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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 19.02.2019

WohnungsgenossenschaftenGünstig Wohnen auch in Großstädten

Von Ludger Fittkau

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Ein bunt gestalteter Plattenbau (Bernd von Jutrczenka/dpa)
Genossenschaftsbau in Berlin-Lichtenberg: Die Fassade wurde von der Gruppe "Citecreation" gestaltet. Für viele sind Genossenschaftswohnungen eine Alternative zum regulären Mietmarkt. (Bernd von Jutrczenka/dpa)

Wohnen wird teurer - gerade in den Großstädten. Mit ihren niedrigen Durchschnittsmieten bieten Wohnungsgenossenschaften eine attraktive Alternative. Doch die Wartelisten für eine Wohnung sind lang. Zudem fehlt es an neuem Baugrund.

Marianne Eigenbrod ist 82 Jahre alt und lebt schon sehr lange in einer Frankfurter Genossenschaftswohnung: "59 – dieses Jahr. Wir haben schon 2019. Nächstes Jahr werden es 60." Mit Anfang 20 hat sie um 1960 herum einfach sehr wenig Lohn bekommen, erinnert sich die Rentnerin. Da kam die Genossenschaftswohnung gerade richtig.

Die Verwaltung ist gut ansprechbar

Auf einem Trümmergrundstück im Frankfurter Westend hatte die älteste Frankfurter Wohnungsbau-Genossenschaft damals einen Häuserblock mit rund 50 - meist kleinen - Wohnungen errichtet. Die Verwaltung der Genossenschaft mit aktuell 637 Wohnungen im gesamten Stadtgebiet ist heute noch in einem flachen Hinterhofgebäude auf dem Grundstück untergebracht. Marianne Eigenbrod weiß das zu schätzen:

"Wenn mal was ist, dann kann man schnell mal rübergehen und sagen, da ist was kaputt. Das ist schon gut, ja."

Bezahlbarer Wohnraum - ein altes Problem

Michael Wettemann hat sein Büro im Hinterhofgebäude. Er ist einer von drei Vorstandsmitgliedern, die die Geschicke der Genossenschaft lenken, die schon Ende des 19. Jahrhunderts gegründet wurde:

"1896, drei Jahre vor unserer geliebten Diva Eintracht Frankfurt, die ja 1899 gegründet wurde. Damals von evangelischen Pfarrern. Und das Witzige ist: Wenn man unsere erste Rede in der Gründungsversammlung liest von 1896, ein paar alt-deutsche Begriffe austauscht - könnten sie die aktuell halten – seit 1896 in Frankfurt die gleichen Probleme mit dem bezahlbaren Wohnraum."

Frankfurter Wohnungen so günstig wie in Sachsen-Anhalt

Michael Wettemann ist stolz darauf, dass seine Genossenschaft in der teuren Mainmetropole mit Mietpreisen oft über zehn Euro pro Quadratmeter seit mehr als einem Jahrzehnt die Mieten auf dem Durchschnittsmietniveau etwa von Sachsen-Anhalt halten kann – aktuell sind es durchschnittlich 5,30 Euro. Das funktioniert, weil die Genossenschaft nicht den größtmöglichen Gewinn anstrebt. Die Mieteinnahmen müssen lediglich reichen, um die Investitionen in den Altbaubestand zu finanzieren - und die Dividende von vier Prozent jährlich auf den Genossenschaftsanteil von 320 Euro, den das einzelne Mitglied zahlt:

"Mit 5 Euro pro Quadratmeter kannst du einen Bestand gut managen. Das Besondere in Frankfurt ist, dass 5 Euro im Durchschnitt freiwillig etwas Besonderes ist."

Neuer Baugrund verzweifelt gesucht

Die Frankfurter Wohnungsgenossenschaft von 1896 könnte problemlos 4000 preisgünstige Wohnungen mehr vermieten, die sie aber nicht hat. Seit einigen Jahren hat sie sich deshalb mit allen anderen Wohnungsgenossenschaften in der Stadt zusammengetan, um die Lokalpolitik gemeinsam um neues Bauland zu bitten. Doch Michael Wettemann weiß, dass es die Kommune nicht leicht hat, an neuen Baugrund zu kommen:

"Frankfurt hat als Stadt wenig eigene Flächen. Jetzt muss man fairerweise sagen, man schimpft heute gerne auf die Politik, ich durchaus auch. Aber in den 90er-Jahren sagte man `Stagnation - eher sinkende Bevölkerungsentwicklungszahlen´. Wer es geschafft hatte, ging in den Taunus oder in den Süden von Frankfurt. Jetzt haben wir wieder das Zeitalter: Zuzug in die Städte. Das konnte man so nicht ahnen. Frankfurt hat viel Fläche verkauft, wir haben nicht mehr viel Fläche. Wir haben vereinzelt noch was, aber innerhalb der Stadt kann gar nicht mehr so viel wachsen."

Viele warten Jahre auf ihre Wohnung

Also ist die Warteliste für die begehrten günstigen Genossenschaftswohnungen sehr lang. Chancen auf eine Wohnung haben ohnehin nur die, die bei den langjährigen Mietern eine Fürsprecherin finden - wie etwa Marianne Eigenbrod:

"Ich habe eine Bekannte, das ist eine Polin und die wollte auch eine Wohnung haben. Und das haben wir auch in die Wege geleitet, ja."

Wer Genossenschaftsmitglied ist, hat nicht automatisch Anrecht auf eine Wohnung. Auch Wartezeiten von mehreren Jahren sind bei der Wohnungsvergabe durch den dreiköpfigen Genossenschaftsvorstand nicht allein ausschlaggebend, betont Michael Wettemann. Denn auch Neumitglieder sollen bei den Einzelentscheidungen des Vorstandes eine Chance haben. Das ist auch der Wille der rund 150 Mitglieder, die die jährliche Genossenschaftsversammlung regelmäßig besuchen:

"Das Genossenschaftsgesetz und die Satzung sagt lediglich: die Förderung der Mitglieder. Wir sind ein Club – Förderung der Mitglieder. Und so kann man das immer noch ein bisschen offen halten, ich kenne es aus anderen Städten, von Freunden. Wenn die nach München beruflich gehen oder nehmen wir das Ausland, nach Zürich, nach Wien. Immer der, der neu in eine Stadt kommt, der hat es am Schwersten. Der kann ja keine Kontakte haben."

"Wenn man drin ist, ist man drin"

Marianne Eigenbrod will nach fast 60 Jahren Leben in einer Genossenschaftswohnung auch die Jüngeren ermutigen, sich einer Genossenschaft anzuschließen. Obwohl sie weiß, dass die Wartezeiten auf eine Wohnung zurzeit sehr lang sein können. Doch dann sei man ja auch in gewisser Weise Miteigentümerin der Wohnung:

"Na gut, es kann heute fünf, sechs, sieben Jahre dauern, bis man eine Wohnung bekommt. Aber wenn man drin ist, ist man drin. Man wird nicht leicht gekündigt und das hat schon Vorteile."

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