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Interview / Archiv | Beitrag vom 10.03.2017

Wohnen auf sieben QuadratmeternArchitekten suchen Ideen gegen Platzmangel

Van Bo Le-Mentzel im Gespräch mit Dieter Kassel

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Lichtdurchflutet ist am 10.03.2017 in Berlin bei einem Pressetermin auf dem Gelände des Bauhaus-Archivs eine sogenannte "100-Euro-Wohnung". (picture alliance / dpa)
So sieht sie aus: eine sogenannte "100-Euro-Wohnung" auf dem Gelände des Bauhaus-Archivs. (picture alliance / dpa)

Fast 50 Quadratmeter Wohnraum – so viel nutzt ein Europäer. Für die gesamte Weltbevölkerung gebe es so viel Platz aber nicht, meint der Architekt Van Bo Le-Mentzel. Er erforscht mit Gleichgesinnten auf dem Bauhaus Campus in Berlin, wie Menschen auf kleinen Flächen gut leben können.

So ähnlich wie beim Übergang von der Monarchie zur Demokratie vor etwa hundert Jahren, gebe es auch jetzt einen Paradigmenwechsel, sagte der Berliner Architekt Van Bo Le-Mentzel im Deutschlandradio Kultur. "Es ist wahnsinnig spannend, was jetzt gerade passiert", sagte Le-Mentzel. "Architekten reagieren natürlich auch darauf." Er setzt unter anderem auf die Idee einer 100-Euro-Wohnung, die auf nur 6,4 Quadratmetern Wohnen, Schlafen, Bad und Küche vereint und in Berlin vorgestellt wurde. Die übergeordnete Fragestellung lautet für den Architekten: "Wie können wir ein demokratisches Miteinander bauen und konstruieren?" Auf dem Bauhaus Campus Berlin werde das jetzt erforscht.  

"24 Euro Stuhl" und "Hartz IV-Möbel"

Van Bo Le-Mentzel kam 1979 mit seinen Eltern aus Laos nach Deutschland und wuchs in Berlin-Wedding auf. Später betätigte er sich als Rapper und Graffiti-Künstler, studierte Architektur und absolvierte einen Tischler-Wochenendkurs. Diese handwerkliche Erfahrung inspirierte ihn dazu, selbst eine Möbelkollektion zu entwerfen. Sein erster Entwurf war der "24 Euro Stuhl", für dessen Gestaltung sich Van Bo Le-Mentzel an den Arbeiten der Bauhaus- und De-Stijl-Designer Marcel Breuer, Mies van der Rohe, Gerrit Rietveld und Erich Dieckmann orientierte. Er entwickelte dann eine Möbelkollektion, die er "Hartz IV Möbel" nannte.


Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Große Architekten bauen große Häuser, spektakuläre Bauten. So ist das heute oft, aber das Bauhaus vertrat schon vor 100 Jahren einen ganz anderen Ansatz. Und dieser Ansatz spielt wieder eine Rolle beim sogenannten Bauhaus Campus, der gerade in Berlin entsteht auf dem Gelände des Bauhaus-Archivs. Und da wird es sogenannte Tiny Houses geben von zehn Quadratmetern Größe, Orte zum Lehren, Lernen, Ausprobieren, Forschen und in Einzelfällen auch einfach nur Kaffeetrinken.

Heute ist großer Tag auf diesem Campus, unter anderem wird die 100-Euro-Wohnung vorgestellt. Das ist ein Projekt des Berliner Architekten Van Bo Le-Mentzel, der gleichzeitig auch Kurator des Bauhaus Campus ist. Und obwohl er relativ bald los ist, hat er jetzt am Telefon noch kurz Zeit für uns, einen schönen guten Morgen!

Van Bo Le-Mentzel: Einen wunderschönen guten Morgen!


Architekt Van Bo Le-Mentzel erläutert seine Idee. (dpa / picture alliance)Architekt Van Bo Le-Mentzel erläutert seine Idee. (dpa / picture alliance)

Kassel: Der Logik des Projektes folgend, kann ja meiner Meinung nach diese 100-Euro-Wohnung auch nicht größer als zehn Quadratmeter sein. Was kann man denn da alles unterbringen?

Le-Mentzel: Die 100-Euro-Wohnung ist sogar kleiner, die ist nur 6,4 Quadratmeter groß. Also, im Grunde genommen so groß wie der größte Lastenfahrzug bei Ikea. Und da passt aber trotzdem … - also, wir haben es geschafft, ein Bad unterzubringen, eine Küche, ein Büro, ein Schlafzimmer, eine Wohnstube … Ja.

Kassel: Aber der Trick muss dann doch sein, das ist mehr oder weniger alles kombiniert, oder? Weil, sonst geht das doch nicht!

Le-Mentzel: Na ja, ich bin viel unterwegs, ich reise viel, bin viel im Zug und auch im Flugzeug, und da habe ich sehr, sehr viel gelernt. Und auch bei meinen Reisen zum Beispiel in Brasilien habe ich mir die Wohnbauten von Oscar Niemeyer sehr intensiv angeschaut und, ja, also … Vieles, was wir gemacht haben, ist gar nicht so neu. Das, was halt neu ist, dass wir sagen, man könnte vielleicht diese Räume auch an Orte stellen, die den Boden nicht berühren, zum Beispiel auf Anhängern, das ist eigentlich so das Neue.

Die Wohnung muss den Boden nicht berühren: Hier steht sie auf einem Anhänger. (picture alliance / dpa)Die Wohnung muss den Boden nicht berühren: Hier steht sie auf einem Anhänger. (picture alliance / dpa)

"Die kleinste Wohnung ist so klein, dass sie gerade mal 100 Euro Miete pro Monat kosten würde"

Kassel: Aber was die 100 Euro angeht, ist das quasi die Idee, wenn man das, was Sie jetzt als Einzelobjekt geschaffen haben, massenhaft herstellt, würde es 100 Euro kosten, oder ist wirklich alles, was darin ist, zusammen tatsächlich nicht mehr als 100 Euro wert?

Le-Mentzel: Die 100-Euro-Wohnung ist Teil eines großen Neubauprojektes, welches wir Co-Being House nennen. Und in diesen Co-Being Houses muss man es sich vorstellen wie in einem Mehrgenerationenhaus, in dem Junge und Alte, Reiche und Arme, Familien und Singles zusammenleben, da gibt es große Wohnungen und kleine Wohnungen. Und die kleinste Wohnung ist so klein, dass sie gerade mal 100 Euro Miete pro Monat kosten würde, weil die so klein ist.

Kassel: Ist das in Ihren Augen ein wesentlicher Teil der Zukunft des Wohnens, auch bei uns in relativ reichen Ländern, kleiner, aber dafür raffinierter?

Le-Mentzel: Ich würde niemals sagen, dass jeder so klein leben muss oder so. Das wäre ja dann praktisch Kommunismus. Nein, ich würde nur gern, dass wir einfach darüber nachdenken, wie das weitergehen soll. Weil, wir sind ja jetzt glaube ich bei 45 oder 46 Quadratmeter pro Nase in Europa, was jeder Mensch durchschnittlich verkonsumiert an Wohnraum, und wenn das alle sieben Milliarden Menschen auf der Welt machen würden, dann bräuchten wir sehr viele Erden. Und so kann es ja nicht weitergehen. Also, ich möchte einfach nur darauf hinweisen, dass wir unbedingt neue Ideen brauchen, wie wir das Zusammenleben und Nachbarschaften organisieren.

Kassel: Sie haben Oscar Niemeyer gerade erwähnt im Zusammenhang mit dem, was Sie sich angeguckt haben, um selber inspiriert zu werden. Im vergangenen Jahr hat mit Alejandro Aravena ein Architekt den Pritzker-Preis bekommen, den eigentlich weltweit renommiertesten Architekturpreis, der unter anderem – nicht nur, aber unter anderem – sich auch mit sozialem Wohnungsbau beschäftigt. Dieser Mann, ist das so ein Trend langsam, dass Architekten nicht mehr nur davon träumen, den großen Prestigebau zu machen, das Museum, die Geschäftszentrale, sondern eben auch zu zeigen, wie man mit wenig Geld einen vernünftigen architektonischen Alltag hinkriegt?

"Es ist wahnsinnig spannend, was jetzt gerade passiert zum Thema Migration"

Le-Mentzel: Ich glaube auch, dass wir uns gerade in einer sehr, sehr spannenden Zeit befinden, wo ein Paradigmenwechsel stattfindet. Genauso wie vor 100 Jahren ja der Übergang von Monarchie zu Demokratie durch Bewegungen wie die Bauhaus-Schule begleitet wurden, haben wir jetzt so eine Zeit, wo wir umgehen müssen mit Globalisierung, mit der weltweiten … ja, mit der Verfügbarkeit von Information. Und es ist wahnsinnig spannend, was jetzt gerade passiert zum Thema Migration und so weiter.

Und Architekten reagieren natürlich auch darauf und Aravena, der mit seinem Incremental-Design-Ansatz versucht, sozusagen die Bewohner miteinzubeziehen in den Entwurfsprozess, das sind alles die Zeichen der Zeit. Und ich glaube, die Vorstellung, dass Architekten alles können müssen und alles vorbereiten müssen mit Städteplanern, Politikern, um dann Drei-Zimmer-Wohnungen für Menschen zu planen, das ist vorbei. Also, wir müssen anders herangehen an die Art des Planens und des Miteinanders.

Kassel: Zum Bauhaus Campus noch mal ein bisschen allgemeiner: Das, was da entsteht, auch über diese 100-Euro-Wohnung hinaus, wie viel hat das wirklich noch mit der Bauhaus-Idee zu tun? Also mit dieser Idee, Alltagsarchitektur, ja, das habe ich verstanden; aber hat es auch vom Design her noch was mit Bauhaus zu tun, was Sie da machen?

Le-Mentzel: Na, das Design ist ja praktisch die Ausformulierung des Bauhauses gewesen. Aber die Gedanken, der Geist, der war ja bestimmt von einem Umbruch. Es ging ja auf einmal darum, dass jeder Licht, Luft und Wasser und ein Bad und eine Küche haben sollte. Und all diese Themen beschäftigen uns natürlich auch. Also, wem steht eigentlich das schöne und das gute Leben zu, wer darf in der Innenstadt wohnen? Und wie sehen dazu dann auch die Formen dazu aus?

Und wir sind jetzt nicht so naiv, dass wir sagen, wir müssen jetzt alles weiß streichen und brauchen überall Flachdächer, wir versuchen eher, so im Geiste heranzugehen. Also, wie können wir ein demokratisches Miteinander bauen und konstruieren? Und dafür ist halt der Bauhaus Campus Berlin so der Ort, wo man das erforschen kann ein Jahr lang hier im Bauhaus-Archiv.

Kassel: Wir werden das beobachten. Auch dazu ist es unter anderem da, es ist ja zumindest überwiegend öffentlich. Ich danke Ihnen sehr! Van Bo Le-Mentzel war das, er ist Kurator des Bauhaus Campus in Berlin und auch Architekt der 100-Euro-Wohnung, über die wir gesprochen haben. Ich danke Ihnen sehr und wünsche Ihnen viel Erfolg und – finde ich nicht unwichtig bei Architektur in Zukunft – auch viel Spaß!

Der Designer und Architekt Van Bo Le-Mentzel (Deutschlandradio - Andreas Buron)Der Designer und Architekt Van Bo Le-Mentzel (Deutschlandradio - Andreas Buron)

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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