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Studio 9 - Der Tag mit ... | Beitrag vom 10.09.2021

Wolfram Weimer über Glauben"Das religiöse Bewusstsein wächst"

Moderation: Korbian Frenzel

Wegkreuz an einem Feldrand in Baden-Württemberg. (picture alliance / dpa / Zoonar / Jürgen Vogt)
Wegkreuz an einem Feldrand in Baden-Württemberg: Glaube verleiht einer Gesellschaft Tiefe. (picture alliance / dpa / Zoonar / Jürgen Vogt)

Der Publizist Wolfram Weimer macht eine "Heimweh nach Gott" aus und führt das auf unsere materialistische und rationale Welt zurück. Durch mehr Transzendenz werde die Gesellschaft ethisch feinfühliger, prognostiziert er.

Der Publizist Wolfram Weimer spürt in der deutschen und anderen westlichen Gesellschaften ein "Heimweh nach Gott". Umfragen, die während der Pandemie erhoben worden seien, hätten gezeigt, dass jeder dritte Deutsche häufiger in dieser Zeit gebetet habe, berichtet er.

Zugleich glaubten inzwischen 60 bis 70 Prozent der Unter 30-Jährigen an ein Leben nach dem Tod. Zum ersten Mal sei der Glaube daran bei den Jüngeren stärker als bei den Älteren. "Das religiöse Bewusstsein wächst", ist sich Weimer sicher.

Hier geht es zur Denkfabrik 2021. Auf der Suche nach dem Wir. (Foto: Deutschlandradio / Malte Müller)

In einer Welt, die total materialistisch und rational sei, suche sich das Heimweh nach Gott jetzt Sehnsuchtsräume, sagt Weimer. Die Gesellschaft lade sich religiös neu auf, hinterfrage die Dinge mehr und werde dadurch sensibler und ethisch feinfühliger, betont der ehemalige Chefredakteur von Welt und Focus.

Patchwork der Sehnsüchte und Gewissheiten

Dabei blickt Weimer nicht auf die "politischen Ausformungen und Extreme" der Religionen. Wenn man das tue, könne man 2000 Jahre Religionsgeschichte als "von einer Katastrophe zur anderen" führend erzählen. Es gehe ihm mehr um das, was in der "ethischen Mitte" passiere, so der Publizist. Dass sich heutzutage jeder das an Glauben zusammenklaubt, was er gerade braucht, findet Weimer unproblematisch:

"Jeder Mensch, der glaubt - woran auch immer - wird von einem Patchwork der Sehnsüchte und Gewissheiten getragen. Wenn man genau wüsste, was Glauben in einem Satz meint, dann wäre es kein Glauben mehr. Glaube lebt von dem Zweifel und der Vielfalt in der Sehnsucht."

(ahe)

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