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Sein und Streit | Beitrag vom 21.12.2014

WochenkommentarVon den Schwächen der Toleranz

Von Stephanie Rohde

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März 1981: Der Philosoph Sir Karl Raimund Popper im Alter von 78 Jahren. (picture alliance / dpa)
März 1981: Der Philosoph Sir Karl Raimund Popper im Alter von 78 Jahren. Wie würde er sich mit den Pegida-Demonstranten auseinandersetzen? (picture alliance / dpa)

Wie viel Toleranz gegenüber den Intoleranten verträgt die Freiheit? Diese alte Frage stellt sich angesichts der Pegida-Demonstrantionen ganz neu. Hilfe liefert der Philosoph Karl Popper.

Jeder und jede dritte Deutsche ist laut Meinungsumfragen überzeugt, dass sich Deutschland zunehmend islamisiert. Und sie teilen damit zumindest in diesem Punkt die Ansicht des fremdenfeindlichen Bündnisses Pegida, also derjenigen, die gegen Flüchtlinge hetzen, die in angeblicher "Vollversorgung" in Heimen leben, während "manche Deutsche sich nicht einmal Stück Stollen leisten" könnten.

Das ist rassistischer Schwachsinn, der alle Jahre wieder aufgewärmt wird – trotzdem scheint vielen davon noch immer warm ums Herz zu werden. Von der Angst der Menschen war in den vergangenen Wochen häufig die Rede, die man ernst nehmen müsse. Aber worin genau besteht diese Angst? Und soll man sie als Meinungsäußerung achten oder als Ausgrenzung ächten? Um das zu beurteilen muss man diese Angst der Demonstrierenden besser verstehen. Im Gegensatz zur Furcht ist Angst nicht auf etwas Konkretes bezogen, sondern geht auf Unbestimmtes und Unbekanntes. Letztlich ist jede Angst Angst vor dem Nichts.

Den bequemsten Weg, sich von diesem lähmenden Gefühl der Angst zu entlasten, sehen nicht wenige darin, sie zu konkretisieren und auf ein bestimmtes Objekt zu projizieren, Im Fall von Pegida entfaltet das imaginäre Gespenst der "Islamisierung des Abendlandes" dabei eine therapeutische Wirkung, wie der Philosoph Byung-Chul Han beobachtet hat. Denn indem man die Angst konkretisiert und jemanden ausschließt, definiert man sich selbst als nicht ausgeschlossen. Spricht also aus der stumpfen Angst nur der Wunsch nach Teilhabe an der Gesellschaft? Und können wir diesen Wunsch nach Anerkennung anerkennen und gleichzeitig die politische Intoleranz nicht tolerieren?

Können wir die politische Intoleranz tolerieren?

Das Problem der Toleranz der Intoleranz hat schon der Philosoph Karl Popper beschrieben. Uneingeschränkte Toleranz führt dazu, dass die Toleranz verschwindet. Denn die Intoleranten werden ihrerseits die Toleranten nicht tolerieren und diese letztlich vernichten. Außerdem kann Toleranz nicht absolut sein, weil sie Grenzen braucht, an denen sie als Anderes der Intoleranz zu erkennen ist. Folglich kann man nur tolerant sein, wenn man sich auch das Recht vorbehält, gegenüber Intoleranz intolerant zu sein. Und das ist wichtig an dem Punkt, wo die Stabilität einer offenen Gesellschaft in Gefahr ist. Mit Karl Popper kann man der Pegida also entgegnen: Im Namen der Toleranz können wir uns das Recht vorbehalten, eure Intoleranz nicht zu tolerieren.
Doch noch sind wir nicht an diesem Punkt.

Deshalb empfiehlt es sich vorerst, Pegida bewusst in beschränktem Maße zu tolerieren, wohlwissend, dass die Intoleranten unter ihnen kein Recht haben, ihrerseits Toleranz einzufordern. Doch wer voreilig die Freiheit der Intoleranten einschränkt, solange sie die Gesellschaft nicht fundamental bedrohen, fügt der Gesellschaft genau den Schaden selbst zu, den er von ihr abwenden will – er macht sie unfrei.
Doch das heißt nicht, dass die Toleranten zum Zuschauen und Schweigen verdammt sind.Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt, über die Minderheiten nachzudenken, die wir nach vielen Jahrzehnten endlich zu tolerieren meinen, obwohl wir ihre tägliche Diskriminierung gleichgültig hinnehmen.

"Duldung" und "Toleranz" in Frage stellen und überwinden

Wir müssen den Begriff der Toleranz oder Erduldung überwinden, weil er im Kern überheblich und unzeitgemäß ist. Denn wer eine Minderheit nur toleriert, reduziert sie weiterhin nur auf die eine Eigenschaft, die sie als Minderheit definiert, zum Beispiel das Muslimischsein. Jemanden zu akzeptieren hieße, diese Eigenschaft nicht mehr in den Mittelpunkt zu stellen - mit der Folge, dass sich dieser Unterschied zu den Nichtmuslimen allmählich auflöst.

Und während wir Akzeptanz statt Toleranz gegenüber friedfertigen Minderheiten denken lernen, sollten wir gegenüber ressentimentgesteuerten Minderheiten wie der Pegida gezielt nur auf eine eingeschränkte Toleranz setzen. Das heißt, offen sein für ihren impliziten Wunsch nach Teilhabe und gleichzeitig ihre explizite Ausgrenzung von Anderen kritisieren. Und eine Toleranz, die sich bewusst ist über ihre Grenzen, bewahrt uns auch vor einem riesigen Fehler: Wir können sie nicht mehr missverstehen als Gleichgültigkeit gegenüber dem latent vorhandenen Rassismus in unserer Gesellschaft.

 

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