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Fazit / Archiv | Beitrag vom 05.02.2019

"Woche der Demokratie" in WeimarWenn Stammtisch-Gastgeber nicht aus ihrer Blase wollen

Von Henry Bernhard

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Besucher vor dem Deutschen Nationaltheater Weimar zur Eröffnung der Woche der Demokratie. Gesichter verschiedener Menschen werden auf das Gebäude projiziert. (Thomas Müller)
Intervention „Res Publica“ von Genius Loci Weimar auf der Fassade des Deutschen Nationaltheaters zur "Woche der Demokratie". (Thomas Müller)

Zum 100-jährigen Jubiläum der Gründung der Weimarer Republik hat sich das Nationaltheater auf die Fahnen geschrieben, die Kulturtechnik des Diskutierens zu stärken. Ausgerechnet Moderatorin und geladener Gast lassen sich dann aber nicht darauf ein.

Hasko Weber, Generalintendant am Weimarer Nationaltheater, sagt: "Kunst schafft einen Raum zur Veränderung der Welt." Mit der Thüringer "Erklärung der Vielen" eröffnet das Deutsche Nationaltheater Weimar seine "Woche der Demokratie".

Der Schriftsteller Steffen Mensching: "Rechtsextreme Bewegungen, die sich europaweit ausprägen und auch in der Bundesrepublik politische Wirkung entfalten, stehen diesen demokratischen Positionen konträr und destruktiv gegenüber."

Theaterintendanten und andere Kulturschaffende bekennen sich – wie ihre Kollegen bundesweit – zu Meinungsfreiheit und Toleranz. Das Deutsche Nationaltheater schreibt sich die Meinungsfreiheit gar auf den Leib: Videoprojektionen auf die Fassade lassen kritische, populistische Wortmeldungen auf Twitter aufleuchten.

Das Nationaltheater will Diskursräume schaffen

Auf dem Balkon über dem Portal steht ein riesiges Folienzelt, das so genannte "Treibhaus der Demokratie", täglich für jeden geöffnet. Drinnen laden Fragen auf Postkarten zu Bekenntnissen ein, die dann öffentlich aushängen: "Wie kann Demokratie in der Familie funktionieren?", "Wem missgönnst Du Reichtum?", "Freiheit oder Gleichheit – was ist wichtiger?"

Ein Symposium, drei Schauspielpremieren, Lesungen, eine Schreib- und Kompositionswerkstatt kreisen um das Thema "Demokratie". Das Theater will Diskursräume schaffen und nicht nur von der Bühne deklamieren, meint Hasko Weber, Intendant des Deutschen Nationaltheaters:

"Ich glaube, viele haben die Verbindung zu dem, was Demokratie eigentlich heißt, nämlich Beteiligung und sich auch aktiv einbringen, verloren. Und da kann man das abkoppeln von dem Rechts-und-Links-Thema. Wo wollen wir hin? Wie sollen wir die großen Themen, die in der Zukunft anstehen – Ökologie, Energie, Demographie – in den Griff kriegen, wenn wir verlernt haben, kontrovers zu diskutieren, zu argumentieren, und Kompromisse auch als etwas Positives, nämlich die Grundlage der Demokratie, wieder zu begreifen? Das scheint mir abhandenzukommen."

"Stammtischgespräch" zu Kultur und Migration

"Stammtischgespräche" heißt passenderweise eines der Formate im Nationaltheater. An fünf Abenden in dieser Woche kommt jeweils ein Thema auf den Tisch, das für Minderheiten relevant ist: Antiziganismus, Behinderung der Behinderten, die Anzahl der Geschlechter, die Kolonialzeit und wir. Janine Dieckmann vom Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft organisiert die "Stammtischgespräche":

"Einfach, um mal einen Kontrapunkt zu Stammtischgesprächen, die man ja eher so versteht als Immer-nur-über-andere-Reden, über das vermeintlich Fremde. Das wollen wir halt in dem Konzept ein bisschen umdrehen und hoffen auch auf Beteiligung im Publikum."

Am ersten Abend geht es um Kultur und Migration. Zu Gast: Hassan Siami, geboren im Iran und schon lange in Deutschland lebend, der sich als Kulturmittler versteht, und der Theatermacher Moritz Schönecker.

Den Abbau von Hindernissen für aktive, gestaltende Teilnahme von Flüchtlingen an der Kultur fordern Schönecker und Siami. Sie sind sich einig mit der Moderatorin, das Publikum macht mit. Bis eine ältere Frau eine kritische Frage stellt. Ob denn die Deutschen, die zu Zehntausenden Flüchtlingen geholfen hätten, nicht auch Dankbarkeit verdient hätten statt Forderungen. Die Reaktion ist harsch:

Moderatorin Anne Tahirovic mit Sozialarbeiter Hassan Siami (re. daneben) und Regisseur Moritz Schönecker (li. daneben) bei dem ersten Abend der "Stammtischgespräche" während der Woche der Demokratie am Nationaltheater Weimar. (Thomas Müller)Moderatorin Anne Tahirovic mit Hassan Siami (rechts daneben) und Moritz Schönecker (links daneben) beim "Stammtischgespräch" am Deutschen Nationaltheater. (Thomas Müller)

"Es geht um Menschen, es geht darum, Teilhabe zu ermöglichen, um transkulturelle Gesellschaft, Geben und Nehmen. Es geht nicht darum, was zuerst da war: Ei oder Huhn! Diese Frage ist Populismus, wissen sie! Und bitte sprengen sie den Kontext hier nicht, bitte!"

Darauf Moderatorin Anne Tahirovic: "Und da sind wir schon beim Minenfeld, das ich am Anfang ansprach." Und Hassan Siami: "Wissen sie: Unser Unterschied ist – ich bin Globalist, ihr seid Nationalisten. Das eine ist Liebe, das andere ist Hass."

Ein sehr junger Mann meldet sich, verhakelt sich etwas ungeschickt in Fragen der Gleichberechtigung im Gesetz und in der Realität. Er bekommt die Reaktion gleich von der Moderatorin, Anne Tahirovic: "Wenn wir im Team solche Fragen diskutieren, dann würde ich immer darauf reagieren: Interessante männliche weiße Perspektive!"

Empörung im Publikum, Abbruch von Diskussionen

Einige im Publikum empören sich, auch noch in den Gesprächen danach. Es wird laut, Diskussionen brechen ab. Benno Drellmann, ein Besucher, ist aufgebracht:

"Es war kein demokratischer Austausch! Und ich hatte das Problem damit, dass es nicht zu einem Dialog kam, sondern die Aussage der Dame als aggressiver Akt gewertet wurde und dann halt auch sehr aggressiv und emotional dagegen gesprochen wurde. Ich bin dann angegangen worden mit der Unterstellung, welche Partei ich wählen würde; also ich werde in die braune Ecke gestellt. Und das ist nicht demokratisch, das ist kein Dialog! Ich habe mich persönlich auch nicht gemeldet, ich war kurz davor, weil ich Sorge trug, dann entsprechend vorgeführt zu werden."

Ein anderer meint, dass sich Bekannte von ihm mittlerweile von solchen Diskussionen fernhalten, da die zu wenig ergebnisoffen seien, die Diskursräume zu verengt. Die Woche der Demokratie scheint bitter nötig zu sein.

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