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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 17.01.2018

WohnungsmarktWarum die Stadt Dresden wieder Wohnungen baut

Von Bastian Brandau

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Reiterstandbild Friedrich Augusts II in Dresden vor Häusern der damals Städtischen Wohnungsbaugesellschaft Woba, die im selben Jahr 2006 verkauft wurde. (imago/momentphoto/Killig)
Vor der Privatisierung in Dresden: Häuser der städtischen Wohnungsbaugesellschaft WOBA (imago/momentphoto/Killig)

2006 verkaufte Dresden seine Wohnungsbaugesellschaft mit 48.000 Wohnungen und wurde so auf einen Schlag schuldenfrei. Eine Pioniertat, fanden die einen, ein Riesenfehler die anderen. Vor einem Jahr gründete die Stadt nun eine neue Wohnungsbaugesellschaft.

Die Entwicklung auf dem Dresdner Wohnungsmarkt kannte seit 1990 mehrere Richtungen. Nach der Wende waren viele Altbauten in einem katastrophalen Zustand, es fehlte an günstigem Mietraum. Das änderte sich, weil vor allem junge Menschen auf der Suche nach Arbeit die Stadt verließen. Gleichzeitig sanierten Besitzer, oft unterstützt durch die öffentliche Hand, zahlreiche Wohnungen, die so neu auf den Markt kamen.

Wollt ihr nicht etwas weniger Miete zahlen?

Dresden wandelte sich Mitte der 1990er Jahre in einen echten Mietermarkt, erinnert sich Peter Bartels, seit 1990 Vorsitzender des Mietervereins Dresden und Umgebung. Heute kaum vorstellbar: Vermieter mussten um die Mieter konkurrieren, mit mietfreien Monaten oder geschenkten Einbauküchen.

"Und dann kam die interessante Situation, es gab ja geförderte Wohnungen in Sachsen und die Förderung der Wohnung war festgelegt für 12 oder 15 Jahre, wie die Mietentwicklung sein sollte zu der Zeit. Und das sollte enden mit 13,50 D-Mark.

Und Mitte/Ende der 1990er Jahre waren die geförderten Wohnungen plötzlich die teuersten Wohnungen in dieser Stadt. Und dann hatten wir plötzlich die ganz eigenartige Situation, dass die Vermieter auf die Mieter zugegangen sind und gesagt haben: Wollt ihr nicht freiwillig etwas weniger Miete bezahlen."

Leerstand, eine große Anzahl Wohnungen im städtischen Besitz – auf der anderen Seite standen hohe Schulden der Stadt.

Immer wieder wurde in dieser Zeit über den Verkauf städtischer Wohnungen diskutiert. Der 2006 dann beschlossen wurde, mit den Stimmen von CDU und FDP. Auch Stadträte der Linksfraktion stimmten dafür, ebenso ein Stadtrat der SPD.

48.000 Wohnungen verkauft

Die Stadt verkaufte 48.000 Wohnungen, darunter auch Sozialwohnungen. Gleichzeitig erhielt sie das Recht, 10.000 Wohnungen weiter vergünstigt an einkommensschwache Dresdner mit Berechtigung zu vergeben. Der Mieterverein Dresden sammelte damals für ein Bürgerbegehren gegen den Verkauf, bekam aber nicht die notwendigen Unterschriften zusammen.

"Wir als Mieterverein haben die klare Aussage getroffen, das wird zehn Jahre lang kein Problem sein, aber nach zehn Jahren werden wir doch in dieser Stadt wieder deutlich spüren, dass ein städtisches Wohnunsbauunternehmen notwendig ist. Es sind nur neun Jahre vergangen, und in der Stadt setzte sich die eindeutige Meinung durch, wir brauchen wieder ein neues städtisches Wohnungsunternehmen."

Denn längst hat sich der Dresdner Wohnungsmarkt wieder gewandelt. Die Stadt erlebt starken Zuzug, die Preise steigen seit Jahren. Insbesondere einkommensschwache Menschen haben heute Probleme, günstigen Wohnraum zu finden.

Neue Wohnungsbaugesellschaft

Beschlossen hat die Wiedergründung einer städtischen Wohnungsbaugesellschaft mit Namen "Wohnen in Dresden" die aktuelle rot-rot-grünen Ratsmehrheit. Zuständig ist Sozialbürgermeisterin Kristin Kaufmann von der Linkspartei:

"Unser Ziel ist es, bis 2021 als Stadt Dresden bis zu 800 Wohnungen zu errichten, dies ist möglich, dies ist heute aktuell ausschließlich möglich mithilfe des Landesförderprogrammes.

Der soziale Wohnungsbau soll dann aber natürlich kein abruptes Ende haben, sondern es ist die Politik der kleinen, aber kontinuierlichen Schritte, um eben nachhaltig unseren Beitrag für ein bedarfsgerechtes Angebot auf dem Dresdner Wohnungsmarkt zu leisten."

2036 laufen die Belegungsrechte in den damals verkauften Wohnungen endgültig aus, die heute dem Unternehmen Vonovia gehören. 10.000 Sozialwohnungen würden dann fehlen.

2036 fallen 10.000 Sozialwohnungen weg

Schon jetzt ist absehbar: In diese Dimensionen wird die neue städtische Wohnungsbaugesellschaft kaum vorstoßen können. 2.500 neue Wohnungen nennt Sozialbürgermeisterin Kaufmann als langfristiges Ziel.

"Für uns ist ganz klar: Wir müssen im Jahr 2036 spätestens eine probate Anzahl an Belegungsrechten haben, um eben auch ganz bewusst einkommensschwächere Haushalte, die sich nicht auf dem freien Wohnungsmarkt mit Wohnraum versorgen können, zu versorgen.

Das bedeutet, dass wir jetzt schon momentan überlegen, wie können wir das schaffen? Und genau das sind eben die Ansätze: Eigenen Wohnungsbau errichten, Zukäufe von Wohnungen, zu schauen, welche Liegenschaften mit Gebäuden wir noch in das Wohnungsunternehme einlegen können, was jetzt treuhänderisch von Dritten verwaltet wird."

Mieterverein will Prävention

Dresden leide auch unter mieterunfreundlicher Bundesgesetzgebung, sagt Peter Bartels vom Mieterverein, der für die SPD seit 2009 im Stadtrat sitzt. Etwa der nicht funktionierenden Mietpreisbremse.

Bartels befürchtet, dass der Verkauf der WOBA 2006 Dresden auf Dauer teuer zu stehen kommen wird, trotz Neugründung. Eine Wohnungsnot herrsche in Dresden derzeit noch nicht. Aber: Eine Wohnungsmarktentwicklung wie in anderen deutschen Städten sei für Dresden eben keineswegs zwangsläufig.

"Wir sind am Beginn einer Situation, aber mir fehlt einfach bei den Stadträten das Vermögen, vorausschauend zu denken, um dort Schlimmes abwenden zu können. Es muss mehr gemacht werden als derzeit. Wir sind auf dem richtigen Weg, aber es geschieht einfach viel zu langsam."

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