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Fazit | Beitrag vom 11.08.2018

Wohnen in Ikonen - der Kapselturm in TokioSo stellte man sich 1972 die Zukunft vor

Von Jürgen Hanefeld

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Kapselturm in Tokio (imago / Future Image)
Beispiel für den Metabolismus in der japanischen Architektur: Der Kapselturm in Tokio. (imago / Future Image)

Architektonische Extravaganz im Herzen Tokios: der 1972 erbaute Kapsel-Turm. 140 Wohn- und Büroeinheiten à neun Quadratmeter. 2015 entging der Turm nur knapp dem Abriss. Jetzt will eine Initiative die Ikone des japanischen Metabolismus retten.

"Ich habe heute zum ersten Mal dieses Gebäude besucht. Bisher hatte ich darüber nur in Zeitschriften gelesen. Dass ich das heute mit eigenen Augen sehen konnte, war für mich ein einzigartiges Erlebnis."

Die 37-jährige Midori ist total begeistert. Sie und eine Handvoll weiterer Neugieriger haben sich eine architektonische Extravaganz im Herzen Tokios angesehen, den sogenannten "Kapselturm". Die 45-jährige Kioko sagt:

"Das ist unglaublich. Ein Hochhaus, das nach 46 Jahren noch ganz unverändert da steht und die Moderne von damals verkörpert! Wenn ich genug Geld hätte, würde ich glatt eine Kapsel kaufen."

Ein Stahlskelett hält die Kapseln zusammen 

Es ist ein merkwürdiges Gebäude, aus dem die Besucher strömen. Über einem zweistöckigen Sockel sitzen - oder besser: hängen - Kuben aus Beton. Wie große Legosteine, die sich einzeln austauschen lassen. Ultramodern im Baujahr 1972, als die heutigen Interessenten allenfalls Kinder waren. Das Stahlskelett, an dem die Klötze kleben, beherbergt den Original-Fahrstuhl, der bis ins 11. Obergeschoß fährt.

Sockel des berühmten Kapselturms in Tokio. Über dem zweistöckigen Unterbau sind 140 Wohnkapseln aufgehängt. (imago / Future Image)Sockel des berühmten Kapselturms in Tokio. Über dem zweistöckigen Unterbau sind 140 Wohnkapseln aufgehängt. (imago / Future Image)

"Die 140 Einheiten sind alle gleich klein", erklärt Tatsuyuki Maeda. "Neun Quadratmeter einschließlich Toilette und Bad. Als Wohnung werden zur Zeit aber nur noch 25 genutzt. Weitere 40 sind Büros, nochmal 40 werden als Lagerraum oder Hobbykeller verwendet. Der Rest steht leer."

Und gammelt vor sich hin. So hatte sich der weltberühmte, 2007 verstorbene Architekt Kisho Kurokawa das natürlich nicht gedacht. In den Kapseln, so nannte er die Mini-Apartments, wohnten ursprünglich Angestellte, die unter der Woche im Zentrum Tokios blieben, weil der Weg nach Hause zu weit war. Außerdem Mitarbeiter der nahegelegenen Uni und Bardamen, die nachts im nahen Ginza-Viertel arbeiteten:

"Kurokawa hat das Haus nicht als Wohnblock konzipiert, sondern sprach von Business-Kapseln, in denen man schlafen, arbeiten und duschen kann", sagt Tatsuyuki Maeda. "Es gibt also keine Küche, keine Gelegenheit zum Wäsche trocknen. Aber es gibt ein Bücherregal, ein Telefon, eine Musikanlage und einen Fernseher, die man alle vom Bett aus erreichen kann."

Einer der wichtigsten Nachkriegsbauten Japans

Es ist der Prototyp der bis heute populären Kapselhotels, preiswert und praktisch. Aber nicht nur das. Der Kapsel-Tower ist auch die reinste Form eines Architektur-Stils, den man "Metabolismus" nannte. In einem Film, der 2015 auf der Berliner "Dokuarts"-Ausstellung gezeigt wurde, erklärt der Architekturhistoriker Hiroyuki Suzuki:

"In den 60er-Jahren wurden in Japan verschiedene metabolistische Visionen ausprobiert. Der Capsule Tower ist das Gebäude, das der Theorie aufs Genaueste folgte. Es ist eines der wichtigsten Bauwerke der Nachkriegsgeschichte Japans."

Die Idee war es, den organischen Lebenszyklus von Geburt und Wachstum auf Städtebau und Architektur zu übertragen. Flexible, erweiterbare Großstrukturen, vergleichbar dem Stamm und den Ästen eines Baumes, sollten als Module dynamisch ausgetauscht werden können. Das ist aber zumindest beim berühmtesten Beispiel, dem Kapsel-Tower in Tokio, nie geschehen. Statt dessen wurde die stilbildende Ikone dem Verfall überlassen, sagt Tatsuyuki Maeda:

"Vor zehn Jahren hat die Eigentümerversammlung beschlossen, den Turm abzureißen. Dann kam der Lehman-Schock. Der Bauunternehmer, der den Auftrag erhalten hatte, ging pleite. Das war unser Glück. Es zogen neue Leute ein, die das Ziel haben, den Kapsel-Tower zu erhalten."

Gar nicht so einfach. Denn das Haus müsste mit großen Aufwand saniert werden. Und Geld vom Denkmalschutz gibt es nicht, obwohl es ein einzigartiges Baudenkmal ist, klagt Architekturhistoriker Suzuki: 

"In unserem Denkmalschutz gibt es eine ungeschriebene Regel. Es dürfen nur Gebäude geschützt werden, die älter sind als 50 Jahre."

Nicht auf Nachhaltigkeit angelegt: Die Fassade des Kapselturms in Tokio bröckelt und muss mit Netzen gesichert werden. (imago / Future image)Nicht auf Nachhaltigkeit angelegt: Die Fassade des Kapselturms in Tokio bröckelt und muss mit Netzen gesichert werden. (imago / Future image)

Weil die Haltbarkeit nicht zum Konzept der Metabolisten passte, bröselt das Haus bereits jetzt. Die Fassaden sind mit Netzen gesichert. Maeda lässt sich davon nicht irritieren. Vor drei Jahren hat der Werbefachmann mit 15 anderen Liebhabern einen Verein zur Rettung des Architekturdenkmals gegründet. Als Einstand hat er selbst ein paar Kapseln gekauft und drei davon restauriert, eine sogar in den Originalzustand versetzt. Das große, kreisrunde Fenster schließt noch immer überraschend gut. Es erinnert an ein Bullauge. Maeda lacht:

"Viele glauben, Kurokawa habe an ein Schiff erinnern wollen. Aber das ist falsch. Er wollte japanische Teezimmer schaffen. Auch diese Räume haben ja ein großes, kreisrundes Fenster und harmonische Proportionen, die an den Mutterleib erinnern."

Kann der Kapsel-Turm gerettet werden?

"Biomorph" in der Designersprache. Maeda sucht Mitstreiter. Nur wer eine Kapsel kauft, trägt etwas bei zum Erhalt der Stilikone. Deswegen gibt es jetzt jeden Sonnabend kleine Führungen.

"Es ist unwahrscheinlich, wie viele Nutzungsmöglichkeiten es in einem so kleinen Raum gibt", sagt der 40-jährige Tomonori. "Sehr originell."

"Der Raum ist gut durchdacht", findet der gleichaltrige Makoto. "Ich habe sogar den Eindruck, dass durch die Kompaktheit so etwas wie Gemütlichkeit entsteht. Anderseits sieht man eben auch, wie man sich damals die Zukunft vorgestellt hat. Anders als wir heute."

Und wie hoch schätzt Maeda die Chance ein, den Kapsel-Turm retten zu können? Er lächelt: "Inklusive der Hoffnung - 80 Prozent."

Die nächste Folge unserer Reihe "Wohnen in Ikonen" können Sie am Montag, den 13. August, nach 23.05 Uhr bei "Fazit" hören. Dann berichtet Leonie March über den Ponte Tower in Johannesburg.

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