Seit 14:30 Uhr Vollbild
Samstag, 17.04.2021
 
Seit 14:30 Uhr Vollbild

Zeitfragen | Beitrag vom 31.03.2021

Wunderheiler und Hexenglaube in der NachkriegszeitDie Flucht ins Irrationale

Von Stefanie Oswalt

Beitrag hören Podcast abonnieren
"Wunderheiler" Bruno Gröning (l, stehend) spricht 1955 in Düsseldorf in einer Privatversammlung vor geladenen Gästen. (dpa / picture alliance / Klaus-Dieter Heirler)
"Wunderheiler" Bruno Gröning (l, stehend) war nach dem Krieg groß im Geschäft, hier 1955 in Düsseldorf. Die Historikerin Monica Black hat auch zu ihm geforscht. (dpa / picture alliance / Klaus-Dieter Heirler)

Handauflegen, Wunderheilung und angebliche Hexerei. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten in Westdeutschland selbst ernannte „Wunderdoktoren“ wie Bruno Gröning regen Zulauf. Diese Realitätsflucht hatte konkrete Gründe.

Wunderheiler hatten im Nachkriegsdeutschland Konjunktur:

"Heute ist es soweit dahingehend gediehen, dass ich wirklich die Beweise erbringen kann, dass wie wenn Menschen von einem langen Leiden behaftet waren, wenn sie Asthma hatten, und sie alle möglichen Versuche angestellt, von diesem Übel überhaupt frei werden zu können – war nicht möglich – wie mir die Bestätigungen hier gegeben werden, dass Menschen tatsächlich von dem Übel tatsächlich nur ... durch das Anhören meiner Vorträge tatsächlich ihre volle Gesundheit zurückerlangt haben." 

Ein Interview des SWR von 1956 mit Bruno Gröning. Heute ist dieser Name einer breiteren Öffentlichkeit kaum mehr bekannt – 1949 hingegen strömten die Massen dem sogenannten "Wunderheiler von Herford" zu: Menschen mit seelischen und körperlichen Verwundungen, die bei Bruno Gröning Linderung für ihr Leid suchten. Zahlreiche Bilder dokumentieren die Selbstinszenierungen des vermeintlichen Heilsbringers.

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)
"Was ich interessant fand: Dass er eine Neigung hatte, auf Balkonen zu stehen, in der Nacht und dass er öfters schwarz gekleidet war. Jeden Abend, als er auf den Balkon getreten ist, hat ein Scheinwerfer auf sein Gesicht ein Licht projiziert. Ich behaupte, dass das für einige Leute eine Art – ich will das ganz vorsichtig sagen – eine Art von heilendem Effekt hatte. Gröning hat ein Charisma gehabt, das ist offensichtlich."

Sagt die US-Amerikanerin Monica Black. Sie forscht an der an der Universität von Tennessee über die deutsche Nachkriegszeit und fokussiert sich dabei auf sozialpsychologische Phänomene: etwa auf die Anziehungskraft Bruno Grönings. Gröning propagierte in seinen Schriften und Vorträgen die Umkehr zu Gott und versprach zugleich seelische und physische Heilung durch einen von ihm ausgehenden Zitat "Heilstrom" oder "Heilwellen".

Gröning war keine Einzelerscheinung

Menschen, die Grönings Vorträgen lauschten oder sich in den Besitz von ihm verteilter Stanniolkügelchen brachten, hätten später von der Heilung ihrer Leiden – etwa Asthma berichtet. Grönings Beispiel, so Monica Black, zeige in besonderer Weise die Bereitschaft der deutschen Nachkriegsgesellschaft, sich für übernatürliche Phänomene zu öffnen. Aber er war keine singuläre Erscheinung. 

"Ich schreibe über den Wunderdoktor Bruno Gröning, obwohl es auch andere Wunderdoktoren zu dieser Zeit gegeben hat, es hat Marienerscheinungen gegeben, also Visionen von der Mutter Gottes, ich beschreibe die Suche nach Heilung, vor allem für Leute mit seelischen Krankheiten … apokalyptische Fantasien sind auch thematisiert in meinem Buch. Es gibt eine Reihe von außergewöhnlichen Ereignissen, die ich alle zusammengebracht habe." 

Die Ergebnisse ihrer Forschungen hat Black jüngst in einem Buch mit dem Titel "A demon-haunted land" publiziert: zu deutsch etwa: "Ein Dämonen heimgesuchtes Land". Untertitel: "Hexen, Wunderdoktoren und die Geister der Vergangenheit im Nachkriegsdeutschland." 

"Mein Buch geht über die spirituellen und sozialpsychologischen Effekte, die die Niederlage im Zweiten Weltkrieg und die Offenlegung des Holocausts auf die Deutsche Gesellschaft hatten. Und ich fand, dass diese Ereignisse, die ich beschreibe, Manifestationen eines Gefühls des Unbehagens waren: Das Gefühl, dass man von Gott beurteilt worden ist. Man musste sich fragen: Warum haben wir den Krieg verloren? Aber es gibt auch eine Hinterfrage: Warum ist das gerade uns passiert. Was bedeutet das?"

Was trieb die Leute in die Arme der "Wunderheiler"?

Die Niederlage, so Black, habe Deutschland sowohl in physischer als auch in metaphysischer Hinsicht zerbrochen – Fragen moralischer Schuld und Verantwortung sowie nach Verurteilung und juristischer Schuld traten auf. Die Politikwissenschaftlerin Hannah Arendt hat die "Realitätsflucht" der Nachkriegsdeutschen konstatiert, der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich die "Unfähigkeit zu trauern" analysiert.

Monica Black verweist nun auf die Hinwendung vieler Menschen zu übernatürlichen Phänomenen, in der Hoffnung, dort nach der Verunsicherung durch den Krieg Geborgenheit und Zuflucht zu finden. Solche Beobachtungen seien vielleicht nur mit dem Blick von außen zu machen, meint Monica Black, denn die deutsche Geschichtsschreibung habe einen anderen Fokus. Warum haben Fragen der psychosozialen und spirituellen Disposition bislang so wenig Aufmerksamkeit erfahren? 

"Ich würde sagen, die Geschichte von Deutschland in der Nachkriegszeit ist eine Geschichte des Erfolgs. Das ist eine Geschichte des Fortschritts, eine Geschichte der Industrie und eine Geschichte von Wissenschaft und Arbeit. Es ist auch eine Geschichte von der Aufarbeitung der Geschichte. Ich glaube, dass die Geschichte, die ich jetzt erzähle, eine ziemlich unbequeme Geschichte war, nicht eine Geschichte des Fortschritts. Ich glaube, dass einige Menschen denken, dass solche Geschichten nicht zu einer Geschichte der Moderne passen – aber das ist offensichtlich nicht der Fall."

Anschuldigungen von Hexerei in den 50er-Jahren

So hat Monica Black auch Fälle von Hexendenunziationen recherchiert: Beispielsweise Anfang der 1950er-Jahre in Dithmarschen, Schleswig-Holstein, wo ein wegen der Krankheit seines Kindes verzweifelter Vater seine Nachbarin und den ehemaligen Bürgermeister als Hexen – und Mächte des Bösen bezichtigte. Eine Episode, die auch medial für Aufregung sorgte und schließlich vor Gericht landete. Monica Black sieht in solchen Vorkommnissen die Schattenseite der Aufklärung: Sie bringe Mythen, Ängste und Emotionen hervor, denen eine gewisse Irrationalität innewohnt. Gegen Ende der 1950er-Jahre, so Monica Black, stabilisierte sich die deutsche Gesellschaft: 

"Ich behaupte, das Gefühl von sozialem Misstrauen, das Leute untereinander gehabt haben, diese Anschuldigungen von Hexerei schwächten sich Ende der 50er-Jahre, weil materiell ging es vielen Leuten viel besser als je zuvor." 

Und diese materielle Sicherheit, so Black, habe auch Auswirkungen auf die psychosoziale Stabilität gehabt: Langsam schwanden die Ängste vor den Nachbarn – man fürchtete nicht mehr, wegen Verfehlungen im Krieg denunziert zu werden. 

"Die Beamten, die sich Sorgen gemacht haben wegen Hexenanschuldigungen, die sagten am Ende der 50er-Jahre: Wir wissen nicht, was passiert ist, es hat einfach aufgehört. Das ist in den Quellen: Das Problem existiert nicht mehr. Ich würde sagen: Irgendwie hat sich das Gefühl des Vertrauens wieder aufgebaut."

Das ist im Hinblick auf die zersplitterte Gesellschaften von heute QAnon, Verschwörungsglaube und Querdenkerei – ein hoffnungsvoller Befund.

Das Buch "A Demon-Haunted Land" von Monica Black wird 2021 in deutscher Übersetzung bei Klett-Cotta erscheinen.

Mehr zum Thema

Globuli und Chlorbleiche - Das gefährliche Geschäft mit der Alternativmedizin
(Deutschlandfunk Kultur, Tacheles, 17.10.2020)

150 Jahre Periodensystem: Arsen - Element der Giftmörder und Wunderheiler
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 06.03.2019)

Antisemitismus in Westdeutschland - Im Windschatten des Kalten Krieges
(Deutschlandfunk Kultur, Aus der jüdischen Welt, 18.12.2020)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Zeitfragen

Nature WritingInsekten singen im Sinkflug
Ein Marienkäfer krabbelt auf einer Hand. (imago / YAY Images / pilat)

Sie dichten über Dodos, schreiben über Steine oder Tauben: Junge Schreibende entdecken die Natur und erfinden damit die Tradition des „Nature Writing” neu. Ihre Werke bewegen ein Publikum, das im Lockdown seinerseits die Natur wiederentdeckt hat.Mehr

Neuer Wettlauf ins AllFernziel Mond
Die undatierte Apollo 11-Aufnahme zeigt die von Kratern übersäte Mondoberfläche, die allesamt durch die Einschläge von kleinen Körpern im Sonnensystem herrühren. Kein Hinweis auf Wasser: Der Mond sieht staubtrocken aus. Aber in manchen Kratern lagert Wassereis. (picture alliance / dpa / Nasa)

Der Wettstreit um die Vorherrschaft im All prägte die 50er- und 60er-Jahre. Nach Jahren der Zurückhaltung könnte ein neuer Wettstreit drohen: NASA und ESA planen eine Mondlandefähre. China und Russland haben eigene Pläne.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur