Fazit 12.07.2020

Wolfgang Benz: "Streitfall Antisemitismus"Wegweiser aus einem verminten GeländeVon Christiane Habermalz

Beitrag hören Porträt des Historikers Wolfgang Benz, aufgenommen 2017 (imago images / Gerhard Leber)Der von Wolfgang Benz herausgegebene Sammelband positioniert sich und versucht, die Antisemitismus-Debatte zu versachlichen. (imago images / Gerhard Leber)

In Deutschland gehört das Bekenntnis zu Israel aus gutem Grund zur Staatsraison. Doch der Kampf gegen den Antisemitismus wird auch politisch instrumentalisiert - und gefährdet so Wissenschaftlern zufolge die öffentliche Debatte.

Wolfgang Benz war ein gewisser Zorn anzumerken. Die Antisemitismus-Debatte in Deutschland sei massiv aus dem Ruder gelaufen, diagnostizierte er bei der Buchvorstellung im Brecht-Haus in Berlin. Immer öfter würden Aktivisten den Antisemitismus-Vorwurf erheben und damit nicht nur Karrieren und Personen massiv beschädigen, sondern auch den öffentlichen Raum einengen.

Mit Wissenschaftlichkeit und sachlicher Expertise habe das meist wenig zu tun. Dafür umso mehr mit Emotionen und politischen Interessen, beklagte der langjährige Direktor des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin.  

"Beim Thema Antisemitismus ist man von Experten umzingelt, die es allemal besser wissen, und das gesinnungsstark auch zum Ausdruck bringen", sagte Benz.

Der Sammelband "Streitfall Antisemitismus" positioniert sich mitten hinein in die überreizte öffentliche Debatte um die palästinensische Boykottbewegung BDS. Ein Buch, das sich als "Wegweiser" versteht – und als Versuch, die Debatte zu versachlichen.

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15 Autoren aus Wissenschaft und Politik bemühen sich um Aufklärung und Differenzierung zu den Fragen: Darf man den Holocaust mit anderen Menschheitsverbrechen vergleichen? Welche Ziele verfolgt die Boykottbewegung BDS tatsächlich? Wann überschreitet berechtigte Kritik an Israels Besatzungspolitik die Grenzen und ist Judenfeindschaft? 

Schaden für Freiheit der Wissenschaft

Auslöser für das Buch seien die Kritik am zurückgetretenen Direktor des Jüdischen Museums, Peter Schäfer, und die Antisemitismusvorwürfe gegen den südafrikanischen Geschichtsphilosophen Achille Mbembe gewesen – laut Benz nur zwei von vielen unguten Beispielen für, wie er es nennt, "politisch angetriebenen denunziatorischem Aktionismus", der die öffentlichen Debatten erschwert oder unmöglich macht.

Der prominente Wissenschaftler Mbembe sollte als Eröffnungsredner der Ruhr-Triennale ausgeladen werden – nachdem ein FDP-Politiker und der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, in seinem Werk Passagen aufgespürt hatten, in denen er die israelische Besatzungspolitik im Westjordanland mit der südafrikanischen Apartheid verglichen hatte.

"Die Peinlichkeit und das Missverstehen und die Anmaßung des Zensurverlangens gegenüber diesem Gelehrten ist die eine Seite des Falles. Der Schaden für die Freiheit der Wissenschaft die andere", meint Benz. 

Wie vermint das Gelände ist, das musste der Antisemitismusforscher Wolfgang Benz, Doyen seines Fachs, auch am eigenen Leibe erleben. Als er bei einer wissenschaftlichen Konferenz Islamfeindschaft mit Antisemitismus verglich, sei er in bestimmten Kreisen zum Paria geworden, der die Singularität des Holocaust in Frage stelle, erzählt er.

Daran hätten auch die vielen Sympathiebekundungen deutscher und internationaler Gelehrter nichts geändert, denn kaum einer habe diese öffentlich gemacht.

"Man wird von dem einen oder anderen gemieden, man kriegt von dem einen oder anderen eins übergezogen. Man liest in der Jerusalem Post - ich nehme an, das ist die schlechteste Zeitung der Welt - dass ich ein Antisemit und Holocaust-Leugner bin. Das hat Folgen, und Wissenschaftsfreiheit wird beschädigt", sagt Benz.

Von der öffentlichen Bühne verdrängt

Unter den Autoren des Buches sind der israelische Historiker Moshe Zimmermann und der frühere israelische Botschafter in Deutschland, Shimon Stein, die in ihrem Kapitel "Wegweiser für die Verwirrten" darlegen, wie energisch das israelische Ministerium für strategische Angelegenheiten zur Instrumentalisierung des Kampfes gegen Antisemitismus in der ganzen Welt beiträgt – und es geschafft hat, dass sich gutgemeinte  Antisemitismusverordnungen und -beschlüsse in Amerika, Frankreich und Deutschland gegen eine eigentlich marginale BDS-Bewegung beziehungsweise Kritiker der israelischen Besatzungspolitik richteten.

Der frühere Leiter des Leo-Baeck-Instituts in Jerusalem, Daniel Cil Brecher, zeichnet in seinem Beitrag ein Bild der deutschen Identitätsprobleme und der komplexen deutsch-israelischen Beziehungen. Der Erziehungswissenschaftler Michael Brumlik begründet in seinem Beitrag, warum er im Zusammenhang mit der BDS-Debatte von einem neuen McCarthyismus spricht. Denn es genüge oft schon der Vorwurf, mit dem BDS Kontakt gehabt zu haben, um von öffentlichen Bühnen verdrängt zu werden.

"Und das genau ist McCarthyismus. Dass man Leuten unbewiesen und unbelegt irgendwelche Kontakte vorhält, und ihnen aufgrund dieser unbelegten Kontakte so etwas wie ein öffentliches Auftrittsverbot erteilt", sagt Brumlik.

Das Buch ist ein wichtiger Beitrag zu einem hochbrisanten Thema, der Expertise und Argumente liefert für eine Debatte, aus der sich viele mittlerweile lieber heraushalten, aus Angst, sich die Finger zu verbrennen. Dabei ist es heute wichtiger denn je, über jede Form von Antisemitismus zu sprechen.

Das beweisen die anhaltend hohen Zahlen der antisemitischen Vorfälle, Beleidigungen, Angriffe und Morddrohungen gegen jüdische Menschen in Deutschland. In ihrer überwältigenden Mehrheit kommen sie allerdings immer noch aus Kreisen der radikalen Rechten.

Wolfgang Benz (Hrsg.): Streitfall Antisemitismus. Anspruch auf Deutungsmacht und politische Interessen
Metropol Verlag, Berlin 2020
328 Seiten, 24 Euro

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