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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.06.2011

Wütende Kekse und tieftraurige Spaghettis

Aimée Bender: "Die besondere Traurigkeit von Zitronenkuchen" Berlin Verlag, 304 Seiten

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Rose hat die Fähigkeit aus einem Gebäck Gefühle aufsteigen zu lassen. (AP Archiv)
Rose hat die Fähigkeit aus einem Gebäck Gefühle aufsteigen zu lassen. (AP Archiv)

Rose schmeckt im Zitronenkuchen die Gefühle ihrer Mutter - die unter dem Familienidyll verborgene Bitterkeit. Von nun an kann sie nichts mehr essen, ohne über die Herkunft der Zutaten der Gerichte und vor allem über die Köche viel mehr zu erfahren, als ihr lieb ist.

Eine glückliche Familie in Los Angeles: Der Vater ist Anwalt und Workaholic, die Mutter, jung, kreativ und begeisterungsfähig, kümmert sich um Haus, Garten, Sohn Joseph und Tochter Rose. Eine glückliche Familie? Zu Roses neuntem Geburtstag backt ihre Mutter ihr einen Zitronenkuchen mit Schokoladenglasur. Glücklich beißt Rose in ihr Stück – und ist fassungslos: Der Kuchen schmeckt nach Tränen, nach Sehnsucht, nach Leere.

Aimée Bender hat mit "Die besondere Traurigkeit von Zitronenkuchen" einen ganz besonderen, synästhetischen Roman geschrieben: Rose schmeckt die Gefühle, die ihre Mutter leugnet, die aber in den von ihr gebackenen Kuchen eingegangen sind; sie schmeckt buchstäblich die unter dem Familienidyll verborgene Bitterkeit. Der Vater: wenig kommunikativ, der Sohn: fast autistisch, die Mutter: unbefriedigt, vernarrt in ihren Sohn, äußerlich liebevoll zu ihrer Tochter, die trotz aller Liebe fortan mit den Oberflächen und Unehrlichkeiten der Gefühle leben muss. Und nicht über das reden kann, was sie weiß und warum sie es weiß.

Von nun an kann Rose nichts mehr essen, ohne über die Herkunft der Zutaten der Gerichte und vor allem über die Köche viel mehr zu erfahren, als ihr lieb ist. Sie erfährt von Affären und von scheiternden Beziehungen, sie isst wütende Kekse und tieftraurige Spaghettis in Lokalen und Schulkantinen. Nur sehr selten spürt sie Glück oder auch nur Zufriedenheit. Sie schmeckt die Fassaden, die alle Menschen selbst ihren Liebsten zeigen, schmeckt die Abgründe hinter dem äußeren Leben. Ihre schwierige Gabe macht Rose unendlich einsam, ganz abgesehen von der speziellen Diät, zu der sie sie zwingt. Der einzige Mensch, dem sie davon erzählen kann, ist George, der beste Freund ihres höchst seltsamen Bruders.

Die Idee, aus einem Gebäck Gefühle aufsteigen zu lassen, erinnert natürlich an Marcel Prousts Madeleine-Episode. Doch Rose erinnert sich nicht wie Prousts Erzähler an ihr eigenes früheres Leben, sondern sie dringt, ohne es zu wollen, wie eine unfreiwillige Spionin in das Leben anderer Menschen ein und wird von deren Gefühlen überschüttet, während ihr Kummer von niemandem gesehen wird.

Aimée Bender lässt Rose die Geschichte im Rückblick erzählen. "Die besondere Traurigkeit von Zitronenkuchen" beginnt wie ein charmanter Unterhaltungsroman aus Kinderperspektive, der dann allerdings leicht surreale Züge bekommt. Roses schweigsamer Bruder fängt an, auf unerklärliche Weise zu verschwinden und – vorerst - wieder zu materialisieren. Besitzt er ebenfalls eine Gabe? Und was ist mit dem durch und durch normalen Vater? Und der Großmutter?

Rose arrangiert sich mit ihrem ungewöhnlichen Geschmackssinn und findet schließlich ihren Weg ins erwachsene Leben. Der Roman hat Charme, er ist sprachlich auf leichte Weise elegant und schafft es, die ungewöhnliche Handlung glaubwürdig zu machen. Nie spielt er ins Unheimliche oder Absurde: Das, was Rose erlebt, ist für sie der ganz normale Alltag mit seinen Schrecken. Die Art und Weise, wie der Geschmackssinn ins Zentrum gestellt und den Lebensmitteln – die in unserer zwanghaften Esskultur so ungemein wichtig sind – emotionale Werte zugeschrieben werden, ist sehr originell und erstaunlich einleuchtend.

Besprochen von Gertrud Lehnert

Aimée Bender: Die besondere Traurigkeit von Zitronenkuchen
Roman, Aus dem Englischen von Christiane Buchner und Martina Tichy
Berlin Verlag, Berlin 2011
304 Seiten, 19,90 Euro

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