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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 02.10.2020

Wolfram Brandes (Hrsg.): "Digitale Heimat"Neues zur digitalen Transformation

Von Vera Linß

Das Buchcover "Digitale Heimat", herausgegeben von Wolfram Brandes, ist vor einem grafischen Hintergrund zu sehen. (Verlag Marix / Deutschlandradio)
Sieben Experten und eine Expertin kommen in "Digitale Heimat" zu Wort. (Verlag Marix / Deutschlandradio)

Die Coronakrise hat es erneut gezeigt: Deutschland hinkt bei der Digitalisierung hinterher. Aber wo genau? Und was muss sich ändern? Wissenschaftlich und doch verständlich geben die Beiträge in „Digitale Heimat“ Antworten darauf.

Deutschland muss mehr in die Digitalisierung investieren. Festzustellen, dass wir hierzulande weit hinter China und den USA zurückliegen, reicht nicht aus. Wir müssen konkret wissen, sich etwa Arbeit und Energieversorgung zukünftig ändern werden.

Genau das versucht der Physiker Wolfram Brandes mit seinem Buch. Er will die Diskussion versachlichen – durch einen fundierten Überblick über den Status quo.

Wo wir heute stehen

Sieben Experten und eine Expertin kommen so zu Wort. Sie ordnen ein, wo Deutschland steht und erklären, wo sich die Digitalisierung zukünftig besonders stark auswirken wird: in der Arbeit, beim Einsatz künstlicher Intelligenz, bei ethischen und Sicherheitsfragen, in der Energieversorgung und der Wirtschaftsleistung insgesamt. Unterteilt in acht Kapitel auf fast 300 Seiten wird jeder dieser Aspekte ausführlich beleuchtet.

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Wie stark digitale Technologien etwa in die Arbeitswelt eingreifen, schildert Lucia Falkenberg vom Verband der deutschen Internetwirtschaft "eco". Egal ob Supermarkt-Angestellte, Journalistin, Krankenpflegerin oder Programmierer: Arbeitsvorgänge werden teilweise durch Maschinen ersetzt, zum Beispiel das Kassieren beim Einkaufen oder das Schreiben einfacher Texte.

Digitales Nomadentum

Ebenso revolutionär ist der Trend zum "digitalen Nomadentum", dem ein anderer Artikel nachgeht. Wirtschaftsunternehmen werden 2025 fast zur Hälfte Menschen beschäftigen, die ihren Arbeitsort ständig wechseln. Eine Milliarde Nomaden, so die Schätzungen, wird es dann weltweit geben. Auch das wolle heute, auch hierzulande, noch niemand wahrhaben.

Aber auch die künstliche Intelligenz führe zu Umwälzungen, wie der Arbeitsrechtsexperte Axel Schack sagt. Teams würden künftig aus Menschen und Maschinen bestehen, die gemeinsam Entscheidungen fällen – ein radikal anderes Verständnis von Zusammenarbeit, über das aufgeklärt werden müsse.

Es braucht Forschung

Besonders erkenntnisreich wird das Buch, wenn die Expertinnen und Experten offenlegen, was sie trotz aller Prognosen noch nicht wissen, wo also noch weiter geforscht werden muss. "Das Phänomen Arbeit ist nicht ausreichend erfasst", urteilt etwa Axel Schack mit Blick auf die digitale Plattformökonomie, in der Arbeit zunehmend nur noch auf Abruf verteilt wird.

Werden deutsche Unternehmen das Modell als Alternative zu den klassischen Beschäftigungsformen entdecken? Alle Fragen finden sich am Ende des Buches noch einmal übersichtlich zusammengefasst. Und Zahlen und Grafiken zeigen, wie dringlich deren Klärung ist.

Rechenzentren sind Stromfresser

Zum Beispiel in Sachen Energie. Der Stromverbrauch verdreifacht sich allein in Deutschland in den nächsten 20 Jahren, denn die Digitalisierung führt zu einer wachsenden Zahl an Rechenzentren - und die sind Stromfresser. Wie sehen intelligente Lösungen dazu aus?

Oder digitale Souveränität. Europa sei im Digitalsektor nur noch Konsument, aber nicht mehr Gestalter, konstatiert Management-Professor Alexander Gerybadze. Wie kann man hier strategisch umdenken?

Kluge und wichtige Fragen hat Wolfram Brandes in seinem Buch versammelt. Fragen, die uns alle angehen. Und auch wenn die Texte sehr wissenschaftlich ausfallen, sind sie doch verständlich geschrieben. Ein Buch, das alle lesen sollten, die auf die Digitalisierung vorbereitet sein wollen.

Wolfram Brandes (Hrsg.): "Digitale Heimat. Verortung und Perspektiven"
Marix Verlag, Wiesbaden 2020
288 Seiten, 26 Euro

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