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Interview | Beitrag vom 23.01.2020

Yad-Vashem-Vertreterin in Berlin"Ich habe Angst vor Antisemitismus überall"

Ruth Ur im Gespräche mit Liane von Billerbeck

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Ruth Ur, mit dunklen Locken und blauen Augen und dunkler Bluse mit Muster, steht im Treppenhaus einer Synagoge in Berlin-Charlottenburg. ( picture alliance/dpa/Bernd von Jutrczenka)
Wir wollen, dass jeder in Deutschland Yad Vashem kennt, sagt Ruth Ur. ( picture alliance/dpa/Bernd von Jutrczenka)

Der Holocaust sei das extremste Beispiel, wohin Diskriminierung führen könne, sagt Ruth Ur, die seit Kurzem das deutsche Büro der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem leitet. Auch der heutige Antisemitismus zeige ihr: "Unsere Arbeit wird nie vorbei sein."

Wie können wir in Deutschland die Erinnerung an den Holocaust wachhalten, wenn die Zeitzeugen allmählich aussterben? Wenn antisemitische Äußerungen in der Öffentlichkeit wieder zunehmen und die bisherige Erinnerungskultur von Rechtspopulisten radikal infrage gestellt wird?

Mit diesen Fragen ist Ruth Ur, die Leiterin des deutschen Büros der zentralen Gedenkstätte für den Holocaust Yad Vashem, täglich konfrontiert, seit sie im vergangenen Oktober ihre Arbeit in Berlin aufgenommen hat.

Die Herausforderung sei, neu zu kommunizieren, warum es wichtig sei, sich mit dem Holocaust zu beschäftigen, sagt Ur. Denn dieser sei als Genozid unvergleichbar und das extremste Beispiel dafür, was aus Diskriminierung resultieren könne: "Das ist ein wichtiger Teil der deutschen DNA und auch von ganz Europa."

Antisemitismus - nicht nur in Deutschland ein Problem

Auch zeigten aktuelle antisemitische Angriffe und Schmierereien, "dass unsere Arbeit nie vorbei sein wird". Das Problem sei allerdings nicht auf Deutschland beschränkt: "Ich habe Angst vor Antisemitismus überall, auch in den USA, auch in Großbritannien", betont Ur.

Eine weitere Herausforderung ist es, auch nach dem Aussterben der Zeitzeugen eine emotionale Ebene des Gedenkens herzustellen. "Diesen persönlichen Zugang kann man nicht ersetzen, wenn die Zeitzeugen weg sind", so Ur. "Aber man muss neue Wege finden, diese emotionale Verbindung zu schaffen." 

Dabei setzt sie auf Kunst und Kultur. Etwa mit der von ihr angestoßenen Fotoausstellung mit Porträts des Fotografen Martin Schoeller von Holocaust-Überlebenden: "Ein ganz, ganz wichtiger Weg, um diese emotionale Verbindung zu schaffen. Wenn man vor diesen Bildern steht und auf der einen Seite ganz normale alte Leute sieht, aber dann ein kleines Schild darunter liest, was sie erfahren haben als Kinder. Plötzlich bekommt es eine ganz andere Perspektive."

(uko)  

Hören Sie zum Thema auch den Beitrag von Jan Pallokat zum Konflikt um die Gedenkfeier in Yad Vashem und das Fernbleiben des polnischen Premierministers:
    

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