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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 07.10.2010

Wunscherfüllungsmedizin

Von Florian Felix Weyh

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Mediziner (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Mediziner (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Kindern die Welt zu erklären, ist fast immer erkenntnisleitend. Nehmen wir an, man besucht einen Verwandten im Krankenhaus und passiert dabei am Eingang das seltsame Schild Kinderwunschbehandlung. "Kinderwunschbehandlung?" fragt das Kind. "Werden da Kinderwünsche behandelt? Zum Beispiel so, dass man zum Geburtstag seinen dringendsten Wunsch erfüllt kriegt?"

Als Elternteil lacht man herzlich und erklärt, dass lediglich der Wunsch nach Kindern behandelt wird: Paare, die keine bekommen können, sollen hier so gesund gemacht werden, dass sie eines Tages doch Eltern werden können. "Aber", entgegnet das Kind, "ich kann doch auch keine Kinder bekommen. Bin ich krank?" Man lacht erneut – so funktioniert eben kindliche Logik! Doch seit Montag klingt dieses Lachen belegt.

Alle westlichen Staaten hadern mit dem Problem unscharfer Krankheitsdefinitionen. Je unschärfer diese Definitionen, desto mehr Menschen gelten als krank, desto teurer werden die Gesundheitssysteme, desto schneller sind sie vom Kollaps bedroht. Wo Altersabnutzungen, Normabweichungen, Befindlichkeitsstörungen enden und wo ernstzunehmende Krankheiten beginnen, lässt sich leider nicht exakt festlegen, sondern unterliegt gesellschaftlichen Vereinbarungen.

Noch ist ein Schulkind, das vor einer Klassenarbeit Bauchweh hat, keineswegs krank; dito auch kein Schauspieler, dem es vor jedem seiner Auftritte ebenso ergeht. Wer in einem Streit einen hochroten Kopf bekommt, erhält keine blutdrucksenkenden Mittel von der Krankenkasse bezahlt, wiewohl jedes Messgerät Alarm schlüge. Er sollte einfach weniger streiten. Auch Unfruchtbarkeit ist keine Krankheit.

Unfruchtbarkeit ist ein existenzieller Umstand. Ein unmusikalischer Mensch kann kaum Klavierstimmer werden - so ist das Leben, auch wenn der Betroffene darüber todunglücklich sein mag! Jede Selbstverwirklichung endet vor den Schranken persönlicher Umstände. Bis dato galt für unseren Krankheitsbegriff stets das entschei¬dende Kriterium, dass Krankheit die Integrität des Subjekts bedroht.

Ein unfruchtbares Subjekt ist aber nirgends in seiner Integrität gefährdet; es kann nur keine weiteren Subjekte erzeugen. Notabene: Die Trauer über die eigene Begrenztheit gehört zu jeder Erfahrung reifer Individualität dazu, die begreift, dass sie lebenslänglich an bestimmte Gegebenheiten gebunden bleiben wird. Sie rechtfertigt deswegen auch keineswegs die Pathologisierung im Sinne einer psychologischen Heilbedürftigkeit.

Geben wir das entscheidende Kriterium der Subjektintegrität auf, wie das die Reproduktionsmedizin vor 30 Jahren getan hat, wird alles optional. Medizin erobert sich dann einen unendlichen Gestaltungsspielraum. Infolgedessen könnte sich die Gesellschaft – und nicht mehr das Subjekt! – als krank definieren. Wenn es zum Beispiel zu wenig blauäugige Menschen gäbe, wäre es dann Aufgabe der Mediziner, diese gesellschaftliche "Krankheit" zu heilen. Eine Fülle von Korrektionsbeispielen ist hier denkbar, und nicht alle wirken so weit hergeholt; man muss nur an die derzeitige Intelligenzdebatte denken.

Wohlgemerkt: Jedem sei freigestellt, seine Ersparnisse in persönliche Wunscherfüllungen zu stecken, von denen er meint, sie machten ihn glücklich. Aber mit Krankheit und Heilkunst hat das nichts tun. Dass das Stockholmer Nobelpreiskomitee ohne Not die Grenze zwischen medizinischen Notwendigkeiten und Allmachtsphantasien überschritten hat, ist ein höchst alarmierender Umstand. Die Aufwertung der gewinnträchtigen Life-Science-Industrie zur Heilkunst wird uns noch viel Geld kosten - Geld, das dann an anderen Stellen im Medizinbetrieb fehlt.

Das ist ein viel größerer Skandal als die beiden skandalösesten Medizinnobelpreise der Vergangenheit für die Entdeckung des DDT als Insektengift und die Entwicklung der Lobotomie. In beiden Fällen deckten spätere Erkenntnisse auf, dass der avisierte "größte Nutzen für die Menschheit" mit erheblichen Gefahren oder schauerlichen Nebenwirkungen verbunden war. Zum Zeitpunkt der Preisverleihung konnte das noch niemand wissen. Diesmal hat Stockholm den Sündenfall offenen Auges begangen. Und für nächstes Jahr dürfen wir einen Dopingarzt als Nobelpreisträger erwarten. Der Nutzen seiner Arbeit ist für die Nutznießer unbestreitbar.


Florian Felix Weyh, Schriftsteller und freier Journalist in Berlin (Katharina Meinel)Florian Felix Weyh, Schriftsteller und freier Journalist in Berlin (Katharina Meinel)Florian Felix Weyh, geboren 1963, lebt als Autor und Publizist in Berlin. Preise und Stipendien für Drama, Prosa und Essay; seit 1988 arbeitet er regelmäßig als Literaturkritiker für den Deutschlandfunk. Sein jüngstes Buch "Die letzte Wahl - Therapien für die leidende Demokratie" erschien 2007 in der Anderen Bibliothek. Verstreute Texte und weitere Informationen zur Person sind auf www.weyh.info zu finden.

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