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Lesart | Beitrag vom 18.11.2020

Wolfgang Welt: "Die Pannschüppe"Lebensaufschreiber und Ruhrpotterzähler

Von Gerrit Bartels

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Cover des Buchs "die Pannschüppe" von Wolfgang Welt. (Verlag Andreas Reiffer / Deutschlandradio)
Wolfgang Welt war ein veritabler Erinnerungskünstler - das zeigen zwei neue Bücher mit Texten von ihm, die nun erschienen sind. (Verlag Andreas Reiffer / Deutschlandradio)

Wolfgang Welt war einer der ersten Popliteraten und ein begnadeter autofiktionaler Erzähler. Jetzt sind noch einmal zwei Bände mit Kritiken, Geschichten und einem Romanfragment erschienen, das tiefe Einblicke in die kleinbürgerliche Gesellschaft gewährt.

Als das erste Mal ein Text von ihm gedruckt erscheint, ist das für Wolfgang Welt - wie für jeden Autor in der prädigitalen Zeit - ein großes, einschneidendes Ereignis.

Welt hatte Anfang 1979 die Verleger des Bochumer Stadtmagazins "Marabo" kennengelernt, hatte ihnen einen Artikel über Buddy Holly vorgeschlagen, was diese gut fanden, das Manuskript "per Eilpost" geschickt, und das Warten begann.

"Dann war es endlich soweit", heißt es in seinem ersten Roman "Peggy Sue", der ein paar Jahre später erscheint: "Auch bei uns im Laden wurden die Hefte vertrieben. Ich riss sie dem Lieferanten aus der Hand. Ich war drin!"

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Damit beginnt eine ungewöhnliche, hindernisreiche, durchaus schillernde Autorenkarriere, die von den damaligen Stadtmagazinen im Ruhrgebiet über Musikzeitschriften wie "Sounds" und "Musikexpress" bis zu Suhrkamp führt.

Welt, der 1952 in Bochum geboren wurde und vor vier Jahren starb, war Popschriftsteller, lange bevor die Popliteratur in den späten neunziger und frühen nuller Jahren ihre hohe Zeit hatte.

Wunderbar knattriger Sound

Vor allem jedoch war er ein Meister der autobiografischen Literatur, ein Lebensaufschreiber und Ruhrpotterzähler, dem unglücklicherweise immer wieder eine schwere psychische Erkrankung in die Quere kam.

"Kein Schlaf bis Hammersmith" heißt der eine Band, der jetzt noch einmal aus seinem Nachlass erscheint. In ihm sind alle Musikkritiken von Welt versammelt sind; "Die Pannschüppe" der andere, viel interessantere. Dieser enthält nicht nur den letzten, unvollendeten Roman von Welt mit eben jenem Titel, sondern neben seinen Literaturkritiken auch Geschichten und Selbstauskünfte, die Welt in diversen Zeitungen und Magazinen veröffentlicht hatte.

Immer wieder lässt Welt in seinem wunderbar knattrigen, rauen, dahin geschlenkerten Sound die Stationen seines Lebens Revue passieren. Er erzählt, wie er mehrmals in London war, seiner Sehnsuchtsstadt. Oder wie der Verlegersohn Joachim Unseld ihn seinerzeit bei Suhrkamp nicht verlegen wollte, weshalb sein Debütroman erst beim Konkret Literaturverlag erschien, bevor Suhrkamp endlich 2006 eine Ausgabe mit Welts ersten drei Romanen veröffentlichte.

"Alles aufschreiben" lautete sein Motto

"Die Pannschüppe" wäre sein sechster geworden, er ist mit seinen knapp fünfzig Seiten Fragment geblieben. Man kann "Die Pannschüppe" als Kindheits- und Jugendroman bezeichnen. Sein Fokus liegt auf Welts Zeit in der Schule, im Fußballverein, auf den ersten Urlauben mit seinen Eltern. Welt gewährt tiefe Einblicke in die kleinbürgerliche bundesrepublikanische Gesellschaft der sechziger und siebziger Jahre, jenseits politischer Umwälzungen.

Einmal mehr zeigt "Die Pannschüppe", was für ein veritabler Erinnerungskünstler Wolfgang Welt war. "Alles aufschreiben" lautete sein Motto, "Schreiben, wie es ist", was ihn ohne weiteres in die Nähe anderer großer, autofiktionaler Autoren wie Peter Kurzeck und Karl Ove Knausgård rückt.

"Buddy Holly lebt" war der Text in "Marabo" seinerzeit überschrieben -  das gilt nun auch für Wolfgang Welt und sein Werk.

Wolfgang Welt: "Kein Schlaf bis Hammersmith" und andere Musiktexte
368 Seiten, 20 Euro
Wolfgang Welt: "Die Pannschüppe" und andere Geschichten und Literaturkritiken
400 Seiten, 20 Euro
Herausgegeben von Martin Willems
Verlag Andreas Reiffer, Meine 2020

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