Hörspielmagazin, vom 01.01.2019, 20:05 Uhr

Wittmann/Zeitblom über Bauhaus-Hörspiel"Die Mensch-Maschine-Beziehung war der Leitfaden"

„Wir waren nicht die größten Bauhaus-Fans“, sagte Hörspielmacher Christian Wittmann im Dlf. Doch die frühen Jahre des Bauhauses seien „sehr experimentell gewesen“. Diesen Einflüssen auf spätere Kunst- und Musikströmungen seien er und Partner Georg Zeitblom in dem Hörspiel „AUDIO.SPACE.MACHINE“ nachgegangen.

Die Autoren Zeitblom und Wittmann. (Mirjam Siefert)
"Eine kritische Würdigung zum 100. Jubiläum" nennen die Hörspielmacher und Soundkünstler Christian Wittmann und Georg Zeitblom ihr Bauhaus-Konzeptalbum AUDIO.SPACE.MACHINE. (Mirjam Siefert)

Christian Wittmann: Als die Idee Bauhaus als Hörspiel zu kreieren an uns herangetragen wurde, da waren wir erstmal - ratlos ist vielleicht übertrieben, aber man fragt sich natürlich erst einmal: Wie setzt man Architektur, Design und Typografie in Ton um? Und dann haben wir uns so reingeschafft und viel recherchiert. Man denkt ja immer, man kennt alles von Bauhaus, aber es ist ja überhaupt nicht so. Und haben uns dann letztendlich mehr auf die frühen Bauhaus-Jahre gestürzt, wo Bauhaus noch sehr experimentell war, auch vielmehr noch mit Musik zu tun hatte - also alles war noch viel mehr am Suchen, es war offener und das hat uns dann letztlich wesentlich mehr interessiert als die späten architektonischen Jahre.

Wobei wir das nicht außer Acht gelassen haben; im Hörspiel gibt's ja sechs Fiktionsteile und da haben wir sozusagen die Marke Bauhaus bearbeitet, ausgeschlachtet. Wir haben um Gropius herum eben Geschichten erfunden, die mehr dann mit dem späten Bauhaus zu tun haben, da wird immer wieder zurückgegriffen auf das frühe Bauhaus und die Ideen, die später vielleicht dann ein bisschen erstarrt sind, so in Stein gemeißelt waren.  Also, man hört schon, wir waren jetzt nicht nur die größten Bauhaus-Fans, haben aber tolle Sachen entdeckt und so ist dieses Hörspiel, ich würde es nennen eine kritische Würdigung des Bauhauses zum 100 Jahre Bauhaus Jubiläum geworden und wir hoffen, dass der Hörer das auch raus hört.

Also zu der frühen experimentellen Phase; da gab es einige Leute, von denen wahrscheinlich viele noch nichts gehört haben. Und der Georg hat da viele Musikbeispiele ausgegraben und sich hineingegraben und vielleicht kann er einfach nur mal kurz sagen, um wen es da ging erstmal.

Frühe Versuche mit elektronischer Musik in "zeitgemäße Sound-Architektur" einfügen

Georg Zeitblom: Wir haben uns mehr auf die experimentelle Seite des Bauhauses versucht zu schlagen und die Verästelung der Themen haben wir ein bisschen konzentriert auf die Möglichkeiten der Klangforschung oder Klangerweiterung. Und da ist halt speziell Laszlo Moholy-Nagy bei uns zu erwähnen, der zum Beispiel dagegen protestierte, dass die Schallplatte als Mittel der Reproduktion zu gebrauchen ist und den Klang-Kosmos erweitert hat, er hat sie zum Beispiel rückwärts laufen lassen, angebohrt und dann hat das groteske Glissando-Töne ergeben. Oer er hat sie angekratzt, was dann für uns natürlich dann eine direkte Verbindung zu den späteren Clicks and Cuts gab, also das vielleicht als Schnittmenge zu Ambient Techno und Electonica dient.

Wir haben dann versucht, diese Klangwelt aufzubauen mit heutigen Klängen, also dass es so eine Art Klang-Labyrinth ergibt, aus elektronischen und akustischen Klängen. Und da haben uns natürlich auch ganz frühe Versuche mit elektronischer Musik interessiert, präpariertes Piano, Theremin und auch Rauschen des Radios, das wir dann weiterverfolgt haben und in eine zeitgemäße Sound-Architektur eingefügt haben.

Und was uns auch speziell noch interessiert hat, war, was mit diesen Ideen passiert ist, also über das Bauhaus sind ja viele [Künstler und Gestalter] [*] nach Amerika ausgewandert und haben im Black Mountain College unterrichtet und diese Ideen noch weiter verfolgt, jetzt John Cage zum Beispiel. Und das war auch noch ein wichtiger Bestandteil, diese Elemente weiterzuverfolgen. Und das Ganze, muss man noch dazu sagen, haben wir aufgebaut als Konzeptalbum. [*] Anm. der Redaktion

"Bauhaus hat die Standardisierung irgendwann fast heiliggesprochen"

Christian Wittmann: Also, das Konzeptalbum war uns insofern wichtig, dass wir dachten, wir können jetzt nicht Bauhaus mit Standard-Hörspielform erledigen oder feiern. Also anders als das Bauhaus, was dann irgendwann eben die Standardisierung fast heiliggesprochen hat, bis heute zu den Plattenbauten, haben wir versucht, eben keine Standards in diesem Hörspiel zu benutzen, weder soundtechnisch noch von der stringenten Geschichte her. Nicht nur relativ zu sein, sondern eine Mischung hinzukriegen, wo man immer wieder überrascht wird. So wie eben das frühe Bauhaus einen permanent überrascht, wenn man da eintaucht, weil einfach so viel noch möglich war.

Mensch-Maschine-Komplexe "radiophon umsetzen"

Der Georg hat schon gesagt Black Mountain; also die Auswirkung von Bauhaus auf spätere Kunst- und speziell auch Musikströmungen, die dann entstanden sind, war ziemlich groß und wir haben auch versucht, das sogar noch weiter zu treiben, nämlich bis ins Heute. Dafür war uns die Mensch-Maschine-Beziehung sehr wichtig; das war sozusagen der Leitfaden für uns, wir haben immer geschaut, dass wir Mensch-Maschine-Komplexe entdecken konnten und die eben versucht dann radiophon umzusetzen. Und es geht ja dann im Hörspiel sogar bis zur heutigen künstlichen Intelligenz. Deshalb also, die Konzepte von Bauhaus in einem Konzeptalbum - das hat uns große Freude gemacht und wir haben da drin, noch mal kurz zur Musik auch, einiges an Original-Musik verwendet. Also aus den 20er-Jahren oder noch früher, sogar noch Impressionismus, Ravel - und das aber verarbeitet zu maschineller Musik.

"Eine Art hypnotisches Bauhaus-Gebilde erstellen"

Georg Zeitblom: Man könnte es auch bezeichnen als Re-Modulierung von Klängen und was Christian auch gerade angesprochen hat, das Maschinenhafte haben wir auch versucht dann wieder in eine moderne Maschinen-Musik wieder zurückzuführen, wo man natürlich Kraftwerk als Beispiel nennen kann, oder auch dieser Loop-Gedanke, diese permanente Wiederholung und da haben wir auch diese Originalmusiken, jetzt Ravel oder Bruckner, Ligeti taucht auf, Varese taucht auf, haben wir eingebaut in diesem Klangkosmos. Wir wollten da so eine Art hypnotisches Bauhaus-Gebilde erstellen.

Trennung zwischen narrativem Hörspiel und Klangkunst aufheben

Christian Wittmann: Dazu haben wir auch noch ein Sound-Labor eingerichtet, also da geht‘s dann wirklich nur... also überhaupt nicht mehr um Narration, sondern um Sound und Musik, und haben in diesen Laboren geforscht und so eben auch dieses Spektrum jetzt von Hörspiel aufgebrochen, wo ja sonst immer so getrennt wird zwischen narrativem Hörspiel und Klangkunst - und in dem Bauhaus-Konzeptalbum, was wir versucht haben zu erschaffen, wollten wir diese Trennung einfach nicht mehr.

Georg Zeitblom: Und was für uns auch noch sehr oder was uns stark angefixt hat, war ein kleines Büchlein von einem sehr unbekannten Bauhaus-Schüler; Siegfried Ebeling; das heißt "Der Raum als Membran" und das wir natürlich sehr assoziativ benutzt haben und das für uns ja also fast ein Wegweiser durch die akustische Welt war.


"AUDIO.SPACE.MACHINE - Ein Bauhaus-Konzeptalbum" von Wittmann/Zeitblom.

Die Koproduktion von DLF, NDR Kultur und SWR 2 entstand in Zusammenarbeit mit IMF, der Interactive Media Foundation. Einzelne Tracks des mechanistisch-digitalen Klanguniversums werden in einer binauralen Fassung im Rahmen von 100 jahre bauhaus. Das Eröffnungsfestival vom 17. bis 24. Januar 2019 in Berlin präsentiert.

Die Ursendung dieses Hörspiels wurde im Deutschlandfunk am Samstag, dem 12. Januar 2019, um 20:05 Uhr gesendet.

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