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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 25.01.2019

Wolfgang Bauer: "Bruchzone"Reportagen entlang der Schmerzgrenze

Von Anne Kohlick

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Auf dem Cover schaut ein junger Mann ängstlich in die Kamera, dahinter ist eine Explosion in einer südlichen Landschaft zu sehen (Suhrkamp/Xinhua/Imago)
Geschichten über Menschen, die meist nichts mehr zu verlieren haben: Kriegs- und Krisenreportagen von Wolfgang Bauer. (Suhrkamp/Xinhua/Imago)

Krieg, Hunger, Gewalt: Wolfgang Bauer reist für seine Reportagen an Orte, an denen Menschen dem Tod oft näher sind als dem Leben. In seinen Texten reflektiert der "Zeit"-Journalist dabei auch immer die eigene Rolle.

Amerikanische Drohnen, bestückt mit Hellfire-Raketen, kreisen über den Dörfern Waziristans, einer abgeschotteten pakistanischen Provinz an der Grenze zu Afghanistan. Sie schießen auf Männer, Frauen, Kinder – bei der Feldarbeit, bei Trauerfeiern, wenn sie schlafen. Hunderte Zivilisten sterben bei diesen Angriffen, die der CIA als Terroristen gelten.

Storys aus Syrien, Afghanistan oder von der Krim

Mit Überlebenden und Hinterbliebenen des Drohnenkriegs hat sich der Krisenreporter Wolfgang Bauer 2013 in Islamabad getroffen. In seiner Reportage lässt er sie in langen Zeugenberichten erzählen: von ihrem Alltag unter dem Druck der Taliban und den Explosionen, die ihre Verwandten aus dem Leben rissen. Klug baut der Autor in seinem Text einerseits Nähe zu den Protagonisten auf – andererseits macht er deutlich, mit wie viel Skepsis und Distanz die Einwohner Waziristans ihm, dem christlichen Journalisten aus dem Westen, begegnen. Ist er vielleicht doch ein amerikanischer Agent?

Die Reportage über die Opfer des Drohnenkriegs in Pakistan ist eine von 15, die Wolfgang Bauer für seinen neuen Sammelband "Bruchzone" ausgewählt hat. Es sind Texte, die zwischen 2010 und 2017 in der Wochenzeitung "Die Zeit" erschienen sind. Berichte aus den Kriegs- und Krisengebieten der Welt: von der Krim, aus Syrien, Afghanistan, dem Irak. Aber auch aus Regionen, die in den Nachrichten kaum (noch) auftauchen – wie etwa Sierra Leone, wo jede achte Frau bei der Geburt ihres Kindes stirbt.

Deutsche Konserven essen, während andere hungern

Die Geschichte aus diesem Land ist eine der wenigen, die der 1970 geborene Reporter aktiv beeinflusst: Er fährt die in den Wehen liegende Fatmata mit seinem Jeep ins 25 Kilometer entfernte Krankenhaus, das sonst für sie unerreichbar wäre.

Klug reflektiert Bauer in seinen Texten immer wieder seine eigene Position – etwa im Südsudan, wo er eine unterernährte Familie porträtiert. Während seines Aufenthalts dort isst er selbst Konservennahrung aus Deutschland, während um ihn herum Kinder und Kranke hungern.

Die Texte in "Bruchzone" sind weder chronologisch noch geografisch geordnet, sondern emotional "an der Schmerzgrenze entlang", schreibt der Autor im Vorwort, "in der Hoffnung, dass sie nicht überschritten wird, wenigstens nicht zu oft". Doch es gibt Momente, in denen das Weiterlesen schwerfällt: Etwa wenn von Metallklingen die Rede ist, die in Libyen vom Himmel auf spielende Kinder herabregnen wie Hagelkörner.

Fakten und Gefühle verbinden, um Menschen zu verstehen

In "Bruchzone" zeigt der Krieg ein noch grausameres Gesicht als in den Nachrichten, wo er den Zuschauern meist in Form von Zahlen und Statistiken begegnet. Erst die Reportage, die das Schicksal des Einzelnen in den Fokus nimmt, macht das Leid der Opfer wirklich spürbar.

Nach dem Fälschungsskandal um den Spiegel-Reporter Claas Relotius wird das ganze Genre argwöhnisch beäugt. Doch Wolfgang Bauer macht in seinem Sammelband deutlich, wofür wir die Reportage brauchen: um Fakten mit Gefühlen zu verbinden, um Menschen in Extremsituationen zu verstehen.

Wolfgang Bauer: "Bruchzone"
Suhrkamp, Berlin 2018
349 Seiten, 18 Euro

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