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Lange Nacht / Archiv | Beitrag vom 15.11.2014

Wolken"Sehr weiß und ungeheuer oben"

Eine Lange Nacht über Wolken

Von Beate Ziegs

 Ein Mann sitzt am 04.08.2013 auf einem Steg am Selenter See (Schleswig-Holstein).  (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)
Die Faszination der Wolken ist bis heute ungebrochen. (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)

Für Bertolt Brecht symbolisiert das Bild der Wolke die verblassende Erinnerung an seine Jugendliebe Marie A., bei anderen Schriftstellern steht es für das Fremde und Rätselhafte oder das Vergehen von Zeit. Im Alten Testament stehen Wolken für die Allmacht Gottes.

Seit dem Chemieunfall von Bhopal 1984 und dem Super-GAU von Tschernobyl 1986 ist die Wolke allerdings auch zum Inbegriff für Katastrophen mit verheerendem Ausmaß für den Menschen und seine Umwelt geworden. Schon immer versuchten Wolkenforscher, in ihnen zu lesen - das kann nicht nur für Fischer und Hirten überlebenswichtig sein, sondern für ganze Flotten und Heere.

Die schier unerschöpfliche Formenvielfalt auf wenige Grundtypen zurückzuführen gelang jedoch erst Anfang des 19. Jahrhunderts dem Engländer Luke Howard. Seine Entdeckung systematisierte die Beziehung zwischen der Welt und dem ruhelosen, alles überwölbenden Himmel. Die Faszination ist dennoch ungebrochen - auch für den Meteorologen Sven Plöger.

Er beschreibt nicht nur seine Lieblingswolken, sondern berichtet außerdem von dem Unheil, das sie mit sich bringen können, welche Rolle sie bei der Wettervorhersage spielen und was sie über den Klimawandel aussagen.

Wolkenklassifikation, Fotos, Filme …

Karlsruher Wolkenatlas mit faszinierenden Fotos aus aller Welt, Erläuterungen etc.

Auszüge aus dem Manuskript der Langen Nacht:

Das Wetter ist seit jeher ein entscheidender Aspekt der Umwelterfahrung des Menschen. Und Wolken sind die Visitenkarten des Wetters. Schon in babylonischen, chaldäischen oder altägyptischen Texten wird versucht, ihren Geheimnissen auf den Grund zu gehen, um das Wetter vorhersagen zu können. Bei den Alten Griechen war es Anaximander, der um 500 vor Christus als Erster die weitsichtige Vermutung äußerte, Blitze könnten durch die Reibung von Wolkenmassen hervorgerufen werden. Den Wind erklärte er als ein "Strömen von Luft". Aristoteles schließlich vertrat die radikale These, da alles auf der Welt in ständigem Fluss sei und auf immer bleiben werde, müsse man Wolken als ein grundlegendes Beispiel von Naturerkenntnis begreifen.

Der wissenschaftliche Einfluss dieser antiken Autoritäten nahm jedoch mit der Ausbreitung des Christentums rapide ab. Wolken galten fortan - wie prinzipiell jegliche Aktivität in der Atmosphäre - als Zeichen göttlicher Intervention. Zu einer Wiederaufnahme der rationalen Beschäftigung mit den Wolken kam es erst ab Mitte des 17. Jahrhunderts. Besonders erwähnenswert ist René Descartes. Wie Aristoteles war er der Meinung, dass, wenn man über Wolken philosophieren könne, man sich auch über jedes andere Thema Gedanken machen könne, denn Wolken verkörperten die extremste Erscheinungsform des Nicht-fassbaren. Sobald man in der Lage sei, sie vernünftig und überzeugend zu erklären, könne man demnach - so Descartes - auch alles andere in der Natur erklären.

"Das lässt mich hoffen, dass, wenn ich ihre Natur hier auf eine Weise erkläre, dass man nicht mehr Gelegenheit habe, etwas von dem zu bewundern, was man in ihnen sieht oder was daraus herabkommt, [sondern] dass man es dann für möglich hält, ebenso Gründe für alles Wunderbare auf der Erde zu finden."
(René Descartes, zitiert nach Richard Hamblyn)

Fast wie einem Fisch im Wasser war mir gestern nachts in der Luft . Welch lüftende Freiheitsluft gegen den Kerkerbroden unten! Hier ein rauschendes Nachtluft-Meer, drunten ein morastiges Krebsloch! O könnte man nur eine Woche lang als ein hübsches volles Gewitter über die Menschenköpfe ziehen und sie zuweilen berühren von oben herab, so wollt’ ich nicht klagen! - [Aber] was ging mich das tiefe Volk an? - Ich ging zu Bette [und wartete] wie ein Paradiesvogel meinen Schlaf über den Wolken ab.
(Jean Paul zitiert nach Norbert Miller)

Sven Plöger: "Wer mal in eine Wolke gefallen ist, der merkt, er fällt unten einfach wieder raus. Also die hält einen nicht und sieht doch so mächtig aus. Das ist letztlich einfach kondensierter Wasserdampf, das sind ganz viele kleine Tröpfchen, woran man wieder sieht, dass viele Einzelteile, die sehr klein sind, plötzlich was Großes machen. Also hier, wunderschön finde ich diese immer. Das ist nämlich Altocumulus translucidus perlucidus. Das habe ich lange geübt, dass ich das so schnell vorsprechen kann. Also translucidus: Die Sonne kommt durch. Manch einer sagt einfach "Schäfchenwolken"; wir Meteorologen sagen lieber Altocumulus translucidus perlucidus."

Was aber ist denn nun mit der berühmten Freiheit, die laut Reinhard Mey über den Wolken grenzenlos sein soll? Marcel Braun winkt ab - zunächst.

Marcel Braun: "In der Verkehrsfliegerei ist es doch schon sehr streng geregelt mit genau Höhe halten und auf der Luftstraße bleiben, weil viel Verkehr ist. Da ist es dann eher - na ja, so wie Zugfahren teilweise schon. Ab und zu ist auch ein bisschen Zeit zum Träumen (lacht etwas). Wenn es eine Weile geradeaus geht, kann man schon mal den Blick zur Seite schweifen lassen und mal ein bisschen auf die Wolken schauen. Was ich immer sehr spannend finde, gerade wenn Gebiete sind, wo viele Auftürmungen sind und ganz unterschiedliche Wolken, und man fliegt so mittendurch und sucht sich dann auch kleine Löcher: Das sieht dann schon sehr mystisch aus. Da hat man ganz tolle Lichteffekte teilweise. Und es kann auch Spaß machen, muss ich jetzt mal ganz ehrlich sagen, wenn man durch solche Landschaften fliegt, wo kleine Türmchen stehen, und der Lotse gibt einem ein bisschen Freiheit. Dann kann man da schon mal ein bisschen Slalom drum herum fliegen. Habe ich jetzt die Tage auch gehabt! Das sind dann einfach Türmchen, und dazwischen ist gar nichts. Und da fliegt man dann Slalom drum herum. Aber so ganz entspannt. Und die Leute kriegen davon gar nichts mit hinten, das sind ganz normale Kurven. Und wackeln tut’s ja nicht, weil man da nicht rein fliegt. Und das ist dann auch schön!"

(Marcel Braun ist Pilot, korrekt ausgedrückt: "Verkehrsflugzeugführer". Das "kleine Flugzeug", von dem er spricht, ist eine Boeing 737, mit der er quer durch Europa, aber auch nach Russland oder Ägypten immerhin bis zu knapp 200 Passagiere pro Flug transportiert. Zu den 14 Prüfungsfächern seiner Ausbildung gehörte unter anderem Meteorologie.)

Der nordischen Mythologie zufolge wurden die Wolken bekanntlich gebildet aus des Riesen Hirn. Und wahrlich, es gibt kein besser Sinnbild für die Wolken denn Gedanken und kein bess’res für Gedanken denn Wolken - Wolken sind ja Hirngespinste und Gedanken, was sind sie anderes? Sieh, darum wird man alles andern müde, doch der Wolken nicht - im Spätjahr, das wiederum des Denkens Zeit ist. Müde kehrte ich mich von der Menschheit ab und humoristisch jenen Wesen zu, die wohl nicht so wie die Menschen Anspruch machen, der Schöpfung Wunderwerk zu sein, jedoch vielleicht darum gerade recht unterhaltsam sind, dieweil sie nicht so hohen Anspruch stellen: Ich denke an die Kühe. Und unleugbar machte ich wie auf der Weide so auch andern Ortes manche interessante Bekanntschaften - jedoch, ich war es leid. Der Wolken aber - im Spätjahr, nie. Man kennt die Wolken kaum noch wieder, so sind sie verändert, und wer sie nie im Spätjahr hat gesehen, sah sie nie. Im Sommer ist’s, als möchten sie gar nicht da oben hängen - im Spätjahr ist es deutlich, dass sie selber sich tragen in wollüstigem Schweben. Eine Wolke - im Spätjahr. Das möcht’ ich sein. Den übrigen Teil des Jahres hielt’ irgendwo ich mich versteckt oder auch im Nichts, und das könnte man auch so ausdrücken: Ich würde gar nicht da sein oder auch ich würde leben wie ein Gedanke versteckt, bis dass das Spätjahr käme, da ich zur Wolke würde. Eine Wolke ist an und für sich ein recht ansehnlich Ding (und ich würde denn auch nicht bloß so ein kleines Federwölkchen sein), ich würde eine große, wohlbeschaffne Wolke sein. Je-doch bei aller Größe ist die Wolke zugleich die Leichtheit selber, federnd, und soweit sie keinen Sinn hat für Musik (den sie doch hat), hat sie zugleich den Farbensinn: Sie weiß, in Farben sich zu baden. 

(Søren Kierkegaard: "Das Spätjahr ist der Wolken Zeit")

Und weil nicht sein darf, was nicht sein soll - nämlich dass die Menschen sich gottgleich wähnen -, zerstreute sie der HERR in alle Länder und verwirrte obendrein ihre Sprache. Das Phänomen der Wolke ist demnach eng mit dem Phänomen der Macht verbunden. Das trifft nicht nur auf die göttliche Sphäre zu, sondern ebenso auf irdische Reiche: Genauso wie der Turm zu Babel, sind auch moderne Wolkenkratzer Wahrzeichen von Metropolen und symbolisieren das Streben einer Nation nach Macht und Größe. Der Spitzenreiter unter den Wolkenkratzern der Zukunft - der "Kingdom Tower" - entsteht zur Zeit in Dschidda, Saudi Arabien. Er soll von 80.000 Tonnen Stahl getragen werden und als erster die 1000-Meter-Marke durchbrechen; die Fertigstellung ist für 2018 geplant. Aber wie es heißt, sitzt man in China an Plänen, noch höher hinaus zu kommen. Doch werden auch die chinesischen Architekten und Ingenieure nicht die fantastische Behausung übertreffen können, von der Italo Calvino in seinen "Unsichtbaren Städten" berichtet.

Sven Plöger gehört zum Moderatorenteam der ARD-Sendung "Wetter im Ersten". Er ist nicht nur ein leidenschaftlicher Meteorologe. Er engagiert sich auch für den Energiewandel und befasst sich mit den Konsequenzen des vom Menschen verursachten Klimawandels. Vulkanausbrüche gehören aller Wahrscheinlichkeit nicht dazu, wohl aber der Anstieg des Meeresspiegels, global ansteigende Temperaturen - und aller Wahrscheinlichkeit nach auch Rekordstürme, wie sie im Juni 2014 weite Teile Westdeutschlands verwüsteten. Obwohl etwa 97 Prozent der einschlägig tätigen Wissenschaftler den Einfluss des Menschen auf das Klima als gesichert sehen, sind die Prognosen immer noch relativ unsicher. Das Verhalten der Wolken gilt dabei nicht als Indiz. Oder doch?

Sven Plöger: "Wolken sind zunächst mal ureigen ein Wetterereignis, weil sie sehr kurzfristig sind. Und Klima ist ja etwas Langfristiges. Wetter ist etwas, das ich fühlen kann, und Klima ist Statistik: Ich mittele das Wetter über mindestens 30 Jahre über den ganzen Globus. Das kann keiner fühlen, das kann man nur messen und mit früheren Zeiträumen vergleichen, dass die Erwärmung schneller vonstattengeht als sie das früher getan hat. Was auch dazu führt, dass bestimmte Phänomene wie der Jetstream - dieses Starkwindband in der Höhe - im Moment dazu neigt, häufiger stationäre Wellen auszubilden und das Wetter an einem Ort dann immer das gleiche, ist. Das ist ein großes Problem, das wir 2013 gesehen haben: das Hochwasser. Das große Tief wollte einfach nicht weg; es hat einfach allen Regen an dieselbe Stelle gehauen - und dann haben wir das Hochwasser. Sehr interessante Studien gibt es jetzt aus dem Jahr 2013, die gezeigt haben, dass in den letzten zehn Jahren unsere Schichtung der Atmosphäre labiler geworden ist. Und "labiler" heißt immer schauer- und gewitter-williger. Und damit wird sich auch das Wolkenbild verändern. Dann haben wir häufiger Gewitterbilder, dann haben wir häufiger Hagelvorhersagen und Hagelgefahr. Also unmittelbar können Wolken direkt keine Aussage auf’s Klima machen. Aber bestimmte Wolkenformationen - Gewitter, Hurrikans etc. -, die dann häufiger vorkommen, sind dann auch ein Hinweis auf die Klimaänderung."

Homepage des Meteorologen Sven Plöger

Eines Tages, über den ich in der Gegenwartsform nicht schreiben kann, werden die Kirschbäume aufgeblüht gewesen sein. Ich werde vermieden haben, zu denken: "explodiert"; die Kirschbäume sind explodiert, wie ich es noch ein Jahr zuvor ohne Weiteres nicht nur denken, auch sagen konnte. Das Grün explodiert: Nie wäre ein solcher Satz dem Naturvorgang angemessener gewesen als dieses Jahr, bei dieser Frühlingshitze nach dem endlos langen Winter. Von den viel später sich herumsprechenden Warnungen, die Früchte zu essen, deren Blüte in jene Tage fiel, habe ich an dem Morgen, an dem ich mich wie jeden Morgen über das Treiben der Nachbarshühner in unserer frischen Grassaat ärgern musste, noch nichts gewusst. Der strahlende Himmel. Das kann man nun auch nicht mehr denken. Nach welchen Gesetzen, wie schnell breitet sich Radioaktivität aus, günstigenfalls und ungünstigstenfalls. Günstig für wen? Und nützte es denn den unmittelbar am Ort des Ausbruchs Wohnenden wenigstens, wenn sie sich, durch Winde begünstigt, verbreitet? Wenn sie aufstiege in die höheren Schichten der Atmosphäre und sich als unsichtbare Wolke auf die Reise machte?
            ... doch jene Wolke blühte nur Minuten
            und als ich aufsah, schwand sie schon im
            Wind.
Hoffentlich. Hoffentlich nur Minuten, hab ich da nur denken können, obwohl dies ja ein Lied aus der Zeit ist, da Wolken "weiß" waren und aus Poesie und reinem kondensierten Wasserdampf bestanden. Nun aber, habe ich gedacht, während ich die gekochten Kartoffeln abpellte, durfte man gespannt sein, welcher Dichter es als Erster wieder wagen würde, eine weiße Wolke zu besingen. Eine unsichtbare Wolke von ganz anderer Substanz hatte es übernommen, unsere Gefühle - ganz andere Gefühle - auf sich zu ziehen. Und sie hat, habe ich wieder mit dieser finsteren Schadenfreude gedacht, die weiße Wolke der Poesie ins Archiv gestoßen. Sie hat, von heut auf morgen, diesen und beinahe jeden Zauber gebrochen.(Christa Wolf, Störfall. Nachrichten eines Tages.)

Nicht für Hans Magnus Enzensberger. Er hat seine "Geschichte der Wolken"ebenfalls nach dem Störfall von Tschernobyl geschrieben - und darin der weißen Wolke der Poesie dieselbe Existenz eingeräumt wie allen anderen weißen Wolken auch.

            Eine Minute lang nicht hingeschaut,
            schon sind sie da, plötzlich, weiß,
            blühend ja, aber wenig handfest -
            ein wenig Feuchtigkeit, hoch oben,
            etwas Unmerkliches, das auf der Haut
            hinschmilzt: rasanter Übergang
            von Phase zu Phase - schön und gut.

Blick in den Himmel über Neuss: Dunkle Gewitterwolken brauen sich zusammen (dpa / Hans-Joachim Rech)Gewitterwolken über Neuss im August 2014 (dpa / Hans-Joachim Rech)

Literaturtipps:

Richard Hamblyn
Die Erfindung der Wolken
Wie ein unbekannter Meteorologe die Sprache des Himmels erforschte
Insel Verlag 2001
An einem Dezemberabend des Jahres 1802 hält ein bis dahin völlig unbekannter Mann in einem dunklen Londoner Laboratorium einen Vortrag über das Wetter und die Wolken - nicht ahnend, daß er damit zu einer europäischen Berühmtheit werden und eine wissenschaftliche Disziplin begründen sollte. Der junge Mann hieß Luke Howard (1772-1864).
Dass seine Vorlesung gut besucht war, ist kaum verwunderlich. Öffentliche Vorträge dieser Art waren keine Seltenheit am Ende der Aufklärung; sogenannte "Theater des Wissens" wurden zu festen Institutionen, von Intellektuellen, Künstlern und vom einfachen Publikum gleichermaßen besucht. Und das Wetter war ein Thema, über das jeder gern mitreden wollte.
Bereits früh hatte sich Howard mit meteorologischen Fragen befasst, beeindruckt - wie viele seiner Zeitgenossen - durch das sogenannte Vulkanjahr 1783, mit seinem plötzlichen Klimawechsel, mit Hurrikans und Erdbeben, mit Ereignissen, die halb Europa in Panik versetzten - und die auch ein Defizit der Wettervorhersage offenbarten, dem man mit Messungen und mit Ballonflügen zu begegnen versuchte.
Richard Hamblyn erzählt die Biographie jenes Mannes, der - erstaunlich genug - aus den kleinen Verhältnissen einer Londoner Quäkerfamilie in die höchsten Ränge der Wissenschaft seiner Zeit aufstieg, und dies mit der Beobachtung von Wolkenformationen. Anschaulich schildert Hamblyn auch die gesellschaftlichen Verhältnisse und die wissenschaftlichen Entdeckungen des frühen 19. Jahrhunderts sowie die Geschichte und die Kulturgeschichte der Meteorologie von ihren Anfängen bis in die Gegenwart.
Wettervorhersagen sind keine Erfindung der Neuzeit; schon im Alten Testament und in der griechischen Mythologie spielen Wolken eine wesentliche Rolle; und auch die Philosophen, von den Vorsokratikern bis Descartes, sahen zu ihnen auf. Aber erst im 18. Jahrhundert wurde das Wetter Gegenstand wissenschaftlicher Erforschung. Und erst Howard gelang in seiner Studie 'On the modifications of clouds' die Benennung der dr ei grundlegenden Wolkentypen Cirrus, Cumulus und Stratus sowie ihrer Mischformen.
Mit dieser - noch immer gültigen - Klassifikation wurde Howard rasch international bekannt. Auch Goethe wurde auf ihn aufmerksam, 1820 schrieb er sogar einen eigenen Hymnus auf den englischen Forscher. Die Wandelbarkeit der Wolken war ihm ein besonders anschauliches Beispiel für seine Theorie der Metamorphose und Steigerung; noch 1830 lässt er Faust durch die Regionen von Stratus, Cumulus und Cirrus zum Himmel aufsteigen.
Howards Wolkensystem ist noch immer, nach 200 Jahren, ein wesentlicher Bestandteil der modernen Meteorologie, der Wetterkunde, deren Bedeutung gerade in den letzten Jahrzehnten erheblich zugenommen hat: insbesondere in der Beobachtung und Bewältigung der bedrängenden Umweltprobleme.

F.C. Delius
Der Held und sein Wetter
Ein Kunstmittel und sein ideologischer Gebrauch im Roman des bürgerlichen Realismus
Wallstein Verlag. Göttingen 2011
"Dieses Buch handelt vom ideologischen Gebrauch eines Kunstmittels im Poetischen Realismus, von den deutschsprachigen literarischen Entsprechungen des uns allen bekannten Phänomens, dass es in Hollywood am dramatischen Ende immer regnet. Warum eigentlich, fragt Delius, regnet es auch im deutschen Realismus immer, wenn die Tragödie unausweichlich wird? Und warum lacht den zukunftsgewissen Bürgern dieser bürgerlichen Romane immer die Sonne Homers? Die Ideologie ausfindig zu machen mitten in einer vorgeblich realistischen Literatur, den Tatnachweis zu führen anhand der kleinen Indizien - bereits der Germanist Delius hat scharfsinnig und scharfäugig vorgemacht, wie das geht. Es ist eine Art Urszene in seinem Werk geworden." (Heinrich Detering in der Laudatio zur Verleihung des Joseph-Breitbach-Preises 2007)

Charitas Jenny-Ebeling
"Wolken. Gedanken des Himmels
Gedichte, Prosa und farbige Bilder
Ausgewählt und mit einem Nachwort versehen von Charitas Jenny-Ebeling
Insel Verlag (insel taschenbuch 1871). Frankfurt am Main und Leipzig 1997
In sieben Kapiteln läßt Charitas Jenny-Ebeling das Wolken-Thema an uns vorüberziehen. Mit Gegensatzpaaren wie Nähe und Ferne, Dauer und Wechsel, Illusion und Wirklichkeit kreist sie das Spannungsfeld ein, das die Beziehung zu Wolken seit je geprägt hat.

Musiktipps:

Reinhard Mey: "Über den Wolken" und das Gegenstück von Otto Waalkes "Unter den Wolken"

Karat: "Lass uns wie die Wolken sein"

Juliane Werding: "Wolkenschlösser"

Rolling Stones: "Get off my cloud"

Johnnie Ray: "The little white cloud that cried"

Toni Scott: "To drift like clouds"

Franz Liszt: "Nuages gris" (Klavier solo)

Claude Debussy: "Nuages"

Quellenhinweise (Auswahl)

Arno Schmidt, Seelandschaft mit Pocahontas. Klett-Cotta. Stuttgart 1988: 9ff

René Descartes, zitiert nach Richard Hamblyn, Die Erfindung der Wolken. Wie ein unbekannter Meteorologe die Sprache des Himmels erforschte. Aus dem Englischen von Ilse Strasmann. Suhrkamp. Frank-furt am Main 2003:

Johann Wolfgang von Goethe: "Howards Ehrengedächtnis" zitiert nach Erich Trunz (Hg.), Goethe - Gedichte. Sonderausgabe. C.H. Beck. München 1988:

Franz Hohler: "Die Himmelsmacht" in Nikolaus Heidelbach und Franz Hohler, Das große Buch. Carl Hanser Verlag. München 2009:

Jean Paul zitiert nach Norbert Miller (Hg.), Jean Paul. Sämtliche Werke. Abteilung I. Band 3: Luftschiffer Giannozzo. Zweitausendeins (Lizenzausgabe mit freundlicher Genehmigung des Carl Hanser Verlages). Nördlingen 1996:

Christian Morgenstern: "An die Wolken" in Martin Kießig (Hg.), Christian Morgenstern, Werke und Briefe. Band I - Lyrik 1887-1905. Verlag Urachhaus. Stuttgart 1988:

Hans Magnus Enzensberger: "Die Geschichte der Wolken" in ders. Die Geschichte der Wolken. 99 Meditationen. Suhrkamp. Frankfurt am Main 2003

Wilhelm Grönbech, Kultur und Religion der Germanen. Band II. Wissenschaftliche Buchgesell-

schaft. Darmstadt 1991

"Das Lied von Grimnir" in Die Götterlieder der Älteren Edda. Nach der Übersetzung von Karl Simrock neu bearbeitet und eingeleitet von Hans Kuhn. Reclam. Stuttgart 1960

Søren Kierkegaard: "Das Spätjahr ist der Wolken Zeit" in Emanuel Hirsch, Havo Gerdes, Hans M. Junghans (Hg.), Sören Kierkegaard. Gesammelte Werke und Tagebücher / Eine literarische Anzeige: 17. Abteilung. In der Übersetzung von Emanuel Hirsch, Havo Gerdes und Hans M. Junghans. Verlag Greven-berg. Simmerath 2004:

"Das Alwis-Lied" in Die Edda. Aus dem Altnordischen übertragen, mit Anmerkungen und einem Nachwort versehen von Arthur Häny. Manesse. Zürich 1989:

Nelly Sachs: "Chor der Wolken" in dies., Fahrt ins Staublose. Gedichte. Suhrkamp. Frankfurt am Main 1988:

Robert Walser: "Die Göttin" in ders., Kleine Dichtungen. Kurt Wolff Verlag. Leipzig 1914

Robert von Ranke-Graves, Griechische Mythologie. Quellen und Deutung. Autorisierte deutsche Übersetzung von Hugo Seinfeld unter Mitwirkung von Boris v. Borresholm. Rowohlt. Reinbek bei Ham-burg 1987

Zhuang Zi, Das wahre Buch vom südlichen Blütenland. In der Übersetzung von Richard Wilhelm. Edition Holzinger. Düsseldorf, Köln 1972

Hermann Hesse: "Die leise Wolke" in Volker Michels, Hermann Hesse. Wolken - Betrachtungen und Gedichte. Suhrkamp. Frankfurt am Main 2008

Italo Calvino, Die unsichtbaren Städte. Deutsch von Heinz Riedt. dtv. München 1985:

Aristophanes, Die Vögel. Übersetzt von Ludwig Seeger. Artemis & Winkler. Sammlung Tusculi-num. Mannheim2010

Karls Kraus: "Wolkenkuckucksheim. Phantastisches Versspiel in drei Akten (auf Grundlage der Vö-gel von Aristophanes) in ders., Dramen. Suhrkamp. Frankfurt am Main 1989

Hilde Domin: "Auf Wolkenbürgschaft" in dies., Gesammelte Gedichte. S. Fischer Verlag. Frankfurt am Main 1987

Franz Kafka: "Beschreibung eines Kampfes. II.2 Der Spaziergang" in ders., Sämtliche Erzählungen. Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt am Main 1989

Charles Baudelaire: "Der Fremdling" in ders., Kleine Gedichte in Prosa. Übertragen von Dieter Bassermann. Verlag Juncker. Berlin 1920

Henri Michaux: "Zwei Wolken sind ins Zimmer eingetreten" in ders. R.M. Beim Träumen über rät-selhaften Bildern. Aus dem Französischen von Eleonore Frey. Verlag Kleinheinrich. Münster 1994

Michail Lermontov: "Wolken" in ders., Einsam trete ich auf den Weg, den leeren. Gedichte. Über-setzt aus dem Russischen von Annemarie Bostroem. Reclam Verlag. Leipzig 1985:

Delia Falconer, Die Liebe zu den Wolken. Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell. Verlag S. Fischer. Frankfurt am Main 1999

Rainer Malkowski: "Leichter Vorgang" in ders. Vom Rätsel ein Stück. Suhrkamp. Frankfurt am Main 1980

Bertolt Brecht: "Erinnerung an die Marie A." in Die Gedichte von Bertolt Brecht in einem Band. Herausgegeben vom Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main 1981

Julio Cortázar: "Teufelsgeifer" in ders., Südliche Autobahn. Die Erzählungen. Band 2. Aus dem Spanischen von Fritz Rudolf Fries, Wolfgang Promies und Rudolf Wittkopf. Suhrkamp. Frankfurt am Main 1998

Carsten Jensen, Wir Ertrunkenen. Aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg. btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House. München 2010

Matthew Phipps Shiel, Die purpurne Wolke. Deutsche Übersetzung von Hans Maeter. Heyne Ver-lag. München 1982

Wolf Schneider: "Der Tag, an dem die Welt im Meer versank" in GEO kompakt Nr. 19 (2009)

Donald W. Olson, Russell L. Doescher, Marilynn S. Olson: "The Blood-Red Sky of the Scream" in APS News (American Physical Society) 13, 2007

 "Hunderte Wanderer sitzen nach Vulkanausbruch fest". spiegel online. 27.09.2014

René Schickele: "Erster August 1914" zitiert nach Gertrude Cepl-Kaufmann: "Schriftsteller und Krieg. Dafür oder dagegen? Der Erste Weltkrieg als Gretchenfrage" in literaturkritik.de. online-Ausgabe 11/2008

Fred Langer: "Des Teufels Laborant". GEO 04/2014

Bertolt Brecht: "Die drei Soldaten und das Giftgas" in a.a.O.

Louis Aragon: "Von dem falschen Regen, der auf eine steinerne Stadt fiel nicht weit von Broze-liand" übersetzt von Friedhelm Kemp in Bernhard Böschenstein, Hartmut Köhler (Hg.), Französische Dichtung 4. Von Apollinaire bis heute. Verlag C.H. Beck. München 1990

Gudrun Pausewang, Die Wolke. Jetzt werden wir nicht mehr sagen können, wir hätten von nichts gewusst. Lizenzausgabe für die Büchergilde Gutenberg. Frankfurt am Main, Olten, Wien 1987

Christa Wolf, Störfall. Nachrichten eines Tages. Sammlung Luchterhand im dtv. Hamburg 1993

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Ein Stofftier sitzt in einem Kinderzimmer auf einem Bett. (picture alliance / dpa / Marc Tirl)

Viele Erinnerungen und Emotionen hängen an dem Teddy oder auch der Barbie-Puppe. Spielzeug gibt es schon seit der Steinzeit. Immer waren damit bestimmte pädagogische Erwartungen verbunden. Auch ließ sich an Spielzeug der soziale Status ableiten.Mehr

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