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Rang I | Beitrag vom 19.12.2020

"Woyzeck Interrupted" am Deutschen TheaterKein Mitleid mit dem Mörder

Amir Reza Koohestani im Gespräch mit Janis El-Bira

Szene aus: "Woyzeck Interrupted" von Mahin Sadri und Amir Reza Koohestani nach Georg Büchner, Regie: Amir Reza Koohestani. Deutsches Theater Berlin, 2020. (DT Berlin / Arno Declair)
Nicht nur die Aufführung eines Klassikers, sondern auch das Hinterfragung des Theaters selbst: "Woyzeck Interrupted" am Deutschen Theater Berlin. (DT Berlin / Arno Declair)

Regisseur Amir Reza Koohestani und die Autorin Mahin Sadri haben unter Coronavorzeichen Büchners "Woyzeck" neu geschrieben. Am Deutschen Theater in Berlin fragen sie nach den Mustern männlicher Gewalt gegenüber Frauen.

Woyzeck liebt Marie, aber sein schmaler Soldatenlohn bringt das junge Paar mit gemeinsamem Kind kaum über die Runden. Woyzeck nimmt gegen Geld an Menschenversuchen teil, Marie beginnt eine Affäre. Aus Eifersucht wird sie von Woyzeck getötet. Das ist grob die Handlung von Georg Büchners Stück "Woyzeck", einem der wichtigsten Klassiker der Theatergeschichte.

Am Deutschen Theater Berlin haben der Regisseur Amir Reza Koohestani und die Autorin Mahin Sadri dieses Stück nun neu geschrieben: "Woyzeck Interrupted" handelt von einem im Lockdown eingesperrten Schauspielerpaar und von der Gewalt von Männern gegenüber ihren Partnerinnen.

Bei Büchner bleibt das Opfer passiv

Heute Abend ist Premiere im Stream. Regisseur Koohestani erzählt, was ihn bei der Neulektüre von Büchners "Woyzeck" besonders beschäftigt hat: "Die Frage, die ich mir vor allem stellte, war: Was wäre, wenn sich Marie oder ein anderes Opfer von häuslicher Gewalt, Büchners ‚Woyzeck‘ anschauen würden? Was wäre die Reaktion? Stellen Sie sich das vor: Sie entwickeln ein Stück, basierend auf echten Fällen von häuslicher Gewalt, und dann fragen Sie ein Opfer oder dessen Familie, ob sie zur Premiere kommen wollen."

Das sei doch eine sehr sensible Angelegenheit. Vor anderthalb Jahren habe er einen Artikel in der Wochenzeitung "Die Zeit" gelesen über die lange Liste von Frauen, die 2018 in Deutschland von ihrem Partner oder Ex-Partner ermordet worden seien. "Da habe ich sofort die Verbindung zum ‚Woyzeck‘ gezogen. Schließlich hatte auch Büchner sein Stück auf einem realen Mordfall basieren lassen." Das sei sozusagen frühes Dokumentartheater. "Plötzlich sah ich dann in dieser Liste aus dem Zeit-Artikel 120 potenzielle ‚Woyzeck‘-Stücke."

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Allerdings wollen Koohestani und Ko-Autorin Mahin Sadri mit ihrer "Woyzeck"-Überschreibung keine Einzelfälle analysieren. Bei Büchner entstehe genau durch die Fokussierung auf die psychologischen Motive ein Zuviel an Empathie für den Mörder Woyzeck.

"Das Problem für mich ist, dass das Opfer dieses Stücks so passiv bleibt", sagt Koohestani. "Marie hat eigentlich keine Stimme."  Es gebe zwar diese Szene, in der Woyzeck sie schlagen wolle und Marie sage, dass sie eher noch von ihm erstochen als geschlagen werden wolle. "Marie ist eine verhältnismäßig starke Figur, aber Sätze wie diesen hat sie ansonsten kaum", so Koohestani. "Marie und ihre Affäre mit dem Tambourmajor sind bloß eine unter vielen Belastungen für Woyzeck."

In Koohestanis und Sadris Version gehe es dagegen um die "Muster" männlicher Gewalt gegenüber Frauen. Sie müssten oft die Konsequenzen für alle anderen psychischen Belastungen tragen, denen ihre Partner ausgesetzt seien.

Per Stream hinter die verschlossenen Türen

Weil für Koohestani eine Hinterfragung des großen Klassikers "Woyzeck" auch immer eine "Hinterfragung des Theaters selbst" bedeute, habe er bewusst das Theatermilieu als Setting für seine Inszenierung gewählt. Schließlich seien auch Theatermacher – ähnlich wie Büchners Woyzeck – in der Coronakrise über Nacht zu "Niemanden" geworden, deren Arbeit nicht mehr gewürdigt werde. 

Dass "Woyzeck Interrupted" nun wegen der Schließung der Theater zunächst nicht auf der Bühne, sondern als Stream gezeigt wird, findet Koohestani interessant. Schließlich ergebe sich daraus die Möglichkeit, eine ganze eigene Version der Inszenierung zu erarbeiten, die nicht identisch mit der Bühnenversion sein solle.

Außerdem erlaube das Streaming, dass nun auch ein Publikum erreicht werde, das sonst nicht ins Theater komme, so der aus dem Iran stammende Regisseur. Gerade bei einer Inszenierung, deren Thematik "hinter Mauern und verschlossenen Türen" spiele, sei das sicherlich eine Chance.

(jeb)

"Woyzeck Interrupted" von Amir Reza Koohestani und Mahin Sadri: Stream-Premiere am 19. Dezember 2020 um 20 Uhr auf der Webseite des Deutschen Theaters Berlin. Weiterer Termin am 28. Dezember. Bühnenpremiere voraussichtlich in 2021.

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