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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.01.2008

Wuchtige Prosa aus dem Gebirge

Florjan Lipuš: "Die Regenprozession und andere Prosa". Wieser Verlag, Klagenfurt 2007. 250 Seiten

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Buchseiten (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
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Auf Florjan Lipuš' Werke wurde die literarische Öffentlichkeit erstmals aufmerksam, als Peter Handke 1981 dessen Roman "Der Zögling Tja" übersetzte, der bereits 1973 in Slowenien erschien. Lipuš gehört zur Volksgruppe der Kärntner Slowenen, die im Dritten Reich unter Repression und Verfolgung litten. Davon handeln auch die Texte in dem Band "Die Regenprozession und andere Prosa", die kraftvoll und mit Wucht die Erinnerungen an Partisanenkämpfe hervorrufen.

Ansteigende Wiesen, die Äcker am Hang. Darüber Wald und nackter Fels, ein Streifen Himmel nur: Wir sind in einem "Graben" in den Karawanken, dort, wo Österreich an Ex-Jugoslawien grenzt. Die Welt hier in Südkärnten ist zweigeteilt, Sonn- oder Schattseite, slowenisch oder deutsch. Auf der Sonnseite des Tals, an einem Bach, geht ein Karrenweg hinauf. Der Weg führt mitten hinein in das literarische Universum des Dichters Florjan Lipuš. In solch einem Graben wurde er geboren, in der Hütte einer Magd und eines Holzfällers, im Mai 1937.

Lipuš ist Kärntner Slowene, Angehöriger jenes Volkes, das die Region einst erschloß. Seit dem Ende des Ersten Weltkriegs sind die rund 15.000 Slawen eine Minderheit im eigenen Land, mit scheelen Blicken betrachtet und schubweise Repressalien ausgesetzt.

Rückblende: 1938 votiert die Mehrheit in Kärnten für den Anschluss ans Reich. Hitler spricht in Klagenfurt. "Macht mir das Land deutsch!" Florjan Lipuš ist vier, als deutsche Truppen in Jugoslawien einmarschieren. 1942 werden tausend Kärntner Slowenen nach Deutschland verschleppt. Im Gebirge erwacht Widerstand, "Waldleute" kommen über die Karawanken. Aber auch Gestapo-Männer gehen, als Partisanen verkleidet, in den Gräben von Hof zu Hof, um Brot zu erbetteln. Ein Trick. Lipuš' Mutter fällt darauf herein. Am nächsten Tag wird sie abgeholt; sie stirbt im KZ Ravensbrück. Der Sohn: "Ob sie vergast worden ist oder ob sie da ..., also, woran sie gestorben ist, weiß ich nicht. Ich hab das verdrängt."

Lipuš wird Lehrer, und er schreibt, am Morgen, in den zwei Stunden vor Unterrichtsbeginn. Slowenisch schreibt er, Texte voll bösen Humors, voller Schmerz, Verzweiflung, Melancholie, eigenwillig in den Bildern, im Tonfall, in der Grammatik. Immer wieder umkreist der Autor seine Themen: Die Engstirnigkeit der Bergler. Die kalte Allmacht der Kirche. Der Haß strammer Deutschnationaler. Die Leiden der Minderheit - und ihre Selbstinszenierungen als Opfer.

Für Kenner des Werks gehört der Kärntner zu den großen europäischen Autoren. Peter Handke etwa rühmt die "Wortspielkunst" des Kollegen sowie "Wucht und Schmerz" seiner Texte. Verleger Lojze Wieser aus Klagenfurt ehrte den Erzähler mit einer Werkausgabe. Dieser Tage erscheint der letzte Teil dieser Ausgabe, ein Band mit vier perfekten Prosastücken, die bislang nur auf Slowenisch vorlagen.

In einem Text von 1973 kehrt Florjan Lipuš zurück in seine Kinderzeit, in die Karawanken des Jahres '45:

"Schon eine Zeitlang haben sich bei uns immer wieder die Partisanen gemeldet. Bei uns fühlten sie sich in Sicherheit, bei uns haben sie immer ihr Essen gekocht. Zahllose Nächte haben sie auf unserer Tenne geschlafen."

"Die Stiefel" heißt der Text, ein polemischer Essay, getarnt als Entwurf für ein Drama. In dem Stück beschreibt Lipuš ein reales Nazi-Massaker. Der Ort: ein Hof in einem Graben. Die Opfer: elf Slowenen, darunter etliche Kinder. Als Requisiten für das Drama empfiehlt der Verfasser nur zweierlei - ein paar Särge und derbe Stiefel, deutsche Stiefel. Denn die, so formuliert es der Dichter, seien stark beschlagen und schwer genug, ohne Schwierigkeiten einen Kinderkopf zu zerdrücken...

Eine Erzählung ("Filip Murn") ist eine für Lipuš so typische Dorfgeschichte, abgründig, slowenisch, bar jeder Volkstümelei. ("Eines nach dem anderen gingen die Häuser ins Deutsche über, mit jeder Generation zwei oder drei.") Ein weiterer Text trägt den programmatischen Titel "Anleitungen zum Schreien".

Im Zentrum des Bandes steht "Die Regenprozession", ein kleiner Roman. In der Art eines Freskos, mit weit ausholender Geste, skizziert der Autor ein grausiges Stück Dorfleben. Einen Hexenprozess. Man sieht das Opfer, eine junge Frau, zufällig in die Mühlen der Inquisition geraten. Man sieht die Denunzianten, die Neider, die geifernden Nachbarn. Man erlebt die Folter, die Qualen der Frau, den Tod.

"Spät, sozusagen im letzten Abdruck, hatten nun die Dörfler, die schon lange auf eine eigene Hexe lauerten, ihren Tag und verbrannten sie rasch und möglichst geräuschvoll und feierlich am Scheiterhaufen."

Schockierend an der Darstellung ist nicht allein die Detailtreue. Schockierend ist vor allem der Vergleich zwischen dem Terror der Kirche und einer modernen Diktatur. Lipuš stellt die Opfer provokant nebeneinander: "Ganze neun Millionen wegen Hexerei Getöteter gegen ganze sechs Millionen Getöteter im Dritten Reich".

"Die Regenprozession" erschien 1987 auf Slowenisch. Verwundert schaut man in den zwanzig Jahre alten Text: Welche Kraft im Ausdruck und welcher Zorn, welche Radikalität!

Heute wirkt der Erzähler milder - Florjan Lipuš, ein pensionierter Lehrer, eben siebzig geworden. Er mag nicht mehr kämpfen, mag nicht mehr mahnen. Doch er lebt (wie eine seiner Romanfiguren) "in der Umzingelung der Erinnerungen", umstellt von Bildern. Und diese Bilder lassen ihn nicht zur Ruhe kommen, sie treiben den Dichter, auch wenn er im Gespräch etwas anderes äußert:

"Also ich gehöre nicht zu denen, die behaupten, sie müssen schreiben, es drängt aus ihnen was heraus. Aus mir drängt nichts heraus, bei mir geht alles sehr zaghaft und irgendwie auch schwer. Also: Ich muss wirklich nicht. Ich verspüre keine messianischen Anfälle."

Rezensiert von Uwe Stolzmann


Florjan Lipuš: Die Regenprozession und andere Prosa
Aus dem Slowenischen von Johann Strutz
Wieser Verlag, Klagenfurt 2007
250 Seiten. 21 Euro

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