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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 20.05.2016

Wohnheim "Auxilium Reloaded"Reha für Mediensüchtige

Von Lisa von Prondzinski

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Ein junger Mann sitzt vor seinem Computer und spielt ein Computerspiel. (dpa / picture alliance / Peter Steffen )
Ein junger Mann sitzt vor seinem Computer und spielt. (dpa / picture alliance / Peter Steffen )

Ein Wohnheim in Dortmund betreut Jugendliche und Erwachsene, die süchtig nach PC-Spielen, WhatsApp oder Facebook sind. Bis zu anderthalb Jahren dauert der Entzug und die Gewöhnung an ein Leben in der Realität.

Jugendlicher: "Irgendwie habe ich das Gefühl, dass der Turm immer kleiner wird, je öfter wir spielen. Jaaa!" 

Zwei Teenager spielen Jenga: Bei diesem Geschicklichkeitsspiel zieht jeder abwechselnd ein Klötzchen aus einem Holzturm und setzt es oben auf die Spitze – möglichst so, dass der Turm nicht einstürzt. Die Teenager sitzen in einem großen hellen Gemeinschaftsraum im Auxilium Reloaded - was so viel bedeutet wie Hilfe für einen Neustart. Dieses Wohnheim in Dortmund ist eine Art Reha-Einrichtung für medienabhängige Jugendliche und junge Erwachsene.  Denn auch digitale Medien wie das Internet, Handy oder Computer  können süchtig  machen. Im Extremfall dreht sich dann alles zum Beispiel nur noch darum, am Computer zu spielen. Und die Betroffenen verlieren die Kontrolle über ihre Zeit.  Im  Gehirn werden Glückshormone ausgeschüttet wie beim Konsum von Drogen. 

"Brettspiele kenne ich überhaupt nicht. Hab das noch nie so gespielt, weil ich immer alleine gespielt hab, vorm Computer."

Allein am Computer – oder mit unbekannten Spielpartnern, die auch irgendwo alleine vor dem PC sitzen beim Kampf gegen Krieger und Fabelwesen oder beim Abenteuer im Weltraum. 

18 Stunden am Tag vor dem PC

Riskant wird es, wenn die Spieler sich abschotten, die Schule schwänzen, Freunde und den Bezug zur Außenwelt verlieren. Wenn sie nicht an den PC dürfen, werden sie gereizt, aggressiv oder depressiv. Sie schreien ihre Eltern aus dem Zimmer, wenn die ihnen die Spiele-Konsole wegnehmen wollen. Manche tauchen schon mit elf, zwölf Jahren in die virtuelle Welt ab. Auch der 15-jährige Fin hat "gezockt", wie er sagt. Fin, der in Wirklichkeit anders heißt, ist fast 1,90 Meter groß und kommt aus dem Ruhrgebiet. Zu Hause saß er zuletzt eigentlich nur noch am Computer.   
 
"Sooo. 18 Stunden am Tag ungefähr.  Ja, die Nacht über, hab dann morgens geschlafen anstatt halt zur Schule zu gehen, bin dann aufgewacht nach zwei, drei Stunden Schlaf und hab mich wieder hingesetzt und gezockt."

Beim Zocken die Probleme ausgeblendet

Alles fing an, nachdem seine Eltern sich getrennt hatten.

"Also damals sollten Besuche zwischen meinem Vater und mir geplant werden. Aber er hat öfter abgesagt. Und dann hab ich gefragt, ob ich nicht am PC spielen kann. Und meine Mutter hat da gesagt: Ja. Und da hat es eigentlich angefangen, dass ich gespielt hab. Und ich glaub, ich habe damit halt die Probleme mit meinem Vater bisschen ausgeblendet."

Und alles um sich herum vergessen. Bei den Online-Rollenspielen konnte Fin in eine andere Haut schlüpfen, sich schnell Anerkennung holen. Das fühlte sich gut an.

"Mein Favorit war der Warlock, so heißt der. Das ist ein Panzer halt, der hat sehr viel ausgehalten und war auch sehr stark, sehr schnell, sehr wendig. Das spielt man halt auch online mit anderen Spielern oder gegen andere Spieler. Man ist in so einem Team und muss verschiedene Gegner besiegen."

Seine Mutter hat es nicht geschafft, sein Spiel einzuschränken. 

"Ich hab halt auch immer zu meiner Mutter gesagt: die Runde noch. Also, die Runde spielen. Es ist einmal so 'n Gefühl, dass es halt ein Kräftemessen ist natürlich auch, wenn man online spielt. Andererseits ist es auch interessant, wie sich so Spiele entwickeln, weil ich hab' alte Spiele gespielt von einer Reihe und dann jetzt neuere Spiele gespielt. Und dann fand ich es auch cool, wie die sich entwickeln und ich fand einfach interessant, zu gucken, was da so geht. Und alles rauszufinden und zu erkunden."

Eltern oder Jugendamt greifen durch

Fin lebt seit sechs Wochen in der Wohngruppe in Dortmunds Stadtteil Aplerbeck. Der kastenförmige Neubau ist von außen weiß-orange gestrichen. Drinnen kommt viel Licht hinein.  Die Zimmer der Bewohner und die Büros der Betreuer verteilen sich über mehrere Etagen. Zurzeit leben hier 13 männliche Bewohner aus ganz Deutschland. Der jüngste ist 15 Jahre alt, der älteste 21. Sie verstehen ihre Sucht und ihre Ängste. Bei den Meisten haben die Eltern oder das Jugendamt durchgegriffen und den Kontakt zu der Einrichtung gesucht. In der Regel übernehmen Jugendamt und Sozialamt die Kosten für Aufenthalt und Therapie

Träger der Einrichtung ist der Malteser Hilfsdienst. Nach dessen Angaben ist das bundesweit die erste betreute Wohngruppe für Jugendliche und Heranwachsende mit riskantem Medienkonsum – wie es offiziell heißt. Die Einrichtung gibt es seit fast eineinhalb Jahren. Im zwölfköpfigen Team arbeiten Sozialarbeiter, Pädagogen, Erzieher und Therapeuten. Die größte Gemeinsamkeit  zwischen den Bewohnern ist, dass sie nicht mehr sozial integriert sind, sagt der Leiter der Einrichtung Patrick Portmann: 

Rückkehr ins normale Leben fällt schwer

"Man hat nicht mehr viele Face-to-face-Kontakte, man ist sehr zurückgezogen. Die Meisten leben quasi tatsächlich in ihrem Zimmer und kriegen von der Welt draußen nur noch rudimentär etwas mit. Und das ist sicherlich auch etwas, was es dann so schwer macht, wenn man es so lange nicht hatte, ein normales Leben wieder zu führen, in Anführungsstrichen. Mit diesen ganzen Kontakten und was es auch an Gefühlen hervorruft."

Gerade die Jüngeren müssen wichtige Entwicklungsschritte aufholen, weil sich zurückgezogen haben. Unsicherheit ist ein großes Thema, erzählt Magnus Hofmann. Der Therapeut arbeitet mit den Jugendlichen einzeln und in

Ein bis anderthalb Jahre im Wohnheim

"Die wissen dann zum Beispiel gar nicht, wie sie einfach einen ansprechen, beziehungsweise mit dem in ein Gespräch kommen und mit dem auf eine coole Art und Weise, darum geht es ja unter Jugendlichen, vermitteln können: 'So, ich finde dich cool, mit dir würde ein bisschen Zeit verbringen.' Da muss man tatsächlich aufpassen wie man das sagt."

Ein bis anderthalb Jahre dauert ein Aufenthalt im Auxilium Reloaded. Dann erst haben die Bewohner  in der Regel den Alltag und ihren Medienkonsum wieder unter Kontrolle. Sie müssen unter Umständen einen geregelten Tagesablauf sowie Tag-Nacht-Rhythmus lernen, wieder Kontakte knüpfen, in die Schule gehen, Praktika machen oder eine Ausbildung beginnen. Die Betreuer stehen ihnen dabei zur Seite:

"Dann begleiten wir den Besuch bei der Schule, um die Lehrer zu sensibilisieren. Um zu gucken: So das könnte da Schwierigkeiten geben, wie könnte man da reagieren. Der hatte bei Mathe von Anfang an Schwierigkeiten. Vielleicht kann man da direkt bisschen intensiver drangehen. Dann brauchen die da auch oftmals Unterstützung, um das überhaupt noch mal zu sagen. Also erstmal zu verstehen und dann aber nochmal, um das sozusagen auf den Teller zu legen und zu sagen: 'Da habe ich wirklich Probleme'."

"Konflikte weggeschrien"

Außerdem hat nicht jeder der Jungen und Heranwachsenden gelernt, Konflikte konstruktiv auszutragen. Da sind die Sozialpädagogen und Therapeuten gefordert, sagt der Leiter Patrick Portmann.

"Wenn vorher Konflikte mit den Eltern waren, gibt es auch halt viele Jugendliche, die die dann einfach weggeschrien haben und sagten: 'Okay, funktioniert. Problemlösungsstrategie ist topp'.  Bringt natürlich sozial gar nichts, wenn man irgendwann wieder zurück in die Gesellschaft möchte und deswegen übt man das mit denen hier natürlich auch ein."

Jeder der Bewohner hat ein eigenes Zimmer. Jüngere und Ältere sind auf zwei verschiedenen Etagen untergebracht. 

"Die Älteren haben ein ganz anderes Ruhebedürfnis und wollen dann abends mal in Ruhe Fernsehgucken, ohne dass ständig Action im Raum ist, und die Jüngeren möchten dann lieber Action."

Fernsehen ist nur in Gemeinschaftsräumen erlaubt

Fernsehen ist nur nach dem Abendessen in den Gemeinschaftsräumen erlaubt. 

Medienabhängigkeit ist ein relativ junges Phänomen und bisher nicht offiziell als Krankheit anerkannt. Es gibt wenig Erfahrung damit und Hilfe zu bekommen ist nicht einfach. Bei der Therapie ist das Ziel nicht Abstinenz wie bei Drogen- oder Alkoholsucht, sondern Kompetenz: Das heißt, die Jugendlichen müssen einen gesunden Umgang mit Medien lernen. Denn ohne PC, Internet und Smartphone kommt man nicht weit - weder privat, noch in der Schule oder Berufswelt. 

Wenn ein neuer Bewohner ins Auxilium einzieht, geht es zunächst ums Kennenlernen. Dabei kann den Betreuern auch so etwas Einfaches wie Tischtennisspielen helfen. Wie reagiert der Jugendliche? Kann er verlieren? Oder wird er wütend?

"Wir gucken also, wie tickt der Jugendliche eigentlich. Was bringt er mit? Was hat er für Fähigkeiten, für Stärken, was hat er für Schwächen. In den ersten zwei Wochen bekommt man einen ganz guten Überblick darüber."

In den ersten beiden Wochen darf jeder Neue noch fünf Stunden am Tag sein Smartphone behalten und so lange den PC nutzen. 

"Um zu gucken, wie ist der Jugendliche denn drauf, wenn er ein elektronisches Medium hat, würde es wenig Sinn machen, zu sagen: 'Wir nehmen dir das komplett weg', weil dann erkennen wir nicht, wie der Jugendliche eigentlich unterwegs ist."

Danach wird diese Medienzeit auf eine Stunde reduziert. Und erst nach und nach wieder verlängert. Wer wann wie lange den PC nutzt, wird genau kontrolliert.

Internet-Sucht bei Jungen und Mädchen gleich verbreitet

"Das heißt, die Jugendlichen, die ran möchten, müssen zu uns ins Büro kommen. Wir schalten quasi den Computer frei. Wir gucken auf die Uhr, damit man sieht, ob das Medienkontingent irgendwann überzogen und ausgereizt ist und würden ihn dann auch wieder ausschalten."

Und Smartphones kommen wieder unter Verschluss ins Büro. 

Aktuelle Studien sprechen dafür, dass Jungen und Mädchen das Internet gleichermaßen suchtartig nutzen. Allerdings beschäftigen sie sich online anders. Für Mädchen spielt vor allem sozialer Austausch eine große Rolle: Sie kommunizieren endlos über Facebook, WhatsApp oder Instagram. Jungen dagegen verbringen mehr Zeit mit Online-Spielen und schotten sich dabei ab, erklärt der Therapeut Magnus Hofmann:

"Die Jungs haben viel mehr die Möglichkeit, wenn sie sich beim WOW oder beim LOL ewig lange in den virtuellen Raum begeben, dass sie dabei gar nicht gesehen werden. Und dass dann erst, wenn es sozusagen ganz viele Problem gibt, dann erst darauf aufmerksam gemacht wird."

Spiele sind so aufgebaut, dass man dran bleibt

WOW, also World of Warcraft, und LOL, League of Legends, sind große Online-Rollenspiele. Die Spiele-Entwickler richten sich gezielt an männliche Bedürfnisse - meist dreht es sich um Abenteuer und Kämpfe. Außerdem sind die Spiele so aufgebaut, dass man dranbleibt.

"Es sind ganz interessante Beschaffenheiten der Spiele, wie beispielsweise bei LOL, dass es nicht möglich ist, ohne Weiteres eine Pause zu machen. Oder dass man bei WOW beispielsweise nur belohnt wird, wenn man als ganze Gilde ein Ziel erreicht hat, dass aber nur einer aus der Gilde belohnt wird. Und dass dann trotzdem alle gerne spielen würden, um eine Belohnung zu bekommen."

Beim Medienkompetenztraining bringt Magnus Hofmann den Jugendlichen bei, die Falltüren gewisser Spiele zu erkennen und die Tricks zu durchschauen, mit denen Hersteller die Spieler bei der Stange halten. Auch auf die Belohnungssysteme und Frustrationstaktiken geht er ein.

Suche nach den süchtig machenden Spieleinhalten

"Wir machen mit den Jugendlichen ein Ampelmodell. Das heiß, wir schauen uns die verschiedenen Spiele an und ordnen die sozusagen ein: Was sind die kritischen Inhalte? Bei welchen Spielen muss ich aufpassen und welche kann ich bedenkenlos spielen? Es geht aber auch darum zu erfahren, warum bin gerade ich so anfällig dafür. Was hab ich in mir drinnen, warum mich das Spiel so kickt. Was fehlt mir individuell, warum ich mir das von dem Spiel holen muss."

Der Tagesablauf ist eng durchgetaktet

Die Therapietermine im Auxilium Reloaded sind für alle Bewohner Pflicht, der Tagesablauf ist durchgetaktet: Früh aufstehen, zur Schule gehen, Hausaufgaben machen, die eigene Wäsche waschen, mithelfen beim Putzen im Haus und beim Einkaufen. Abends um 21.30 Uhr wieder im Haus sein. Auch gemeinsames Kochen und Essen gehört zum Konzept. Das alles ist für viele Bewohner neu. Manche sind anfangs noch damit überfordert, den Müll rauszubringen oder sich etwas zu essen zu machen. In der offenen Küche stehen zwei Betreuer und bereiten das Mittagessen vor.  

Betreuerin: "Wir machen gerade Apfelpfannkuchen für heute mittag, und mein Kollege macht gerade einen Nachtisch."  

Autorin: "Und helfen ihnen die Jugendliche hier?" 

Betreuerin: "Ja. Die morgens nicht in der Schule sind, werden in die Tagesstruktur mit eingebunden."

Autorin: "Das sieht lecker aus." 

Betreuer: "Ja, Mascarpone-Creme mit Himbeersoße. Ist immer wichtig, etwas Süßes nach dem Essen. Das mögen die Jugendlichen."  

Mit gesunder Kost gegen Über- und Untergewicht 

Auch Pommes müssen  mal sein. Sonst gibt es aber viel gesunde Kost wie Gemüse, Obst, Fleisch, Fisch und Eintöpfe. Einige Jugendliche sind recht mager: Wegen ihres Spiels haben sie Mahlzeiten ausgelassen. Andere sind übergewichtig. Auch Fin, der zuletzt täglich 18 Stunden am Computer saß, hat einige Kilos zu viel drauf. 

"Weil ich nur gesessen hab, und Chips gegessen. Ich bin eigentlich ein Mensch, der sich gern bewegt und Sport macht und das möchte ich wieder anfangen. Als Gegenfreizeitaktivität zum Zocken."

Haltungsschäden durch das viele Sitzen vorm PC

Damit kann er in dem Wohnheim in Dortmund starten. Denn es gibt einen gut ausgestatteten Fitnessraum zum Trainieren, um den Körper wieder zu spüren. Durch das ständige Sitzen haben einige der Jugendlichen Haltungsschäden und Gangauffälligkeiten entwickelt. Mit Hanteln, Crosstrainer und Rudergerät lassen sich Muskeln und Selbstbewusstsein aufbauen. 

Lennart: "Ich stelle das hier auf eine andere Übung ein ..."

Der dunkelhaarige 15-Jährige heißt eigentlich anders. Seine Familie wohnt etwa 150 Kilometer weg. 

Autorin: "Hast du früher auch trainiert?"

Lennart: "Ne, hab ich früher nicht gemacht. Hab ich jetzt mit angefangen (…) Hat mir Spaß gemacht und deswegen mache ich es. Alle zwei Tage eine Stunde."

Sein Trainingsziel ist: 

"Einfach eine Verbesserung. Bisschen mehr Muskeln, bisschen mehr Fett vielleicht."

Abhängig vom PC-Spiel FIFA

Lennart ist seit fast drei Monaten in der Wohngruppe. Er kam von dem Strategie-Spiel "FIFA" nicht los. Dabei werden Fußballspiele simuliert:

"Man hat halt tausende verschiedene Varianten, weil man eine Taktik erbauen kann. Und welche Spieler man jetzt kaufen sollte. Wie das taktisch klug ist. Man spielt halt erstmal allein und dann kriegt man halt Geld, wenn man gegen andere Mannschaften spielt und dadurch kann man sich sein Team zusammenstellen und online gegen andere spielen."

Nach der Schule zockte er stundenlang - statt Hausaufgaben zu erledigen. Dann fing er an, die Schule zu schwänzen:

"Anfangs war es immer so, wenn Arbeiten geschrieben wurden. Ja, ich hab dann nicht geübt. Ich hab dann stattdessen gespielt."

Heftige Auseinandersetzungen mit den Eltern

Weil er den Rückstand nicht nachholen konnte, ging er immer seltener zum Unterricht, später gar nicht - aus Angst sich vor seinen Mitschülern zu blamieren. Das zog sich über Monate hin. Zu Hause hatte Lennart heftige Auseinandersetzungen mit seinen Eltern. Die Mutter nahm ihm die Spielkonsole weg, was noch mehr Streit gab:

"Klar, dann ist Alarmstufe Rot. Ich wusste dann nicht mehr, was ich in der Situation machen sollte. Ich lag größtenteils nur im Bett und hab Radio gehört. Ich hatte jetzt auch kein Handy oder so. Ich hatte so gut wie nix zu tun. Boah, es waren schon Monate dann. Da hab ich echt Glück gehabt mit der Schule, das die nicht gesagt haben: So, der fliegt jetzt direkt runter."

Auch sein Bruder war ziemlich genervt:

"Der geht natürlich zur Schule, spielt auch gern, in seiner Freizeit, aber nicht so viel wie ich. Der hat sich natürlich auch beschwert: 'Ich geh zur Schule, ich mache und tue und du bist einfach nur zu Hause und chillst dein Leben. Ich wollte einfach nur die Zeit rumkriegen, bis irgendwann so der Tag kommt: 'So jetzt gehe mal wieder'. Und dann kam halt der Tag und dann hab ich das dann nicht geschafft, weil: Was denken die Freunde? Und generell musst du noch so viel aufholen auf einmal jetzt, ein riesiger Haufen, ja." 

Ohne professionelle Hilfe ging es nicht mehr

Lennart hat sich dann zwar aufgerafft, einen Praktikumsplatz zu suchen. Aber zu der Tankstelle ging er am zweiten Tag nicht mehr hin. Dabei hatten ihn seine Eltern vorgewarnt: Falls es wieder anfängt mit dem Verweigern, muss er von zu Hause weg und eine Therapie machen. Lennart hat eingesehen, dass er professionelle Hilfe braucht.

"Das geht ja schon länger so und irgendwann muss man so den Schritt machen."

Das Leben in der Wohngruppe war für ihn eine Riesenumstellung. Doch jetzt geht er immerhin wieder zur Schule, hier in Dortmund, und paukt auch fleißig. Er hat sich vorgenommen, auf das Abitur hinzuarbeiten. Zeit für Langeweile bleibt ihm nicht:

Rückfälle bei den Heimfahrten

"Immer früh aufstehen, Haus putzen, sich selbst noch eine Beschäftigung suchen. Vielleicht noch in der Schule noch was aufholen. Eigentlich immer voll Action.  Alle zwei Wochen darf man hier nach Hause übers Wochenende. Ist immer blöd, wenn man dann wieder zurückkommt, aber dann geht man wieder zur Schule, dann vergisst man das wieder so 'n bisschen. Und dann sind die zwei Wochen auch ganz schnell vorbei."

Bei solchen Heimfahrten kommt es schon mal zu Medien-Rückfällen. Da hat einer wieder die halbe Nacht am Computer gespielt, erzählen die Eltern den Betreuern dann oder die Jugendlichen selbst. Denn  zu befürchten haben sie nichts, erklärt der Einrichtungsleiter Patrick Portmann. 

"Das wird nicht sanktioniert, aber es wird auf jeden Fall aufgearbeitet, um zu gucken, warum brauchtest du das jetzt? Was sind die Momente, die die Verlockung so stark machen und wie, und wie kriegt man es hin, dieser Verlockung zu widerstehen, sodass man dann bei nächsten Heimfahrt noch mal dann die Strategie, die man sich gemeinsam überlegt hat, ausprobieren kann, um zu gucken: 'Ach ja, hat es jetzt funktioniert und hab ich jetzt nur ein Teil gespielt und hab' dann wieder die Kiste ausgemacht und hab mit meinen Eltern was gemacht? Oder brauch ich dann noch wieder was anderes?'"

Psychische Probleme mit dem Spielen kompensiert

Im Laufe der knapp eineinhalb Jahre haben die Betreuer schon einiges erlebt. Kürzlich ist ein Bewohner ausgezogen. Bei ihm läuft es jetzt richtig rund: Er lebt mit seiner Freundin zusammen und beginnt eine Ausbildung.

"Aber wir haben natürlich auch mal Jugendliche gehabt, die sich nicht wirklich drauf einlassen können, die das zu anstrengend fanden, sich dann wirklich mit der Realität auseinanderzusetzen und die dann mitunter noch mal mitunter andere Hilfen brauchen, bevor die das bei uns können."

Etwa wenn das Medienproblem gar nicht im Zentrum steht, sondern andere psychische Probleme größer sind und durch das Online-Spiel kompensiert werden.

"Der ist wiedergekommen." 

Frau: "Ja."

Junge: "Der holt bestimmt sein Handy."

Am Nachmittag herrscht im großen Gemeinschaftsraum ein Kommen und Gehen. Ein Junge sitzt am PC, einer schneit rein, ein weiterer unterhält sich am Tisch mit der Pädagogin Jennifer Koslowski. 

Cartfahren oder Klettern statt Zocken

"Wir planen gerade das Wochenende. Im Laufe der Woche stimmen wir uns darüber ab, was für eine Freizeitaktion am Samstag oder auch am Sonntag anstehen soll. Es geht darum rauszugehen, Dinge zu machen, die man vielleicht noch nicht so oft gemacht hat."

Cartfahren oder Klettern zum Beispiel - etwas mit Herzklopfen.  So ein Erfolgserlebnis macht Mut auch anderes auszuprobieren. Doch auch Radfahren, Spaziergänge im Wald, Konzert- oder Museumsbesuche macht die Gruppe gemeinsam. 

"Wir könnten in Betracht ziehen, ins Kino zu gehen. Und es bestünde noch die Möglichkeit, Karten für den Zirkus zu bekommen."

Zirkus würde Fin schon gefallen. Der 15-Jährige ist zwar erst seit sechs Wochen in der Wohngruppe, hat sich inzwischen aber ganz gut eingelebt nach der ersten Trauerphase von zu Hause weg zu sein. 

"Ich war ja gerade da oben. Ich fand, der sah echt gut aus. Die Leute wirkten auch ganz nett. Also, Zirkus wäre ich schon dabei, ja."

Und nach diesem Wochenende schlägt Fin ein neues Kapitel auf: Er traut sich wieder etwas zu und  fängt ein Praktikum an. Auf jeden Fall will er einen Schulabschluss machen, sagt er. Und dann weitersehen.

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