Seit 05:05 Uhr Studio 9
Mittwoch, 27.10.2021
 
Seit 05:05 Uhr Studio 9

Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 01.06.2015

Wohnungsmarkt GroßbritannienEin Volk von Immobilienbesitzern

Von Stephanie Pieper

Angebotsschilder von Wohnungsmaklern in London. (picture alliance / dpa / Cordula Donhauser)
Angebotsschilder von Wohnungsmaklern in London. (picture alliance / dpa / Cordula Donhauser)

Wer es irgendwie vermeiden kann, der wohnt in Großbritannien nicht zur Miete. Das Mietrecht wurde in den 1980er-Jahren dereguliert, und deshalb versucht jeder, lieber eine Wohnung zu kaufen, um nicht vor die Tür gesetzt zu werden. Doch der Markt ist überhitzt.

Immobilienmakler Peter Wetherell führt durch ein Penthouse in Knightsbridge – der Preis: schlappe 35 Millionen Pfund, umgerechnet fast 50 Millionen Euro. Dafür gibt’s knapp 1.000 Quadratmeter Wohnfläche, einen Ausblick auf den Hyde Park und einen Parkplatz in der Tiefgarage. Willkommen auf dem Londoner Immobilienmarkt.

Wetherells Kunden – ob aus Russland, Indien oder dem Nahen Osten – zahlen gerne bar; ihr Motiv: ein Haus oder eine Wohnung in London als sichere Kapitalanlage. Diese internationalen Käufer lassen die Immobilienpreise ebenso in weniger betuchten Stadtteilen steigen; zumal auch die Briten selbst ungern mieten und sehr gern kaufen. Es gehöre einfach zur Mentalität auf der Insel, ein eigenes Häuschen samt Garten zu besitzen, meint dieser Brite.

In Großbritannien liegt die Eigentumsquote bei 65 Prozent, in Deutschland sind es weniger als 50 Prozent. Die Briten zu einem Volk der Haus- und Wohnungsbesitzer zu machen, das hatte sich die konservative Premierministerin Margret Thatcher vorgenommen.

Besonders gefördert werden junge Paare und Familien, die ihre erste Immobilie anstreben und wenig Eigenkapital haben. Die Wochenend-Beilagen der Zeitungen sind gefüllt mit Immobilienannoncen von der Mini-Wohnung in Kentish Town bis zum Landsitz in Kent – und unzählige Wohnzeitschriften geben Tipps zum Kauf, zur Renovierung und zur Inneneinrichtung.

Kein besonders ausgeprägter Mieterschutz

Wer es irgendwie vermeiden kann, der wohnt nicht zur Miete, sagt Professor Danny Dorling von der University of Oxford – und erklärt auch, warum:

"Wir haben das Mietrecht in den 80er-Jahren dereguliert. Seitdem ist es für Vermieter sehr einfach, ihre Mieter sehr kurzfristig loszuwerden. Daraufhin hat jeder versucht, sich lieber eine Immobilie zu kaufen. Und wir haben außerdem kaum Standards, an die sich Vermieter halten müssen."

Der britische Mieterschutz ist also nicht besonders ausgeprägt, es regiert der Markt: Da das Angebot knapp ist und die Nachfrage riesig, ziehen auch die Mieten an. So sehr, dass sich diese Londonerin fragt, ob ihre Kinder es sich noch werden leisten können, hier zu leben: Die Regierung lasse das Land ins viktorianische Zeitalter zurückfallen, meint sie.

Es wächst – gerade in London - eine "Generation Rent", eine Generation Miete, heran; und nicht selten wohnen die Hauptstädter noch weit nach ihrem 30. Lebensjahr in einer WG. Diesen Trend beklagt auch Toby Lloyd von der Wohlfahrtsorganisation "Shelter":

"Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten einfach nicht genug Wohnungen gebaut – ganz gleich, wie es der Wirtschaft ging und ganz gleich, welche Partei an der Macht war. Wir müssen jetzt endlich deutlich mehr Wohnungen bauen, sonst kriegen wir dieses Problem nie den Griff."

Nichts für den kleinen Geldbeutel

Zwar drehen sich überall in London die Baukräne, aber meist nicht für Käufer oder Mieter mit kleinem Geldbeutel. Das weiß auch der konservative Bürgermeister Boris Johnson, der aber von einer Mietpreisbremse trotzdem nichts hält:

"Das funktioniert einfach nicht. Wo auch immer man versucht hat, den Markt zu kontrollieren, passiert folgendes: Die Eigentümer nehmen ihre Immobilien vom Markt, weil sie sagen, es lohnt sich nicht mehr. Und damit tritt das Gegenteil des Gewünschten ein: Die Mieten steigen sogar."

Eine Abkühlung des ordentlich aufgeheizten Marktes ist nicht in Sicht. Aber auch deshalb nicht, weil die Briten auf der Immobilienleiter am liebsten eine Stufe nach der anderen erklimmen: kaufen, verschönern, teurer verkaufen – und bei ihrem nächsten "Home" alles wieder von vorn.

Mehr zum Thema:

Mietpreisbremse - Zu viele Schlupflöcher
(Deutschlandradio Kultur, Studio 9, 1.6.2015)

Berliner Initiative - Volksbegehren für bezahlbare Mieten
(Deutschlandfunk, Umwelt und Verbraucher, 1.6.2015)

Deutscher Mietertag - Bezahlbare Wohnungen als soziales Gut
(Deutschlandfunk, Umwelt und Verbraucher, 29.5.2015)

Mietpreisbremse - Die Koalition bremst sich selbst aus
(Deutschlandradio Kultur, Kommentar, 5.3.2015)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Weltzeit

Corona in DänemarkSkandal um tote Nerze
Tote Nerze liegen auf übereinander gestapelten Gittern. (AFP / Ritzau Scanpix / Mads Claus Rasmussen)

In Russland und China trägt Frau immer noch gerne Nerz. Pelz-Exportweltmeister ist Dänemark. Doch im November ließ die Regierung alle 18 Millionen Tiere wegen einer möglichen Virusmutation töten. Eine Fehlentscheidung? Die Untersuchungen laufen.Mehr

Identitäten in der UkraineWie russisch ist das Land?
In der Innenstadt von Saporischschja warten Autos an einer Ampelkreuzung. Links ist eine Oberleitung für eine Straßenbahn. Wolken sind am Himmel. (Deutschlandradio / Kyrylo Kolomiets)

Russlands Präsident Wladimir Putin veröffentlichte im Juli auf der Kreml-Website ein Essay über die historische Einheit mit der Ukraine. Darin zählt er die südukrainische Stadt Saporischschja zu "Kleinrussland". Was sagen die Einwohner dazu?Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur