hält das Haus besetzt. Die Bühne gleicht einem Occupy-Camp mit Matratzenlager, Suppenküche und Kräutergarten. Draußen hat angeblich die Polizei das Schauspielhaus umstellt. Die Schauspieler fordern das Publikum auf, das Theater mit ihnen gemeinsam zu verteidigen, also eine Art Solidargemeinschaft, eine "Community" zu bilden.

Was ist uns das Theater wert? Sind wir bereit, es uns auch unter schwierigen Umständen zu leisten? Und was kann das Theater selbst leisten in schwieriger werdenden Zeiten, was ist es überhaupt wert? Das sind zentrale Fragen in diesem Stück, das Yael Ronen gemeinsam mit dem Ensemble erarbeitet hat, und mit denen sich die Zuschauer nun in Frontalansprache der Darsteller konfrontiert sehen. Verbunden damit ist ein doppeltes Plädoyer: zum einen für den Erhalt des Theaters als Schutzraum für das Denken, der seinerseits geschützt werden muss vor realen Eingriffen, ja Würgegriffen, die ihm Luft und Leben nehmen; zum anderen für eine Offenheit des Theaters dieser Realität gegenüber, die es einlassen muss in sein Denken, weil ein Theater, das sich im Elfenbeinturm verschanzt, nichts wert ist.

Große Fragen und Selbstironie

Dass die Gefühle im Theater meist genauso unecht sind wie das Gemüse aus Plastik aus der Requisitenabteilung, damit wird an diesem Abend immer wieder selbstironisch gespielt, etwa wenn der Schauspieler Jan Thümer ankündigt, er werde sich vom Dach des Theaters stürzen, um ein Zeichen zu setzen, woraufhin ihm seine Kollegen vorschlagen, er soll lieber eine Sterbeszene auf der Bühne hinlegen, das beherrsche er doch so gut. Außerdem stirbt sich's im Scheinwerferlicht natürlich bequemer – und folgenloser.

Es hat etwas von Koketterie, wie Yael Ronen und das Grazer Ensemble an diesem zwar sympathischen, aber arg leichtgewichtig geratenen Theaterabend ihr eigenes Metier hinterfragen. Ronen besitzt ja die Gabe, das Schwere leicht zu machen. In Produktionen wie etwa aktuell "Common Ground" am Berliner Gorki-Theater arbeitet sie den Jugoslawienkrieg auf, indem sie Schauspieler mit bosnischen, serbischen und kroatischen Wurzeln gemeinsam auf die Bühne stellt. Immer wieder ist es dabei der Humor, der den Brückenschlag zwischen unversöhnlichen Positionen ermöglicht. In "Community" aber überwiegt der spielerische Unernst.

Mitunter geht es ans Eingemachte

Zwar bezieht Yael Ronen auch diesmal die Biografien ihrer Schauspieler mit ein, aber die verhandeln hier eben nicht traumatische Folgen eines Krieges, sondern - was naturgemäß weniger erschütternd ist – Ensemblekonflikte. Was nicht heißt, dass darin nicht zuweilen auch Triftiges sichtbar würde. Wenn beispielsweise Katharina Klar erzählt, wie oft man als Schauspielerin stumm daneben steht, während männliche Kollegen als Titelfiguren lange Monologe halten und wenn Birgit Stöger sarkastisch referiert, in wie vielen Rollen sie im Laufe ihrer Karriere schon auf der Bühne vergewaltigt wurde, dann, ist das entlarvend für das Theater, dass sich als Gemeinschaftskunst gern der Ensemble-Solidarität rühmt.

Aber Protagonisten sind eben Individualisten, die tragende Rollen spielen, während andere ihre Rollen eher ertragen müssen. Mitunter geht es also durchaus ans Eingemachte, zu oft allerdings werden lediglich Eitelkeiten ironisiert. Wenn nicht gar gleich der Klamauk regiert. Da explodiert dann das Gemeinschaftsklo dieser Theater-Kommune braun spritzend und besudelt alle Umstehenden. Aber keine Sorge: Ist ja alles nicht echt, ist ja alles nur Theater. Da muss sich keiner wirklich stinkend schmutzig machen. Yael Ronen hat schon stärkere Duftmarken gesetzt.

"Community" Schauspielhaus Graz, Regie: Yael Ronen, Bühne: Sylvia Rieger, Musik: Yaniv Fridel, Dramaturgie: Veronika Maurer, Michael Ronen, u.a. mit
Katharina Klar, Birgit Stöger, Sebastian Klein, Kaspar Locher, Michael Ronen und Jan Thümer; Nächste Vorstellungen: 27.12.2014, 8.,9.,21. und 28. 1. 2015, 13. 2.2015 und 3.3.2015

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