Seit 05:05 Uhr Studio 9

Mittwoch, 14.11.2018
 
Seit 05:05 Uhr Studio 9

Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 28.07.2011

Wo man per Hand die Eiche schält

In Katalonien wird noch auf traditionelle Weise Kork abgebaut

Von Reinhard Spiegelhauer

Podcast abonnieren
Verkorkte Sektflaschen (AP)
Verkorkte Sektflaschen (AP)

Der Kork katalanischer Bäume soll von besonderer Qualität sein, geerntet wird er noch wie vor 200 Jahren. Dennoch können viele Besitzer spanischer Korkeichenplantagen kaum noch vom Ertrag ihrer Bäume leben.

Mühsam quält sich der alte, klapprige Geländewagen den Hang hinauf – hinein in die Wälder des Gebirgszuges, den die Leute hier die "Gavarras" nennen. Die ursprüngliche Farbe des Wagens kann man höchstens noch erahnen – das, was noch unter Matschkruste, Staub und Rost hervorschaut, deutet darauf hin, dass er einmal rot gewesen sein könnte. Am Steuer sitzt Joaquin Boadella, er lenkt den Lada Niva mit seinen kräftigen Händen den schmalen, holprigen Waldweg entlang. Dass er erst 35 ist, mag man kaum glauben – so sehr sind Gesicht und Hände vom Wetter gegerbt. Sein Vater Josep dagegen, auf dem Beifahrersitz, wirkt jünger, als er ist. Mit seinen 70 Jahren geht er noch immer zum Korkschälen in die Wälder – so wie heute. Sonne, Wind und der peitschende Regen mancher Monate geben den Menschen hier ein ziemlich altersloses Gesicht.

Am Rand eines Korkeichenwäldchens hält Joaquin Boadella an:

"Gut, schauen wir uns an, wie man eine Korkeiche schält."

Es ist Juli - der Hauptmonat für die Korkernte. Der Tag ist heiß und schwül, eine Dunstglocke liegt über den Berghängen. Fahles Licht lässt die knorrigen Bäume und den an manchen Stellen struppig-dichten Unterwuchs fast schon etwas unheimlich erscheinen. Helfer schneiden hier und dort zugewachsene Wege mit Motorsägen frei – doch die Korkernte selbst sei noch immer Handarbeit, erzählt Joaquin Boadella:

"Die Arbeit ist die gleiche wie vor 200 Jahren. Weil man ja auch die gleichen Beile benutzt. Das Einzige, was sich geändert hat, ist, wie der Kork am Ende eingesammelt wird. Früher hat man das auch von Hand gemacht – jetzt haben wir kleine Raupen mit Anhängern und natürlich Lastwagen, die den Kork mit einem Greifer aufladen – aber das Schälen machen wir genau wie früher ... wir hatten mal eine Maschine aus Italien, aber das Ergebnis war nicht besonders. Es würde vielleicht funktionieren, wenn die Korkeichen alle gleich wären und perfekt gewachsen. Aber wenn sie krumm sind – dann funktioniert es nicht."

Vater Josep hat inzwischen einen Baum ausgesucht, der reif zum Ernten ist. Wohl sieben, acht Meter ist er hoch, trägt eine dicke, graue Borke, die ihn bei Waldbränden schützt. Denn Kork brennt extrem schlecht und isoliert gut – Eigenschaften, die ihn auch als Baumaterial interessant machen. Alle 14 Jahre wird den Korkeichen hier der wertvolle Rohstoff mit einem Beil vom Stamm geschält. So lange dauert es, bis die graue, wulstig-schorfige Korkschicht dick genug geworden ist, um Korken daraus zu machen. Denn fünf bis sechs Zentimeter mindestens müsse der Kork dick sein, bevor er geerntet werde, erklärt der stämmige Joaquin Boadella:

"Das hier ist ein normales Beil, mit dem die Korkeiche geschält wird. Beim ersten Mal fängt man ungefähr auf dieser Höhe an, später weiter oben – wenn der Baum älter und kräftiger ist. Wenn er mehr Lebenskraft hat, dann beginnt man weiter oben. Heute fangen wir hier an ... "

Und schon legt der kleine, drahtige Vater von Joaquin los: Mit kräftigen Hieben treibt Josep Boadella auf Mannshöhe eine Kerbe quer in den Kork, einmal rund um den Stamm herum. Mit Wucht und doch gleichzeitig mit viel Gefühl, erzählt der Sohn:

"Wenn oben quer aufgeschnitten ist, schneidet man rechtwinklig in einer Linie von oben nach unten. Wenn du quer schneidet, merkst du schon, wie dick der Kork ist – und dementsprechend schlägst du tiefer oder nicht so tief."

Viele Korkeichen werden die Beiden heute noch schälen - die Korkplanken von diesem ersten Baum stapeln sie erst einmal direkt neben dem Stamm: Erst am Ende des Tages werden sie noch einmal von Baum zu Baum gehen und die Ernte auf die Ladefläche des Geländewagens schichten. Zuhause, auf dem heimischen Hof, werden die Planken dann vorsortiert und mit Steinen beschwert – damit sie im Herbst als flache Platten an die Fabrik verkauft werden können.

Dolores Maria Guso steht im denkmalgeschützten, gepflasterten Innenhof des Familienunternehmens "Vigas". Seit mehr als hundert Jahren produziert der Betrieb Korken, mitten in der katalanischen Kleinstadt Palafrugell. Sie liegt am Rande der Gavarras und Dolores Maria Guso ist Qualitätsbeauftragte bei Vigas. Sie überwacht die Korkherstellung von der Anlieferung des Rohmaterials bis zur Auslieferung der fertigen Korken. Gerade begutachtet sie eine riesige Lieferung Kork: 25 Meter lang, fünf Meter breit und mehr als mannshoch ist der Block aus Korkplanken, der im Innenhof des Betriebes aufgestapelt ist.

"12 bis 14 Prozent. Das ist die Feuchtigkeit, die der Kork haben muss, um ihn gut schneiden zu können. Hier werden die Korken geschliffen - die Oberfläche wird geschliffen. Manchmal kommt es vor, dass beim Ausstechen Unregelmäßigkeiten entstehen - die werden abgeschliffen."

Ein schöner Korken, wie ihn die Kunden fordern, ist aus einem Stück und hat nach dem Schleifen eine helle, glatte Oberfläche. Aber das ist eben nur das Ideal. Nicht so schön aussehende Stücke, mit Flecken zum Beispiel, bekommen deshalb das spezielle Make-up verpasst. Und das ist nicht der einzige Kniff der Korkspezialisten: Aus dem Verschnitt, der beim Ausstechen der besseren Korken übrig bleibt, wird Korkgranulat geschreddert. Das wird dann unter Druck mit einem speziellen Kleber verleimt – so entstehen aus Resten zunächst besonders preiswerte Korken.

Ana Martí weiß alles über die Geschichte des Korkhandwerks in der Region – und natürlich auch über "La Taponera" - den Chor der Korkstecher. Im Korkmuseum von Palafrugell zeigt sie Besuchern die ganz aus Kork gearbeitete Vereinsfahne des 1859 gegründeten Chors. Ein paar Schritte weiter liegen alte Werkzeuge fürs Korkschälen in einer Vitrine, in anderen Räumen sind erste Maschinen zu sehen, die den Korkstechern mit Einsetzen der industriellen Revolution die Arbeit erleichterten:
Das Museum ist in einer ehemaligen Korken-Fabrik untergebracht.

"Dom Perignon hat die Champagner-Methode in Frankreich entwickelt. Um die Flaschen aus dickem Glas auch dicht zu bekommen, schien ihm Kork das beste Material zu sein. Deshalb haben die Franzosen als erste Korken hergestellt. Und als dort der Kork ausging, kamen sie nach Katalonien – und brachten ihre Arbeitsweise mit."

Seitdem wird in Katalonien der inzwischen weltberühmte Cava hergestellt – Champagner, der nicht Champagner heißen darf. Manche Korkproduzenten haben sich sogar besonders auf Sektkorken spezialisiert. Wegen des Drucks durch das Kohlendioxid müssen sie die Flasche extrem dicht versiegeln und besonders fest in der Flasche sitzen.

Nicht nur, dass es in und um Palafrugell herum Korkeichen, Korkfabriken und ein Korkmuseum gibt - in der Stadt ist auch das katalanische Korkinstitut angesiedelt. Ein wissenschaftliches Institut mit klarer Zielsetzung: den Ruhm des katalanischen Korkens in der Welt zu mehren. Zum Beispiel mit Studien rund um das Thema "Korkschmecker". Weinexperten sagen: Wenn ein vermeintlich guter Tropfen übel schmeckt oder muffig und modrig riecht, dann liegt das in erster Linie an einer bestimmten chemischen Verbindung, dem Trichloranisol oder kurz TCA. Auch das katalanische Korkinstitut hat sich vor einigen Jahren intensiv mit dem Problem beschäftigt:

"Wir haben die besten Weinprüfer der renommiertesten Kellereien aus Spanien und Frankreich geholt, eine Jury aus 14 in der Weinwelt hoch angesehenen Leuten – dann haben wir ihnen den Wein eingeschenkt, und sie haben bei Weinen mit Schraubverschluss, mit Kron- und mit Plastikkorken gesagt: Der schmeckt korkig, da ist TCA drin – dabei hatten diese Flaschen niemals Kork gesehen. Was wir daraus schließen, ist, dass Kork zwar TCA aufnehmen und dadurch einen schlechten Geschmack verursachen kann – dass der sogenannte Korkgeschmack aber nicht am Kork selbst liegt."

Joan Puig vom katalanischen Korkinstitut kümmert sich nicht nur um den guten Ruf und die Zukunft des Natur-Korkens - er und seine Kollegen denken nicht zuletzt an ganz praktische Dinge, wenn sie die Qualität von Korken beurteilen und zertifizieren:

"Wir achten auch darauf, wie viel Kraft man braucht, um den Korken aus der Flasche zu ziehen – zwischen 200 und 400 Newtonmeter ist ideal. Warum? Stellen wir uns mal eine Hochzeit vor, bei der der Kellner eine Flasche nach der anderen entkorken muss – wenn er da mehr als 400 Newton braucht, ist das gar nicht gut."

Beim idealen Korken müssen viele verschiedene Faktoren stimmen: Er muss gut aussehen, der Wein darf nur mit Kork und nicht mit Klebstoff in Berührung kommen. Er muss die Flasche einerseits zuverlässig verschließen, andererseits leicht zu ziehen sein. Ob und wie gut ein Korken diese Anforderungen erfüllt, hängt neben der Verarbeitung auch vom Rohmaterial ab.

Der Kork von den Eichen in ihren Bergen habe eine höhere Dichte als der von Bäumen in Andalusien, sagen Josep und Joaquin Boadella – wegen des feuchteren Klimas. Deswegen ist der Kork aus den Gavarras ideal für Sektkorken. Vater und Sohn sind noch immer im Korkeichenwald unterwegs, um den Rohstoff zu ernten. Das angrenzende Waldstück sei ziemlich licht, meint Josep Boadella:

"Naja, dieser Wald ist über ein paar Jahre ziemlich ausgeräumt worden; es sind wenige Bäume übrig geblieben – und natürlich ist das Gestrüpp ziemlich hochgewachsen. Früher gab es hier ziemlich große Korkeichen – aber dann haben sie so viele Korken gemacht, dass der Wald nicht nachgewachsen ist. Deswegen stehen die Korkeichen hier ziemlich spärlich."

Josep Boadella und sein Sohn schälen nur ausgesuchte Bäume. Wie viel Kork werden sie am Ende des Tages nach Hause bringen?

"Das hängt von den Bäumen ab – der hier ist klein, aber wenn wir ein Stück da runter gehen, gibt es größere – normalerweise schafft man so 300 Kilo täglich; an dem einen Tag wirst du auch mal 500 schaffen, am nächsten nur 200 – aber im Schnitt sind es so 300 bis 350 Kilo."

"Ich war 16, ging noch zur Schule, da hat mich mein Vater mitgenommen – so wie ich meine Söhne später. In den Sommerferien, in der Korkerntezeit, sind sie hinter mir hergekommen; so wie ich hinter meinem Vater – das ist wie ein Erbe."

Auch die Bäume, die die Familie hat, sind ein Erbe. Etwa hundert Jahre lang kann man eine Korkeiche nutzen, drei- bis vier Generation einer Familie schälen denselben Baum. Und natürlich muss der Wald gepflegt werden:

"Wenn niemand Korkeichen gepflanzt hätte - na ja, hier wachsen sie von selbst, aber manchmal kommen sie nicht von selbst hoch, sondern werden gepflanzt – heute gibt es sogar Subventionen dafür, weil sie sagen, man muss die Korkeichen schützen, und man braucht mehr Kork. Aber man braucht schon viel Geld, um ein Feld oder einen Hang aufzuforsten – wenn ich meine Korkeichen nicht hinterlassen bekommen hätte, hätte ich jetzt jedenfalls keine, ganz bestimmt nicht."

Wenn eine junge Korkeiche aus dem Boden treibt, dann dauert es in Katalonien 14 Jahre, bis sie das erste Mal geschält werden kann. Eine lange Zeit.

"Und das ist ja das Problem heute - dass die Leute immer auf Rendite aus sind. Es geht darum, heute zu säen und schon morgen zu ernten. Und das geht natürlich bei einem Wald nicht. Deswegen kann sich der Wald nicht rentieren."

Auch Joaquin und Josep Boadella können vom Kork ihrer Bäume allein nicht leben: Der Vater bestellt noch immer einige Felder, der Sohn arbeitet bei einem Forstunternehmen. Doch jeden Sommer aufs Neue fahren sie hinaus in die Gavarras, um einen Teil ihrer Korkeichen zu schälen.

Weltzeit

Junge Frauen in AfghanistanBunt statt Burka
Eine junge Frau wirft am 21.10.2018 bei den afghanischen Parlamentswahlen in einem Wahllokal in der Hauptstadt Kabul einen Umschlag in eine Wahlurne. (imago / Xinhua)

Die Zukunft Afghanistans ist jung und weiblich, das Durchschnittsalter liegt bei 18 Jahren. Auch die Frauen haben sich an der Parlamentswahl am 20. Oktober beteiligt. In der Hoffnung auf ein selbstbestimmtes Leben in einer jungen Demokratie. Eine Illusion?Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur