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Fazit / Archiv | Beitrag vom 21.01.2015

"Women changing India"Land der starken Frauen

Von Michael Brandt

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Urvashi Butalia hat die Kuratoren der Ausstellung "Women Changing India" beraten (Deutschlandradio / Michael Brandt )
Urvashi Butalia hat die Kuratoren der Ausstellung "Women Changing India" beraten (Deutschlandradio / Michael Brandt )

Ob in der Politik, in der Justiz, als Künstlerinnen oder Taxifahrerinnen - Frauen kurbeln Indiens Wirtschaft an, sie ändern die Gesellschaft. Im Haus der Wirtschaft in Stuttgart werden Fotografien dieser Frauen gezeigt - mit dem Titel "Women Changing India".

Es ist eine ungewöhnliche Ausstellung mit unerwarteten Bildern. Ungewöhnlich, weil sie von der Bank BNP Parisbas initiiert wurde, zur 150-jährigen Präsenz in Indien. Unerwartete Bilder, weil Indien in der Perspektive der Magnum-Fotografen als Land der starken Frauen gezeigt wird. Indira Jaising zum Beispiel, Richterin am Obersten Gerichtshof und Kämpferin für die Rechte von Frauen. Selbstbewusst steht sie hinter ihrem Schreibtisch, den Blick nach oben gerichtet, die Linke auf einem Gesetzbuch. Oder Chanda Kochhar, Chefin der zweitgrößten Privatbank des Subkontinents, die mit einem breiten Lächeln vor der Fensterfront ihres riesigen Büros gezeigt wird.

"Sie hat auf der untersten Stufe der Leiter angefangen, ganz ohne Protektion oder Unterstützung ihrer Familie, sagt Urvashi Butalia, als Bankangestellte mit einem Gehalt von zweieinhalbtausend Rupien, also 20 Dollar. Heute ist die die Chefin."

Urvashi Butalia hat die Kuratoren bei der Auswahl der starken Frauen beraten, jetzt führt die kleine Frau durch die Ausstellung in Stuttgart. Sie ist eine kleine Frau, hält sich selbstbewusst und gerade, trägt ihr schwarzgraues Haar offen, hat eine klare, freundliche Sprache. Und sie gilt als eine der wichtigsten Kämpferinnen für die Rechte der Frau in Indien.

Ausstellung entstand vor den Massenvergewaltigungen 

Ihr ist wichtig, sagt sie, dass die rund 40 abgebildeten Frauen keine absoluten Ausnahmen in einer ansonsten männlichen Welt sind, sondern dass sie zumindest einen Teil der indischen Gesellschaft ausmachen.

"In Indien werden die drei oder vier größten Banken von Frauen geleitet. Das ist eine interessante Geschichte, Reedereien werden von Frauen geleitet, chemische Unternehmen, wir haben wichtige Politikerinnen, nicht wirklich viele, aber es gibt sie.

Die Ausstellung entstand noch vor den Schlagzeilen aus dem Jahr 2012 über die Massenvergewaltigungen in Delhi; aber sie war schon damals ein Plädoyer dafür, dass zwar auch die Realität gibt, dass Frauen in den Familie unterdrückt werden, dass Vergewaltigungen vorkommen, aber dass es auch Chancen für Frauen gibt:

"Das Problem mit der Gewalt ist ernst. Aber es ist nicht die einzige Wirklichkeit. Unglücklicherweise, wenn man nur von außen hinsieht, erkennt man das nicht."

Dafür, dass es Chancen gibt, steht etwa die Schriftstellerin Salma. In die Wiege war ihr der Erfolg nicht gelegt. Mit 13 nahm ihr Vater sie aus der Schule, um sie für die Heirat vorzubereiten, und versuchte sie, von Bildung fernzuhalten.

"Sie bettelte bei ihrer Mutter und ihrem Bruder, ihr Bücher zu bringen und sie schmuggelten ihr Bücher ins Haus. Sie las und las und schließlich schrieb sie auch. Und ihre Texte wurden aus dem Haus geschmuggelt und so wurde sie Schriftstellerin. Heute ist sie eine der wichtigsten indischen Schriftstellerinnen und wird auch ins Deutsche übersetzt."

Lebensgeschichte eines Mädchens aus den Slums

Frauenrechtlerin Urvashi Butalia ist in im Hauptberuf Verlegerin. Feministische Verlegerin, wie sie sagt. Sie verlegt die Texte von Salma, aber auch ein anderes Buch, das in Indien als Meilenstein gilt, geht auf die zurück: Die Lebensgeschichte eines Mädchens aus den Slums, das mit 12 Jahren an einen doppelt so alten Mann verheiratet wird, schließlich mit ihren Kindern flieht, Hausmädchen wird und zu schreiben beginnt.

"Wir arbeiten hart, um Stimmen von Frauen zu finden. Wir haben ein Buch der Haushaltshilfe Baby Halder veröffentlicht und es wurde ein großer internationaler Erfolg. Ich glaube, es ist wichtig, solche Dinge zu tun."

Der deutsche Titel der Geschichte von Baby Halder heißt: Vom Dunkel ins Licht.

Die Autorinnen von Urvashi Butalia sind also anders als die bisherige Literatur in Indien, denn bei ihr fangen Menschen aus sozialen Schichten zu schreiben an, die bis vor ein paar Jahren kaum lesen konnten. Vor allem aber, sagt Frau Butalia, ist der Buchmarkt in Indien anders als in Europa, denn Millionen bildungshungrige Inder und Inderinnen haben noch nie ein Buch in der Hand gehabt:

"Das Aufregende am indischen Buchmarkt ist, dass er als einer der wenigen in der Welt noch nicht gesättigt ist. Mit der Verbesserung der Schulbildung und dem Wachstum der Mittelschicht, gibt es jeden Tag neue Leser."

Für Butalia Urvashi war die Ausstellungseröffnung in Stuttgart ein Kurzbesuch. Sie kam am Vorabend an, sitzt jetzt schon wieder im Flugzeug nach Delhi. Ihre Mission ist klar: "Women Changing India".

Mehr zum Thema:

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(Deutschlandradio Kultur, Studio 9, 8.12.2014)

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