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Profil / Archiv | Beitrag vom 21.05.2013

Woody Allens Nase, Heinz Buschkowskys Doppelkinn

Die Künstlerin Linda Jakobsen modelliert Minifiguren von Prominenten aus Knete

Von Britta Kuntoff

Diese Knetfigur von Linda Jakobsen stellt den Regisseur Woody Allen dar. (dpa / pa / Tirl)
Diese Knetfigur von Linda Jakobsen stellt den Regisseur Woody Allen dar. (dpa / pa / Tirl)

Sie sind nur wenige Zentimeter groß, dafür aber unglaublich detailgenau: Eine junge Frau aus Berlin formt Prominente wie Axel Prahl, Helmut Schmidt oder Marilyn Monroe aus Knetgummi. Wir haben der Künstlerin mit dem Pseudonym "Karlotta Knetkowski" bei ihrer Arbeit über die Schulter geschaut.

"”Woody Allens Nase. Wirklich. Seine Nase ist zwar markant, aber die war auch schon irgendwie schwer. Und das Doppelkinn von Heinz Buschkowsky, das war auch schwer. Nicht wegen der Masse, sondern das irgendwie so dreidimensional ästhetisch aussehen zu lassen. War das erste Doppelkinn.""

Karlotta Knetkowski streichelt zart die fleischfarbene Wulst am Hals des Neuköllner Bürgermeisters. Er thront im zweiten Fach ihres überquellenden Schuhregals und sieht recht glücklich aus. Rechts neben ihm blickt Klaus Kinski seinen Klaus-Kinski-Blick, dahinter hockt der Sänger der Beatles auf weißem Einlegeboden.

"John Lennon, den hab ich in einer Woche durchgeknetet gehabt."

Insgesamt 20 prominente Gestalten tummeln sich in Karlotta Knetkowskis WG-Zimmer in Berlin-Prenzlauer Berg. Nina Hagen, Marilyn Monroe, die Knef. Alle aus Knetgummi, keine von ihnen größer als 20 Zentimeter. Und doch unglaublich detailgenau. Gerade hält Karlotta Knetkowski den Tatort-Kommissar Axel Prahl in ihren zarten den Händen.

"Der hat an den Schläfen so graue Bereiche, deswegen nehme ich jetzt so eine ganz ganz kleine Kugel weiße Knete und drück die dann quasi an die Schläfe und vermisch das miteinander. Mit dem Messer mach ich dann Falten, die kerb ich dann langsam ein, ganz, ganz langsam."

Axel Prahl aus Knete (Karlotta Knetkowski)Axel Prahl aus Knete (Karlotta Knetkowski)Karlotta Knetkowski, 27 Jahre alt und Tochter einer Schneiderin, heißt eigentlich Linda Jakobsen, kommt aus Calau in der Lausitz und jobbt bei einem Versandhandel. Seit neun Jahren lebt sie in der Hauptstadt und hat eine Ausbildung im Medien- und Musikmanagement. Zum Kneten kam sie vor vier Jahren. Da formte sie aus Spielzeug-Knete ein Profilbild für ein Online-Portal. Das kam gut an und sie merkte: Kneten tut gut.

"Wenn ich knete, dann bin ich total losgelöst, es ist irgendwie manchmal auch, als ob ich in einem anderen Kosmos bin, dann bin ich halt in meiner Knetwelt, und da gibt es keine Klimaerwärmung, keine Kriege, da ist irgendwie alles heil."

Sogar Helmut Schmidt hat sich schon bedankt

Hellgrün und fast zähflüssig ist der Apfelsaft, der im Tetrapak auf dem 80er-Jahre-Couchtisch steht. Mit ihren 1,55 Meter wirkt Karlotta Knetkowski fast verloren auf dem Plüschsofa. Sie dreht sich ständig neue Zigaretten und trinkt ein Glas nach dem anderen. Jedes der Vorbilder ihrer Knetfiguren entsteht hier in ihrem Zimmer, jede hat etwas mit ihr zu tun.

"Mit den Persönlichkeiten, das zieht sich eigentlich durch alle Knetfiguren. Dass es alles Menschen sind, die irgendwelche Dinge machen, die mich inspirieren oder in denen ich mich vielleicht in irgendwas wiedererkenne."

So wie bei Michael Jackson, dessen Version bei Karlotta ein kleiner, zerbrechlicher Junge ist.

"Er sitzt mit verschränkten Beinen da und spielt an den Fingern, was auch ein bisschen seine Schüchternheit rüberbringen soll. Ja, vielleicht bin ich schüchtern, vielleicht ist das so eine Assoziation."

Ein Sonnenstrahl streift Altkanzler Helmut Schmidt und seine Loki. Sie kuscheln auf Karlotta Knetkowskis Schreibtisch.

Die Knetgummi-Künstlerin Linda Jakobsen alias Karlotta Knetkowski (Karlotta Knetkowski / privat)Die Knetgummi-Künstlerin Linda Jakobsen alias Karlotta Knetkowski (Karlotta Knetkowski / privat)"Die hab ich geknetet, weil da fasziniert mich einfach unheimlich deren Lebensgeschichte. Das ist ja auch nicht so kitschig, wie Hollywood uns immer irgendwelche Liebesgeschichten vorsetzt, sondern eine bodenständige Liebesgeschichte. So eine Innigkeit mit einem Menschen über einen so einen langen Zeitraum zu haben, das ist auf jeden Fall auch etwas, was ich natürlich auch anstrebe."

Helmut Schmidt von der Existenz seines Knetabbildes wissen zu lassen, war eine Herzensangelegenheit für die Künstlerin. Sie schickte ihm ein Foto des Gummipaares.

"Dann habe ich tatsächlich auch eine Antwort bekommen und kurz zusammen gefasst: Er hat sich halt bedankt für das Bild der gelungenen Knetfiguren, und da hab ich mich natürlich sehr gefreut."

Am Anfang jeder neuen Figur steht eine Packung Knete. Und Artikel, Interviews, Musik und Bilder rund um den Knet-Homunkulus, der da entstehen soll.

"Ich muss mich auf einen Gesichtsausdruck einschießen. Und es gibt fünf Milliarden Gesichtsausdrücke, die man nehmen könnte, und ich muss mir halt einen rauspicken."

Eng drückt der Stoff-Gorilla Brigitte Bardot in ihre Arme. Ihre Schöpferin in ihrer Second-Hand-Bluse hat sich ihre Kindlichkeit bewahrt. Freuen jedenfalls kann sie sich wie ein kleines Kind:

"Bei den neuen Figuren bin ich immer super euphorisiert und denk so ‚Wow!‘, könnte ich nie aus den Händen geben."

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