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Thema / Archiv | Beitrag vom 08.08.2008

Wolfgang Huber: Religion und Aufklärung kein Widerspruch

Bischof betont Verantwortung der Evangelischen Kirche, Glauben und Vernunft zu vereinbaren

Wolfgang Huber im Gespräch mit Dieter Kassel

Wolfgang Huber, EKD-Ratspräsident, sieht keinen Gegensatz zwischen Aufklärung und Religion. (AP)
Wolfgang Huber, EKD-Ratspräsident, sieht keinen Gegensatz zwischen Aufklärung und Religion. (AP)

Nach Ansicht des Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche, Bischof Wolfgang Huber, stehen Religion und Aufklärung nicht im Widerspruch zueinander. Die evangelische Kirche habe eine besondere Verantwortung, das zu verdeutlichen. Auch anderen Religionen wie dem Islam widerspreche ein Prozess der Aufklärung nicht, betonte Huber.

Dieter Kassel: "Der christliche Glaube: Eine evangelische Orientierung". So heißt das Buch von Wolfgang Huber, das heute erscheint und in dem der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische-Oberlausitz und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland unter anderem die Vereinbarkeit von Glaube und Vernunft aus seiner Sicht erklärt. Bischof Huber ist, so hat er mir schon versucht zu erklären, in einer Mischung aus Privat- und Dienstreise gerade in Frankreich. Und da begrüße ich ihn jetzt am Telefon. Guten Morgen, Bischof Huber.

Wolfgang Huber: Guten Morgen, Herr Kassel.

Kassel: Stand Ihre Vernunft in Ihrem Leben schon mal Ihrem Glauben im Wege oder umgekehrt?

Huber: Natürlich gibt es im Glauben Rätsel, die über das, was wir vernünftig begreifen können, hinausgehen. Und natürlich hat die Vernunft Einsprüche gegen das, was der Glaube uns sagt. Diese Spannung zwischen Glaube und Vernunft kann man nicht aufheben, an der arbeitet man unter Umständen ein Leben lang. Aber man braucht sie und soll sie auch nicht zu einem Widerspruch steigern, sondern man soll sein Leben lang sich auch darum bemühen, den Glauben vernünftig zu verstehen und im Umgang mit der eigenen Vernunft demütig zu sein in dem Bewusstsein, dass es Größeres gibt, als die eigene Vernunft.

Kassel: In diesem Zusammenhang darf ich Sie einmal kurz zitieren. Sie sagen zu diesem Thema in Ihrem Buch, die menschliche Vernunft sei endlich, und dann wörtlich: "Es dient der christlich verstandenen Freiheit, wenn die Vernunft dem Glauben nachfolgt und in seinen Dienst tritt." Das klang mir ein bisschen danach, als dürfe man Vernunft nur in 90 Prozent des Lebens einsetzen und es sei verboten, sie dazu zu benutzen, über Gott nachzudenken.

Huber: Nein, das ist nicht der Punkt. Es geht auch nicht darum, Bereiche auszuklammern, in denen man die Vernunft nicht einsetzt, sondern es geht darum, auch im Umgang mit der eigenen Vernunft ein Stück Demut walten zu lassen und sich klarzumachen, dass es Höheres gibt als die menschliche Vernunft. Jetzt nicht im Sinne von 90 Prozent und 10 Prozent, sondern in dem Sinn, dass das Ganze der Wirklichkeit, dass die umfassende Wirklichkeit Gottes immer Geheimnisse in sich bergen wird, die die menschliche Vernunft nie ein für allemal auflösen wird. Es ist auch gut, sich klarzumachen, dass unser Vernunftgebrauch, unser Umgang mit unserer eigenen Vernunft immer nur perspektivische Zugänge zur Wahrheit erschließt und niemals die Wahrheit ein für allemal ganz als sicheren Besitz hat.

Kassel: Was sagt das für den Alltag, was zum Beispiel den Umgang mit Naturwissenschaft angeht, Herr Huber? Da haben wir ja immer wieder Erkenntnisse, wo man, wenn man sie einfach denkt, sagen könnte "Na ja, da haben wir Beweise, jetzt wissen wir, wie es im Weltall aussieht, wie es in den kleinsten Teilchen unseres Körpers aussieht und Gott ist eigentlich nirgendwo nachgewiesen". Was sagt da die Vernunft und der Glaube?

Huber: Also, schauen Sie gerade dieses Beispiel des Weltalls an. Unser Bild von der Welt revolutioniert sich immer wieder. Als die Leute nach Kopernikus gedacht haben "Nun haben wir es wirklich verstanden, dass die Sonne der Mittelpunkt der Welt ist", da hat sich dann herausgestellt, dass das noch immer eine ganz verkürzte Wahrnehmung ist. Jetzt haben wir ungeheuer spannende Bilder von einem sich ausdehnenden Universum, wir haben eigentlich gar keine richtigen Darstellungsformen, um das zu begreifen. Auch die heutige Generation ist gut beraten, sich nicht einzubilden, dass sie nun eine letzte Wahrheit über den Charakter des Weltalls hätte, sondern sie hat neue Einsichten gewonnen, und sie muss darauf gewappnet sein, dass eine nächste Generation auch noch mal neue Einsichten gewinnt.

Und das, was für das Weltall gilt, gilt umgekehrt auch für den Umgang mit dem Menschen, der menschlichen Person. Wir sind jetzt im Augenblick der Meinung, wir hätten durch die Entschlüsselung der genetischen Ausstattung des Menschen sehr viel verstanden, aber wir sind gerade dabei, ihn als geistiges Wesen zu vernachlässigen und nicht mehr in der Lage zu sein, so von seiner Freiheit zu reden, wie das frühere Generationen unter Umständen konnten. Also, der geschichtliche Charakter menschlicher Erkenntnis und menschlicher Vernunft ist etwas, was sich gerade vom Glauben her erschließt. Nämlich von der Einsicht, dass der Mensch selber nicht etwas Absolutes ist, sondern dass der absolute Bezugspunkt seines Lebens Gott ist.

Kassel: Nun gibt es natürlich Menschen, auch Christen, gerade Christen, die gerne das Rad ein bisschen zurückdrehen würden. Denn was Sie gerade gesagt haben, Herr Huber, was Sie auch in Ihrem Buch beschreiben, bezieht sich ja auch ein bisschen auf den Umgang der Institution Kirche mit den Naturwissenschaften, der, ich glaube, darauf können wir uns einigen, im Laufe der Zeit nicht immer völlig reibungslos funktioniert hat.

Nun gibt es heutzutage die Kreationisten, es gibt Anhänger des sogenannten Intelligent Design, die alle zu etwas zurückwollen, was gerade die Evangelische Kirche ja eigentlich schon längst hinter sich gelassen hat, nämlich diese Wörtlichnahme der Bibel. Gott, der alte Mann, der mit einem Zauberstab sechs Tage lang die Erde geschaffen hat und dann ausgeruht hat. Was sagen Sie denn gerade im Zusammenhang zwischen Vernunft und Glaube diesen Menschen, die es gerne viel einfacher hätten?

Huber: Ja, ich mache Sie gerne auf einen inneren Widerspruch aufmerksam, in dem sie sich selber befinden. Denn in manchen Hinsichten haben sie natürlich das Weltbild der Bibel hinter sich gelassen und durchschaut, dass dieses Weltbild selber geschichtlich ist. Die Vorstellung von einer Erde als einer Scheibe, von der Himmelsfeste, von einer Kuppel, die sich über der Erde als Scheibe erhebt, diese Vorstellungen haben sie ja alle nicht mehr. Und dann fangen sie plötzlich an, an einem bestimmten Punkt, nämlich beim Sechs-Tage-Werk, das nun wörtlich zu nehmen.

Diese innere Unstimmigkeit ist deswegen besonders beunruhigend, weil dadurch der Charakter der biblischen Schöpfungserzählungen als Glaubensaussagen gerade verdunkelt wird und man so tut, als seien das wissenschaftliche Aussagen, die mit der heutigen wissenschaftlichen Welterkenntnis auf eine Stufe gestellt werden könnte. Diese innere Unstimmigkeit möchte ich gerne den Kreationisten und den Vertretern des Intelligent Design deswegen vorhalten, weil sie aufpassen müssen, damit sie nicht die Glaubensaussagen der Bibel zu einer pseudowissenschaftlichen Weltanschauung machen. Darin sehe ich den großen Fehler dieser Denkweisen, und das schadet der Wissenschaft und dem Glauben, also dem Glauben und der Vernunft in gleicher Weise.

Kassel: Glaube und Vernunft ist für Sie ja ein Thema, über das Sie in Ihrem Buch nicht nur sagen "Es geht nebeneinander, das stört sich nicht", sie sagen sogar wörtlich "Diese beiden Dinge sind aufeinander angewiesen. Aufeinander heißt, der christliche Glaube im evangelischen Sinne ist auf Vernunft angewiesen, hat ihr was zu verdanken". Wie habe ich das zu verstehen?

Huber: Also, wenn ich mich zu Gott als dem Schöpfer verdanke und wenn meine Lebenshaltung dadurch geprägt ist, dass ich mein Leben als Geschenk von Gott annehme, dann nehme ich es doch an einschließlich der Vernunft, die mir anvertraut ist. Dann kann doch diese Vernunft nicht etwas sein, was glaubenswidrig ist, was zwischen mich und Gott als den Schöpfer meines Lebens tritt. Das ist die Grundhaltung. Alle Gaben meines Lebens sind gute Gaben Gottes, die so eingesetzt werden müssen, dass ich darin Gott lobe und meinem Nächsten beistehe, ihn unterstütze und mein Leben zu einer guten Entfaltung bringe.

Diese ganz kreatürliche Grundaussage im Blick auf die Vernunft, die ist eigentlich das, was mich dabei antreibt. Es ist, wenn Sie so wollen, eine Theologie der Geschöpflichkeit, von der ich ausgehe, aus der die menschliche Vernunft nicht ausgenommen werden kann. Und auf der anderen Seite, der Glaube drängt auf das Verstehen. Er drängt darauf, dass ich mich anderen Menschen auch mitteilen kann in dem, was ich glaube, was mir für mein eigenes Leben wichtig ist. Dafür kann ich nicht nur, sondern dafür muss ich auch meine Vernunft in Anspruch nehmen.

Kassel: Dass der Glaube auf das Verstehen drängt, ist ein Eindruck, den man vielleicht weltweit nicht immer bei jeder Religionsgemeinschaft hat. Ist das, was Sie über das evangelische Christentum sagen, auch eine Form der Abgrenzung gegenüber anderen Religionen, vielleicht ganz konkret auch gegenüber dem Islam?

Huber: Also, Abgrenzung ist ein problematischer Ausdruck, aber richtig ist, dass auch schon im Miteinander der christlichen Konfessionen die reformatorische Gestalt des christlichen Glaubens ganz stark auf die Verbindung von Vernunft und Glauben, von Glauben und Bildung drängt, darauf, dass der Glaube zur Sprache kommt. Deswegen steht in der Evangelischen Kirche auch die Predigt, also die Auslegung der Bibel, die Auslegung des Glaubens so stark im Zentrum.

Ich bin in der Tat fest davon überzeugt, dass wir als Evangelische Kirche genau an dieser Stelle gegenwärtig eine besondere Verantwortung haben. Eine Verantwortung dafür, dass deutlich wird, Religion und Aufklärung stehen nicht im Widerspruch zueinander. Wenn die Erwartung ausgesprochen wird, dass auch der Islam einen Schritt durch die Aufklärung hindurch tut, dann ist das nicht etwas, was der Religion als solcher fremd ist, sondern was für jede Religion möglich sein kann.

Kassel: Die Evangelische Kirche in Deutschland hat natürlich Probleme mit Kirchenaustritten, mit geringem Gottesdienstbesuch, und, und, und. Wir hören das immer wieder, Sie kennen das auch. Und wir hören auch, dass gleichzeitig, ja, die Suche nach irgendeiner Form von Religiosität, ich betone hier das irgendeine, irgendeiner Form von Spiritualität zunimmt. Glauben Sie denn, wenn Sie jetzt ein, ja, schon vom Titel her, von seinem Anspruch her, sehr grundsätzliches Buch über das evangelische Christentum schreiben und da gerade solche Dinge erklären, Aufklärung, Vereinbarkeit von Vernunft, dass das wirklich das ist, was die Leute suchen? Man hat ja doch das Gefühl, die suchen viel mehr Irrationales, viel mehr Unvernünftiges heute.

Huber: Es gibt bei der Suche nach Religion und bei der Wiederentdeckung der Bedeutung von Religion sicher sehr viel an Irrationalem und man muss, das zeige ich ja auch in meinem Buch, die Dimension der Spiritualität ernst nehmen, der gelebten Frömmigkeit. Aber ich glaube, viele Menschen fragen auch so, dass sie den Glauben, an dem sie gerne Halt finden wollen, auch vernünftig verstehen wollen. An solche suchenden und fragenden Menschen richte ich mich mit meinem Buch.

Ich glaube nicht, dass man heute mit einem Buch alle Menschen erreichen kann, alle Sehnsüchte und alle Erwartungen von Menschen befriedigen kann. Aber ich stehe persönlich für diese reformatorische Gestalt des christlichen Glaubens, für eine Gestalt des christlichen Glaubens, die man auch verstehen und deswegen auch wirklich in sein Leben integrieren kann. Ich stehe damit in der Tat nicht für eine Art von Wellness-Religion, wo man einmal für drei Tage im Jahr irgendetwas Irrationales macht und dann hat man ein gutes Gefühl und dann kann der Rest des Jahres so weiterlaufen, wie bisher.

Kassel: Es gibt ja nicht nur die Wellness-Religion. Es gibt die evangelikalen Bewegungen, man sieht das in Südamerika, in anderen Kontinenten, wo im Prinzip christliche Bewegungen den großen etablierten christlichen Kirchen Mitglieder wegnehmen. Da geht es ja auch nicht gerade im Vernunft. Geben Sie, das ist kein Riesenproblem in Deutschland, aber die Tendenz ist da, geben Sie diese Menschen auf, oder glauben Sie, Sie können die auch von Vernunft und Glaube überzeugen?

Huber: Nein, ich habe mich immer dafür eingesetzt, dass wir mit diesen pfingstlerischen Bewegungen in Lateinamerika auch den Dialog suchen. Ich war sehr interessiert daran, als ich in Chile festgestellt habe, dass jedenfalls ein Teil dieser Bewegungen ihrerseits einen Anschluss sucht an die Tradition der Reformation. Sie haben sich selber dafür eingesetzt, dass in Chile der Reformationstag, der 31. Oktober, zu einem staatlich respektierten Feiertag gemacht worden ist. Das heißt, da gibt es auch neue Brückenschläge, die man ernst nehmen muss, so schwierig der Dialog im Einzelfall auch sein kann.

Jedenfalls glaube ich nicht, dass es richtig ist, in einer Zeit, in der fundamentalistische religiöse Bewegungen sich entwickeln, die mit einfachen Antworten die Menschen zu erreichen versuchen, dass man in einer solchen Zeit aufgeben darf, deutlich zu machen, der christliche Glaube jedenfalls nimmt die Vernunft des Menschen in Anspruch und schiebt sie nicht beiseite.

Kassel: Wolfgang Huber, Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische-Oberlaulitz und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland hier im Deutschlandradio Kultur im Gespräch zu seinem neuen Buch "Der christliche Glaube: Eine evangelische Orientierung". Es erscheint im Gütersloher Verlagshaus heute. Ist das eigentlich Zufall, Herr Huber, 08.08.2008, oder sind Sie auch heimlich Anhänger irgendeiner Zahlenmystik?

Huber: Nein, das ist ein Zufall. Die Verabredung mit dem Verlag war, dass es in den ersten Tagen des August erscheint. 08.08.08 ist aber eine schöne Zahl.

Kassel: Vielleicht hat irgendein Buchladen auch um 08:08 Uhr aufgemacht. Herr Huber, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Huber: Ich bedanke mich auch, Herr Kassel.

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