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Thema / Archiv | Beitrag vom 17.10.2008

Wolffsohn: "Provokation" hält sich in Grenzen

Historiker über sein Buch "Deutschland jüdisch Heimatland"

Michael Wolffsohn im Gespräch mit Stephan Karkowsky

Ein Jude schreibt Buchstaben in eine Tora (AP)
Ein Jude schreibt Buchstaben in eine Tora (AP)

Der Wissenschaftler Michael Wolffsohn sieht durch die Einwanderung von zahlreichen Juden in den vergangen Jahren einen Paradigmenwechsel. Die Bundesrepublik werde in der jüdischen Welt als ein "befreundetes Land" angesehen, sagte Wolffsohn.

Stephan Karkowsky: Eine viel diskutierte These lautet, erst Hitler und der Holocaust hätten die deutschen Juden überhaupt zu Juden gemacht. Vor dem Zweiten Weltkrieg waren sie weitgehend in die christliche oder säkulare Mehrheitsgesellschaft eingepasst, oftmals unreligiös oder sogar zum Christentum konvertiert. Wie sich nach dem Holocaust ein neues, jüdisches Selbstbewusstsein in Deutschland entwickeln konnte - auch darum geht es in "Deutschland, jüdisch Heimatland", Titel des neuen Buches von Michael Wolffsohn, Historiker an der Hochschule der Bundeswehr in München. Guten Tag, Herr Wolffsohn!

Michael Wolffsohn: Guten Tag!

Stephan Karkowsky: "Deutschland, jüdisch Heimatland" - das wird sicher manchen provozieren. Kann das Land der Mörder, wie es ja von manchen genannt wird, wirklich Heimat sein und ist es das auch?

Wolffsohn: Inzwischen ja und daher, glaube ich, hält sich die Provokation in Grenzen. Das wäre vielleicht vor 10, 15, mit Sicherheit 20 Jahren eine Provokation gewesen, aber aufgrund der Tatsache, dass seit 1991 nach Deutschland – freiwillig, wohlgemerkt, freiwillig – knapp 200.000 Juden aus der ehemaligen Sowjetunion gekommen sind, Deutschland heute das einwanderungsstärkste Land von Juden ist. Es kommen nach Deutschland ungefähr etwas mehr Juden als nach Israel derzeit. Das ist ein Zeichen für einen Paradigmenwechsel, das heißt, dass Deutschland nicht nur im allgemeinen Ausland, sondern in der jüdischen Welt und in Israel als ein ganz normales, ja, befreundetes Land angesehen wird.

Stephan Karkowsky: Nun hat ja mit dem Heimatbegriff selbst so mancher Deutsche seine Schwierigkeiten wegen der belasteten Vergangenheit. Ist das für Juden nicht noch viel schwieriger, zu sagen, Deutschland ist meine Heimat?

Wolffsohn: Wo man lebt und wo man gerne lebt und wo man freiwillig lebt und vor allem sein Heim hat, das Land, in dem man seine Heimat hat, ist das Heimatland. Und insofern beschreibt es eine Wirklichkeit, die inzwischen durch Freiwilligkeit für alle erkennbar ist.

Stephan Karkowsky: Wie war das denn bei Ihnen eigentlich, Herr Wolffsohn? Ihre Familie ist aus Deutschland geflüchtet, sie ist dann aber zurückgekehrt, Sie selbst sind in Berlin zur Schule gegangen in den 50er-Jahren. Wie haben Sie diesen inneren Konflikt erlebt? Gab es den überhaupt? Als deutsche Familie war Deutschland die Heimat, als jüdische Familie wurden Sie von dieser Heimat verfolgt.

Wolffsohn: Wenn ich das mal familiengeschichtlich dringen darf – als wir, also meine Eltern und ich, 1954 aus Israel nach Deutschland gingen, waren wir nicht nur Jordin, wie man das auch Hebräisch in Israel nennt, also Absteiger – jeder, der aus Israel weggeht, ist ein Absteiger, ein Joret, wir waren also Jordin. Das war nicht nur, Anführungszeichen, "Vaterlandsverrat", das war auch im israelischen Teil unserer Familie höchst unpopulär. Inzwischen haben die meisten meiner Vettern, die uns damals gar heftig kritisiert haben, auch den deutschen Pass, Artikel 116 Grundgesetz, also Volksdeutsche. Das ist ein Stück Normalisierung, und die letzte Normalisierung sehen Sie an meiner eigenen Person.

Wie gesagt, vor 20 Jahren bin ich von Nichtjuden und Juden geradezu gesteinigt worden, dass ich gesagt habe, dass die Bundesrepublik Deutschland ein Staat ist, die in ihrem Selbstverständnis, in ihrer Staatsräson es mit uns Juden gut meint. Wie gesagt, damals gesteinigt, heute bin ich Mitglied im Vorstand der Jüdischen Gemeinde in München, auf Initiative der Zentralratspräsidentin. Das ist ein Paradigmenwechsel.

Stephan Karkowsky: Ich bewundere da Ihren Optimismus, Herr Wolffsohn, aber entspricht das der Realität? Wie offen leben Juden in Deutschland denn heute, anders gefragt, wie viele Deutsche wissen zum Beispiel, was Rosch ha-Schana ist oder was Pessach und was Juden da machen?

Wolffsohn: Gegenfrage: Wissen denn sehr viele Christen, was Weihnachten ist? Wir wissen aus Umfragen, dass 39 Prozent der Deutschen, vermeintlich Christen, keine Ahnung haben, was der Hintergrund von Weihnachten ist, noch weniger wissen, was eigentlich Pfingsten ist, denn mit dem Heiligen Geist können sie gar nichts anfangen. Mit anderen Worten: Die religiöse Unkenntnis bezüglich des Judentums ist noch überhaupt kein Beweis für Distanz zum Judentum, sondern sehr wohl ein Beweis für Distanz zur Religion an sich.

Stephan Karkowsky: Sie hören im Deutschlandradio Kultur Michael Wolffsohn, der Historiker der Münchner Hochschule der Bundeswehr hat mit Thomas Brechenmacher ein Buch vorgelegt mit dem Titel "Deutschland, jüdisch Heimatland". Sie brauchen meiner Ansicht nach in diesem Buch sehr lange, Ihre Untersuchungsmethode zu erklären und zu rechtfertigen, Herr Wolffsohn. Das war mein Eindruck. Sie wollen nämlich Aussagen treffen über die öffentliche Meinung der Juden in Deutschland vor Einführung der modernen Demoskopie und haben dafür eine eigene Methode entwickelt: Sie analysieren nämlich die Vornamen, die Juden ihren Kindern in den letzten 200 Jahren, könnten wir sagen, gegeben haben. Wie funktioniert das?

Wolffsohn: Die Grundidee ist die, dass ein Vorname, egal wo und wann er vergeben wird, ein Signal von innen nach außen ist, das Signal der Namensgeber, also der Eltern oder Alleinerziehenden, was ihnen wichtig, lieb ist, auch modisch natürlich den jeweiligen Veränderungen unterworfen ist. Konkretes Beispiel: Wenn Nichtjuden ihr Kind heute Sara nennen, dann ist das ein Modename, im Jahre 1940 wäre kein Deutscher auf die Idee gekommen, kein nichtjüdischer Deutscher, das eigene Kind, Töchterlein, Sara zu nennen. Also Moden unterliegen natürlich auch hier dem Wechsel, und gerade daran kann man eben sehen, was sich wann und wie heftig verändert hat.

Stephan Karkowsky: Aber der Rest ist Interpretation! Ich wende dagegen ein: Heute würden wahrscheinlich auch die meisten Nichtmoslems in Deutschland ihr Kind nicht Mohammed nennen, aber daraus zu schließen, dass sie antiislamische Vorstellungen haben, wäre wahrscheinlich verkehrt.

Wolffsohn: Das ist auch nicht der Punkt. Insofern ist das Beispiel weiterführend und wegführend vom eigentlichen Thema. Wenn aber jüdische Eltern ihr Kind Hirsch nennen oder Jankel oder Esther und in der nächsten Generation Brunhild oder Siegfried oder Peter oder Hans, dann ist natürlich ein dramatischer Unterschied erkennbar.

Stephan Karkowsky: Das habe ich gelernt aus Ihrem Buch: Deutsche Juden haben sich im Kaiserreich überwiegend nichtjüdische Namen gegeben ab einer bestimmten Periode, da hießen die Frauen dann Berta und Frieda und die Männer Maximilian und Hermann, eben genau wie die christlichen Deutschen. Nun wissen die Historiker ja schon eine geraume Zeit: In dieser Zeit haben die Juden relativ große bürgerliche Freiheiten genossen, und das haben sie genutzt, um in der deutschen Gesellschaft aufgehen zu wollen, muss man sagen, es hat ja dann nicht funktioniert. Was können uns da die Vornamen Neues erzählen?

Wolffsohn: Die Methode, es ist kein Buch über Vornamen, sondern die Methode sagt uns, wann, wie heftig und in welche Richtung die Juden ihre jüdische Identität allmählich abgestreift haben und eine nichtjüdische übergestreift. Welche nichtjüdische zum Beispiel? War es eine stark, nennen wir das germanisierende? Oder war es eine kosmopolitisch orientierte? War es eine allgemein religiös unverbindlich, also nichtjüdisch orientierte, neue Haut? Oder wurden sie zionistisch, das heißt, orientierten sie sich an der jüdischen Nationalbewegung?

All das können wir sehr genau unterscheiden. Wir können auch unterscheiden zwischen Stadt und Land. Das heißt, wir haben erstmals überhaupt in der Geschichtswissenschaft und auch für den allgemein interessierten Leser eine repräsentative und zugleich empirische Aussage über das, was die Juden in Deutschland während der letzten 200 Jahre dachten.

Stephan Karkowsky: Sie sagen dann auch, nach dem Holocaust ändert sich das Bild, die Juden in Deutschland geben ihren Kindern heute offen jüdische Namen, David, Benjamin, Miriam, Sara. Was schließen Sie daraus?

Wolffsohn: Wir schließen daraus – und das kann man vor allem im großen Zeitraum vergleichend feststellen –, dass die heute in Deutschland lebenden Juden, mehr als die Hälfte von ihnen, willentlich und offen sich zur, ich formuliere bewusst allgemein, jüdischen Welt orientieren, an der jüdischen Welt orientieren. Ob sie dabei religiös sind mehr oder weniger, können wir auch erkennen, denn wenn die Namen Abraham zum Beispiel gewählt werden statt David, dann ist das natürlich sehr viel stärker in einer religiösen Tradition, während David eher ein nationales Symbol ist. Und heute kann man ganz allgemein formulieren: 50 Prozent plus der in Deutschland lebenden Juden wollen sich an der jüdischen Welt orientieren. Wir können nicht sagen mit dieser Methode, wie intensiv sie diese jüdischen Inhalte tatsächlich auch füllen. Aber wir können sagen, was sie wollen, welche Signale sie wählen. Und das ist sehr wichtig.

Stephan Karkowsky: Am Ende Ihres Buches haben Sie ein paar Thesen angeführt, Integrationsthesen sind darunter, Sie sagen, Integration durch Sprache, Bildung, Kulturangleichung, selbst durch Assimilation und Partizipation, das hat alles nicht funktioniert bei den Juden in Deutschland. Ziehen Sie daraus Schlüsse, dass das umgekehrt in der jetzigen Integrationsdebatte, wo es ja vor allen Dingen um den Islam geht, auch nicht funktionieren wird?

Wolffsohn: So pessimistisch möchte ich nicht sein, aber ich gebe zu bedenken, dass die Stichworte, mit denen die heutige Integrationsdebatte bezüglich der muslimischen Minderheit geführt werden, an der historischen Wirklichkeit vorbeigehen. Etwa ein Heinrich Heine oder Franz Kafka und Kurt Tucholsky konnten sicherlich nicht schlechteres Deutsch sprechen und schreiben als Lieschen Müller und klein Moritz.

Stephan Karkowsky: Die waren ja auch besser gebildet.

Wolffsohn: Damit sind wir bei einem anderen Stichwort, nämlich der besseren Ausbildung. Wenn wir also alle diese Punkte der deutsch-jüdischen Geschichte nehmen, wo die Integrationswilligkeit und Integrationsfähigkeit dieser doch winzigen Minderheit nicht gelungen ist, dann müsste man, könnte man pessimistisch sein. Nur: Die bundesrepublikanische Gesellschaft ist eine viel, viel offenere Gesellschaft als es die deutsche Gesellschaft bis Mitte der 40er-Jahre gewesen ist und der entscheidende Punkt sind also nicht die Stichworte Integration, Partizipation, Bildung und wie sie alle heißen, sondern, dass beide Seiten – wohlgemerkt, beide Seiten – ihre Herzen und ihre Köpfe öffnen. Da sich aber die Deutschen heute geöffnet haben, Minderheiten, … natürlich, Verbesserungsmöglichkeiten sind drin und der Welt … muss man nicht pessimistisch sein. Es ist Raum für Optimismus. Wie es ausgeht, das kann ich als Historiker nicht vorhersagen.

Stephan Karkowsky: "Deutschland, jüdisch Vaterland", so heißt das neue Buch von Michael Wolffsohn, die Geschichte der deutschen Juden vom Kaiserreich bis heute, erschienen im Pieper Verlag. Herr Wolffsohn, ich danke für dieses Gespräch.

Wolffsohn: Ich danke Ihnen.

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