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Länderreport | Beitrag vom 11.06.2019

Wohnungsbau in KölnEin lang geplantes Viertel wird vielleicht doch noch gebaut

Über Kreuz mit dem Neubauareal Kreuzfeld

Von Moritz Küpper

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Der Bezirksbürgermeister von Köln-Chorweiler, Reinhard Zöllner, in den Feldern, auf denen einmal das Stadtviertel "Im Kreuzfeld" entstehen soll. (Moritz Küpper)
Bezirksbürgermeister Reinhard Zöllner in den Feldern, auf denen einmal das Stadtviertel "Im Kreuzfeld" entstehen soll. (Moritz Küpper)

In Köln ist ein Riesenareal seit 1982 als Wohnbaufläche ausgewiesen. Zwischenzeitlich wurde das Projekt "Im Kreuzfeld" verworfen, nun wird es wieder vorangetrieben. Der Bezirksbürgermeister ist skeptisch – denn im Nachbarviertel lief es nicht gut.

Im Norden von Köln soll das neue Stadtviertel Kreuzfeld entstehen: 2200 Wohnungen auf 50 Hektar auf dem sogenannten Kreuzfeld im Stadtteil Chorweiler. Allerdings stammt der Plan, nach dem das Viertel entstehen soll, schon aus dem Jahr 1993. Und der Plan wurde schon einmal vor zwöfl Jahren verworfen: Damals hatte man erkannt, dass im benachbarten Neubaugebiet Blumenberg die soziale Durchmischung mangelhaft sei. 

Reinhard Zöllner versucht, den Namen zu vermeiden: "Ich spreche immer von dem Ort gegenüber von Blumenberg." Zöllner, von Beruf Informatiker, ist seit knapp fünf Jahren Bezirksbürgermeister im Kölner Stadtbezirk Chorweiler, zu dem auch das Viertel Blumenberg gehört.

Der CDU-Politiker lehnt an seinem Fahrrad, er steht auf einer stillgelegten Straße zwischen großen Feldern und zeigt auf jenen Bereich, in dem ein neuer Stadtteil entstehen soll: "Kreuzfeld, jetzt habe ich es doch gesagt, ist x-Mal gestrichen worden", sagt Zöllner. "Die Blumenberger nennen es inzwischen Blumenberg-West. Im Endeffekt ist es ein Planprojekt."

"Kölns ewige Frage"

"Kölns ewige Frage" – so nennt es beispielsweise der Mieterverein der Stadt auf seiner Homepage. Und in der Tat: Die Idee für einen neuen Stadtteil in der Domstadt mit dem Namen "Im Kreuzfeld" im Kölner Norden, ist alt: Bereits in der Nachkriegszeit wurde darüber nachgedacht, die Flächen hier zu besiedeln.

Später wurde es dann konkreter. "Wir hatten ja die erste Überlegung, damals, 60er-Jahre, entsprechend Baugebietsentwicklung Chorweiler – also jetzt Ort Chorweiler, nicht Stadtbezirk Chorweiler – auf nach Süden hin, Heimersdorf miteinbeziehend; nach Süd, Süd, Südost hin - Seeberg. Also, alles was dahinten liegt: da sieht man noch Chorweiler so ein bisschen, die Hochhäuser. Nach hierhin kommend dann Chorweiler-Nord beziehungsweise da drüben Blumenberg", sagt Zöllner. "Und dann gab es halt die weitere Überlegung, hier das mit dazu zunehmen. Damals die Überlegung insgesamt 100.000 Menschen unterzubringen. Spannend, ne?"

Zöllners Skepsis ist schon jetzt spürbar. Ab dem Jahr 1982 wurde das Areal Kreuzfeld im Flächennutzungsplan als Wohnbaufläche ausgewiesen, doch noch immer ist es Acker und Grünfläche, auf die Zöllner nun zeigt:

"So, jetzt stehen wir hier quasi an der Ecke, wo der Ort gegenüber von Blumenberg mal hin könnte."

65 Fußballfelder leere Fläche

Im Jahr 2016 wurde die Idee, das rund 65 Fußballfelder große Areal zu besiedeln, wiederbelebt. Der Grund: Auch in Köln – wie in anderen Großstädten – wird der Wohnraum knapp, müssen Lösungen gefunden werden. Im Gespräch sind nun Wohnungen für mindestens 5000 Menschen. "Der Wunsch kommt. Köln muss wachsen, wo haben wir noch Platz? So, und dann wird dann hier ganz gerne der Ort gegenüber von Blumenberg ins Rennen geworfen", sagt Zöllner.

"Ich kann mich erinnern, vorherige Legislaturperiode hatten wir noch einen Beschluss, entsprechend den Ort zu streichen", so Zöllner: "Es gab Straßenschilder, da stand der Name, den Sie eben genannt haben", berichtet der Bezirksbürgermeister und fährt fort: "Die Straßenschilder sind jetzt teilweise weg. So. Schilder weg – neue Idee: Kommen wir wieder mit dem Ort, so. Aber das ist doch keine Planungssicherheit da, irgendwo. Mal rein, mal raus. Und die Diskussion, wie gesagt, seit den 70er-Jahren."

Probleme im Wartestand

Zöllners Sorge: Das Thema Wohnungsnot wird einfach in seinem Beritt abgeladen, ohne sich Gedanken um Infrastruktur, Geschäfte, Verkehrsanbindung zu machen.

"Hier im Kölner Norden war es nie ein richtiges Wunschprojekt. Wenn man hier jetzt einfach auch sieht: Die Felder – für die Bauern ist es natürlich entsprechend: Der Raum fällt weg. Wir haben relativ viel Felder, die derzeit wegfallen, hier im Kölner Norden. Wir haben Probleme: Blumenberg, Chorweiler-Nord, Chorweiler. Immer wurde uns erzählt: 'Ja, der neue Ort löst alle Probleme' – ähnliche Argumentation haben wir jetzt hier auch schon wieder. Das hat sich seit den 70ern aber nicht verbessert", zieht Zöllner Bilanz. "Deswegen bin ich auch der Meinung: Wir müssen erst einmal die Probleme lösen, die wir haben, bevor wir hier das nächste Problem hinsetzen."

Die Enttäuschung ist spürbar: Chorweiler beispielsweise, der Stadtteil nebenan, ist bundesweit bekannt dafür, soziale Probleme zu haben. Rund um die Hochhaussiedlungen gibt es zu wenig Ärzte, oder Schulen. Die Wahlbeteiligung ist oft die niedrigste in Köln. Zuletzt wurden drei Flüchtlingsunterkünfte im Kölner Norden platziert.

Auf der anderen Seite der S-Bahn weiterbauen

Für Zöllner steht fest: Wegen fehlender Lobby muss sein Bezirk erneut herhalten, wird nun auch das Problem Wohnungsnot bei ihm abgeladen. Doch bei der Stadt sieht man dies komplett anders: Sagt Brigitte Scholz, Leiterin des Amts für Stadtentwicklung in Köln, sagt:

"Es ist die Idee, die schon von Anfang an da war, als wir im Kölner Norden gebaut haben: den Stadtteil, der jetzt da ist, weiterzuziehen: Wir haben dort eine S-Bahn-Haltestelle – bislang ist die nur auf der einen Seite genutzt. Bildlich gesprochen möchten wir jetzt auf der anderen Seite der S-Bahn weiter bauen und diese schöne Lage dort im Norden auch nutzen, um Stadt weiter zu bauen."

Vor Scholz liegt eine Übersichtskarte, auf der in roten Linien der neue Stadtteil eingezeichnet ist. "Kreuzfeld, 46,7 Hektar" steht in dem eingezeichneten Bereich, der sich wie ein Hufeisen um die S-Bahn-Linie legt. Die Politik in Köln hat die Verwaltung beauftragt, das Ganze auszuarbeiten.

Die Planerin Scholz klingt dabei ganz anders als der Mahner Zöllner: "Unsere Vision ist, dort wirklich einen Modell-Stadtteil für das 21. Jahrhundert zu bauen. Wir haben am Anfang das Bild der Gartenstadt des 21. Jahrhunderts bemüht – und das wollen wir jetzt in einem Leitbild-Prozess weiter untersetzen", skizziert Scholz das weitere Vorgehen. "Gartenstadt heißt einerseits: Ich habe eine sehr gute Grün-Versorgung; ich habe eine Siedlung, die Möglichkeiten für alle Lebenslagen mit abdeckt, das heißt, ich kann dort einkaufen, ich habe eine gute Schule, ich hab aber auch was für den Geist und für die Seele dort vor Ort."

"Und", so Scholz, "ich habe unterschiedliche Angebote vom Wohnen – vom sozialen Wohnungsbau, vom bezahlbaren Wohnungsbau bis zum Einfamilienhaus oder der Eigentumswohnung, die auch mal ein bisschen teurer sein kann."

Expertenanhörungen seit März

Seit März gibt es daher verwaltungsinterne Experten-Anhörungen, die über die Monate erweitert und ab September in die Öffentlichkeit getragen werden sollen. Und dabei, so scheint es, sollen auch die Bedenken gehört werden: "Es geht jetzt darum zu sagen, welche Qualitäten wollen wir da ganz konkret vor Ort haben? Also, wie sieht das mit dem Grün-Anteil aus? Und wie sieht das mit der Klimagerechtigkeit aus in so einem Stadtteil?", sagt Scholz.

Auch die Frage nach dem Mobilitätskonzept stelle sich, erklärt die Planerin: "Wir sind am Stadtrand, aber sehr gut erschlossen – was heißt das jetzt? Wie viel gehe ich zu Fuß? Wo habe ich Umsteige-Punkte? Wie viele Autos habe ich? Wie viel Sharing-Modelle fürs Auto habe ich? Wie sieht das mit der Wohnmischung aus? Wie sieht das mit der Schule dort aus? All das müssen wir jetzt in diesem Leitbild-Prozess programmieren und in die Diskussion bringen."

In drei, vier Jahren sollen dann – darauf aufsetzend – die Bebauungspläne folgen, so Scholz: "Wenn wir die Bebauungspläne bis 2023 haben, können wir dort frühestens die Erschließungsmaßnahmen, die Baureifmachung mit starten. Und wenn man damit anfängt – jetzt sind wir 2023 – und rechnet mit den ersten Überlegungen mit dem Bau, Baugenehmigung, Bauantragsunterlagen, Baugenehmigung, dann sind wir, wenn man nochmal fünf Jahre mit draufrechnet, gut bei der Sache. Wenn wir jetzt so Ende der 20er-Jahre die ersten Häuser dort bezugsfertig haben, haben wir es schnell und gut durchgearbeitet."

Politische Mehrheiten

Das klingt weit weg, doch auch Bürgermeister Zöllner – noch immer zwischen den Feldern stehend – ist davon überzeugt, dass seine Mahnungen vergeblich sind:

"Ich bin mir sicher, irgendwann wird hier ein Ort stehen. Ist nur die Frage wann?"

Und anders als in der Vergangenheit, in den letzten Jahrzehnten, in denen Köln-Kreuzfeld nur ein politisches Gedankenspiel war, ein Posten im Flächennutzungsplan, sieht dies nun anders aus:

"Derzeit ist aber halt der Druck da, Wohnungsbau zu treiben."

Hat auch Zöllner erkannt – und letztendlich, das weiß auch er, der Politiker, ist es einfach: Der Stadtteil Kreuzfeld, dessen Namen er immer wieder zu vermeiden sucht, wird kommen…

"…weil es dafür Mehrheiten im Rat geben wird."

Nur fünf der insgesamt 90 Ratsmitglieder der Stadt Köln kommen aus dem Norden. Zu wenig, um mit dieser klaren Minderheit die Baupläne aufzuhalten.


Für Online bearbeitet (mfu)

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