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Fazit | Beitrag vom 07.08.2018

Wohnen in Ikonen: Frankfurts Ernst-May-HäuserGartenstadt mit Mittelmeerflair

Von Rudolf Schmitz

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Hauseingang mit blauen Tür- und Fensterahmen in der Ernst May Siedlung Höhenblick in Frankfurt (Rudolf Schmitz)
Ein Hauch von Mittelmeer: Zwei Reihenhäuser in der Ernst-May-Siedlung Höhenblick in Frankfurt. (Rudolf Schmitz)

In den 1920er Jahren hat der Architekt Ernst May die Frankfurter Reihenhaussiedlung Höhenblick gebaut. Den Bewohnern gibt die schlichte und offene Architektur mit viel Grün auch nach Jahrzehnten das Gefühl, in einem Urlaubsparadies zu leben.

In mehreren Siedlungen hat der Architekt Ernst May in den Jahren 1925-1930 Prinzipien der englischen Gartenstadt mit der Formsprache rationalistischen Bauens verbunden. Das Ehepaar Annette und Heiner Georgsdorf gehört zu den ältesten Bewohnern der Frankfurter Siedlung Höhenblick, die 1928 entstanden ist. Heiner Georgsdorf:

"Als wir hier einzogen, in unserem ersten Ehejahr, als noch die Schwiegereltern hier wohnten, in den Sommerferien, so die ersten Tage, da hat die Schwiegermutter morgens immer ein Tablett mit Frühstück auf die Stufen gestellt, wir haben das dann hochgeholt und überlegt: Warum müssen wir jetzt eigentlich noch an das Mittelmeer, wenn wir hier oben schon das Paradies haben."

Blick auf ein Gebäude der Ernst-May-Siedlung im Stadtteil Heddernheim in Frankfurt am Main (picture alliance / Udo Bernhart)Klarheit und Schlichtheit bestimmen die Häuser in der Ernst-May-Siedlung im Stadtteil Heddernheim in Frankfurt am Main. (picture alliance / Udo Bernhart)

Besitzer eines Ernst-May-Hauses ist Heiner Georgsdorf, emeritierter Professor für Kunstdidaktik, durch seine Heirat geworden. Das war im Jahr 1970. Seine Frau Annette, seinerzeit Kunsterzieherin, wohnt seit Kindertagen, seit den späten Dreißigern, in diesem zweigeschossigen schmalen Reihenhaus mit dem Flachdach, seinem Dachgarten und dem Gartenstreifen. Der sorgt für eine angenehme Distanz zur gegenüberliegenden Häuserzeile. Annette Georgsdorf:  

"Ganz früher, bei meinen Eltern, war das ja ein Gemüsebeet, Nutzgarten, und wir hatten das auch immer zum Spielen, mein Bruder hatte da ein Becken eingebaut, mit Fischen, und – wir haben das schon sehr genossen. Als ich zwei Jahre alt war, sind wir hier eingezogen. Und so lange wohne ich jetzt hier, fast achtzig Jahre."

Siedlung für den Mittelstand

Die Siedlung Höhenblick, 1928 nach Plänen von Baurat Ernst May und dem Architekten C.H. Rudloff fertiggestellt, war für Mittelstandsbedürfnisse entworfen. Die einzelnen Häuser haben sechs Zimmer und insgesamt etwa 110 Quadratmeter Wohnfläche. Zwei ineinander führende Erdgeschossräume mit großen Fensterfronten bewirken großzügige Transparenz, die zum Garten ausgerichtete Küche ist klein und funktional, die rechtsseitig angelegte Holztreppe erschließt die höheren Stockwerke. Heiner Georgsdorf:

"Und generell würde ich also sagen, und wir beide stimmen da überein, dass diese Häuser wunderbar funktionieren. Also im Schnitt ist das einmalig, es gibt keinen überflüssigen verschenkten Raum hier. Dann kommt die ganze Idee der Gesamtanlage hinzu, und das funktioniert wunderbar, seit einigen Jahren, seit die Bevölkerung, die Nachbarn sich umgetauscht haben".

Ernst May vor Siedlungsplänen, Frankfurt, ca. 1927 (Deutsches Architekturmuseum Frankfurt a.M.)Ernst May in Frankfurt, um 1927 (Deutsches Architekturmuseum Frankfurt a.M.)

Als die unter Denkmalschutz stehenden May-Häuser Mitte der 1990er Jahre verkauft wurden, kamen junge Familien, die sich mit der Architektur identifizierten und mit Hilfe des Denkmalamtes ihr Eigentum günstig und orginalgetreu restaurieren konnten. Denn die relativ schlichten Bauten gewinnen ihre bauästhetische Wirkung durch farbig gehaltene Sprossenfenster, variierte Fenstergrößen und farbige Trennscheiben zwischen den jeweiligen Hauseingängen. Dieser Respekt vor der originalen Architektur war in der Siedlung zeitweise durch Einbau von weißen, genormten Doppelfenstern mit Kunststoffrahmen verloren gegangen. Nicht so allerdings beim Ehepaar Georgsdorf. Heiner Georgsdorf:

"Die Türen sind noch so, die Klinken, der Grundriß ist noch so, wie er ursprünglich war, da hat sich überhaupt nichts geändert. Die Fenster sind wieder so, wie sie früher mal waren, - auch die Farbe? - auch die Farbe, wobei das nicht ganz sicher ist, das Denkmalamt ist nicht ganz sicher, ob es die Originalfarbe ist, aber Blau, - gradezu ein griechisches Blau? – bisschen gedeckter."

Garten-Idyll mitten in der Stadt

Inzwischen stehen wir auf dem Dachgarten, genügend Platz für einen großen Tisch und einen Sonnenschirm. Eine mächtige Clematis rankt sich um das Außengeländer, auf der gegenüberliegenden Seite identische Häuser, identische Dachgärten. Kaum zu glauben, dass man sich hier mitten in Frankfurt befindet. Jetzt, im heißen Sommer, entsteht da schnell ein Italiengefühl. Heiner Georgsdorf:

"Ich schätze das sehr, wenn hier so eine Stimmung auftritt wie in Neapel dann, auf den Straßen. Wenn gelärmt wird und gegrillt wird, und die Gläser klingen. Also, wir kommen aus der Kunstwelt und das Bauhaus und die ganze Idee und Ästhetik, die dahinter steckt, die sind in uns drin und auch dieser Minimalismus, der in dieser Architektur vorherrscht – mit wenig auskommen und trotzdem luxuriös leben – das genießen wir sehr."

Blick aus dem Garten auf die Rückseite mehrerer Häuser der  Ernst May Siedlung Höhenblick in Frankfurt (Rudolf Schmitz)Kleine Oasen in der Großstadt: Die Gärten in der Ernst- May-Siedlung Höhenblick in Frankfurt. (Rudolf Schmitz)

Ein Haus für Architekturbegeisterte

Nach den Nachteilen eines solchen Wohnens in Ikonen gefragt, muss Heiner Georgsdorf lange überlegen. Und was er dann anführt, stellt sich letztlich auch wieder als Kompliment für das Frankfurter Ernst-May-Haus heraus. Heiner Georgsdorf: 

"Es ist dann so, dass wenn man rausgeht, auf der Straße immer mal ein paar Leute rumstehen, merkwürdig sich verhalten, links gucken, rechts gucken, hoch gucken, runter gucken, und ich sprech die dann an und sage: Wollen Sie auch mal ein Haus von innen sehen? Und dann, schwupp-die-wupp, sind dann hier dreißig, vierzig Leute im Haus."

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