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Lesart / Archiv | Beitrag vom 08.06.2017

Wolfgang Martynkewicz: "Tanz auf dem Pulverfass"Eine Dichterbiografie ohne Dichtung

Von Jörg Magenau

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(Aufbau Verlag/picture alliance/dpa/Laurent Hamels)
Wolfgang Martynkewicz, "Tanz auf dem Pulverfass. Gottfried Benn, die Frauen und die Macht" (Aufbau Verlag/picture alliance/dpa/Laurent Hamels)

Wolfgang Martynkewiczs Gottfried Benn-Biografie ist gründlich misslungen, urteilt unser Kritiker. Seine einseitige Darstellung Benns als NS-Anhänger und rücksichtsloser Erotomane spart das Wichtigste an Benn nämlich aus: seine Dichtung.

Gottfried Benn, die Frauen und die Macht: Das ist ein altbekannter Dreiklang. Kaum ein Dichter, über dessen amouröse Eskapaden so viel geschrieben wurde und der mit seiner Maxime "Gute Regie ist besser als Treue" moralische Betrachtungsweisen so konsequent unterlief.

Kaum einer aber auch, der mit seiner anfänglichen Begeisterung für den Nationalsozialismus so beispielhaft für die Verführbarkeit der Intellektuellen steht.

Benn als verlogener Unsympath

An Biografien über Gottfried Benn besteht wahrlich kein Mangel. Schon Klaus Theweleit hat sich mit Benns frauenverbrauchendem Eros beschäftigt, während Helmut Lethen den "Kältepol" seiner Dichtung herausgearbeitet hat.

Was bleibt da noch? Wenn nun, wie in "Tanz auf dem Pulverfass" von Wolfgang Martynkewicz, Benns Frauen und die Macht gemeinsam im Untertitel erscheinen, drängt sich die Frage auf, was beides miteinander zu tun hat: Ob Benns erotische Unersättlichkeit vielleicht auch ein Antrieb seiner politischen Leidenschaft gewesen sein könnte.

Doch leider verschenkt der Bamberger Literaturwissenschaftler Martynkewicz sein Thema in wadenbeißerischem Kleinklein.

Schlimmer noch: Er verliert auch Benns Dichtung aus dem Blick. So entsteht das Bild eines durch und durch unsympathischen, ziemlich verlogenen Frauenverführers, dem es nur um Sex gegangen ist, und daneben das Bild eines aus tiefster Überzeugung – und zwar kontinuierlich von 1914 bis zu seinem Tod 1956 – der NS-Ideologie nahestehenden Mannes.

Von Benns Größe aber und der Bedeutung seiner Lyrik erfährt man nichts. Dabei schreibt Martynkewicz in der Einleitung: "Benns Liebschaften sind vom Werk nicht zu trennen."

Er hat sich aber vorgenommen, Benn klein und hässlich zu machen. Doch warum soll man sich dann überhaupt mit ihm befassen?

Im Mittelpunkt stehen Thea Sternheim und ihre Tochter Mopsa, mit denen Benn – gute Regie ist besser als Treue – eine Zeitlang gleichzeitig ein Verhältnis unterhielt. Etliche Passagen sind ganz aus deren Perspektive erzählt und entfernen sich weit von Benn. Da muss man sich dann auch durchs nicht sonderlich interessante Tagebuch der pubertierenden Mopsa quälen.

Stilistisch unsauber

Martynkewicz wirft Benn vor, dass er unnahbar blieb, sich zurückzog, sein Geheimnis wahren wollte – als wäre das Spiel von Verbergen und Andeuten nicht der Kern jeder Erotik. Unentwegt wertet er und benotet gar noch Benns Liebesbekundungen, die ihm "zuweilen etwas aufgesetzt und gekünstelt wirken". Dabei arbeitet er gelegentlich auch mit unlauteren Mitteln, wenn er finster insinuiert:

"Ob sich hinter Benns Antifeminismus antisemitische Ressentiments verbargen, darüber lässt sich nur spekulieren".

Doch wenn sich nur spekulieren lässt, sollte man besser schweigen.

Stilistisch äußert sich diese Unsauberkeit in einer Überbeanspruchung der Formel "Darauf wird noch zurückzukommen sein". Doch manchmal scheint Martynkewicz selbst schon vergessen zu haben, was er weiter vorne behauptete. Völlig undenkbar scheint es ihm beispielsweise, dass Elinor Büller und Tilly Wedekind, von Benn über Jahre parallel gelebte Liebschaften – nichts voneinander gewusst hätten.

Doch weiter hinten zitiert er zustimmend aus Wedekinds Erinnerungen, dass sie erst 1966 davon erfuhr, sich dann aber nicht mehr zu postumer Eifersucht aufraffen konnte. 

Wo bleibt Benns Dichtung?

Das größte Manko bleibt aber die Abwesenheit der Dichtung. Nur vom Schreiben und vom Werk aus wäre es gerechtfertigt, sich mit Benns Liebschaften zu befassen. Ansonsten droht der Blick viel zu eng, moralisierend, voyeuristisch zu werden. Martynkewicz bedient sich fast ausschließlich an Benns zwiespältiger Essayistik, um ihm seine ideologische Fragwürdigkeit nachzuweisen.

Aber auch dann, wenn es etwa um die Konzeption einer "überzeitlichen Kunst" und deren Nähe zur NS-Propaganda geht, wäre es hilfreich, neben der Theorie auch die dichterische Praxis zu Rate zu ziehen. So erfährt man zwar viel über Benns Verirrungen – doch warum ihn die Nazis-Propagandisten schließlich trotzdem verwarfen, ihn mit Berufsverbot und dem Ausschluss aus der Reichsschrifttumskammer belegten, das ist Martynkewicz nur ein paar beiläufige Sätze wert.

Wolfgang Martynkewicz: Tanz auf dem Pulverfass. Gottfried Benn, die Frauen und die Macht
Aufbau, Berlin 2017
408 Seiten, 24 Euro

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