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Länderreport | Beitrag vom 30.06.2020

Wirtschafts- und WährungsunionDas Märchen von der bankrotten DDR

Von Thilo Schmidt

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Eine Frau schiebt ein Fahrrad im Bildhintergrund. Im Vordergrund klebt ein Plakat mit einer D-Mark-Karikatur an der Mauer. Es trägt die Aufschrift: "Ätsch, jetzt habt ihr mich!" Darauf zu sehen ist eine D-Mark-Münze, die die Zunge herausstreckt. (imago / Sepp Spiegl)
D-Mark? Das ist lange her. Aber vor 30 Jahren wurde sie von vielen DDR-Bürgern kurz nach dem Mauerfall herbeigesehnt. (imago / Sepp Spiegl)

Helmut Kohl konnte es nach dem Mauerfall nicht schnell genug gehen mit der Einführung der D-Mark in der Noch-DDR. Aus heutiger Sicht, sagen kritische Stimmen, fußt die Währungsunion vor 30 Jahren auf einer Lüge – der von der zahlungsunfähigen DDR.

"Dies ist heute für uns ein wichtiger Tag. Es beginnt die tatsächliche Verwirklichung der Einheit Deutschlands. Die Währungs- Wirtschafts- und Sozialunion macht den Einigungsprozess unumkehrbar."

Lothar de Maiziere, Ministerpräsident der DDR, am 1. Juli 1990. Die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion mit der Bundesrepublik tritt in Kraft. Die Einheit beider deutscher Staaten ist damit nur noch eine Formsache.

Den Fahrplan bestimmte Helmut Kohl

Den Fahrplan zur D-Mark bestimmte im Wesentlichen Helmut Kohl mit wenigen Vertrauten. Friedrich Schorlemmer, Pfarrer und wortgewandter Bürgerrechtler aus dem Osten: "Alles richtete sich jetzt nicht mehr darauf, die Selbstbefreiung voranzubringen, und Strukturen der Demokratie aufzubauen, sondern: möglichst schnell Deutsche Einheit zu erreichen, D-Mark besitzen, Ende der Demütigung mit der Ost-Mark. Man wollte auch nicht mehr, wenn man zur Großtante in den Westen fuhr, 50 D-Mark kriegen und ansonsten dann seinen Verwandten auf der Tasche liegen."

Mit dem Fall der Mauer änderten sich die Rufe auf den Demonstrationen. Nicht mehr "Freie Wahlen" oder "Neues Forum zulassen" wird plakatiert, sondern "Freiheit statt Sozialismus", oder: "Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, geh’n wir zu ihr."

Gleichzeitig, bereits Ende 1989, macht sich eine Arbeitsgruppe im Finanzministerium Gedanken über eine Währungsunion.

Teistungen im Eichsfeld, 21. Januar 1990. Aus der "Tagesschau": "Zu einer symbolischen Massenflucht aus der DDR haben sich heute rund 60.000 DDR-Bürger in Teistungen bei Duderstadt versammelt. Mit Koffern und Umzugsgepäck gingen sie geschlossen über die Grenze in die Bundesrepublik. Sie wollten damit zeigen, wie viele Menschen bereit seien, auszureisen, falls die SED nach der Wahl am 6. Mai die Macht behalten sollte. Veranstalter der Aktion war die CDU der DDR-Region Eichsfeld."

DDR angeblich zahlungsunfähig

Am 6. Februar bietet Helmut Kohl Ministerpräsident Lothar de Maiziere an, sofort Verhandlungen über eine Währungsunion aufzunehmen. Ebenfalls am 6. Februar macht sich Horst Teltschik, engster Vertrauter Helmut Kohls im Kanzleramt, eine folgenreiche Notiz.

Der Hamburger Publizist Otto Köhler erinnert sich: "Teltschik nahm die Idee am 6.2. in sein gedrucktes Tagebuch auf: 'Unsere Überlegung: Wenn wir nicht wollen, dass sie zur D-Mark kommen, müssen wir ihnen die D-Mark bringen.' Das war am 6.2. Drei Tage später, am 9. Februar 1990, sagte er: 'Die DDR wird in wenigen Tagen völlig zahlungsunfähig sein'."

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"Tagesschau": "Guten Abend, meine Damen und Herren. Eine Kettenreaktion an Dementis haben heute Aussagen aus Bonner Regierungskreisen über die schwierige Lage in der DDR ausgelöst. Ein hoher Regierungsbeamter hatte von einer chaotischen Entwicklung gesprochen und nicht ausgeschlossen, dass die DDR in wenigen Tagen zahlungsunfähig sein könnte. Aus Ostberlin kam umgehend ein Dementi."

"… das ist eine so frappante Geschichte! Als dann Jahrzehnte später die Deutsche Bank so etwas über den Medienmogul Kirch sagte, wurde er tatsächlich zahlungsunfähig und klagte dann! Weil allein durch diese Bemerkung, er sei zahlungsunfähig, er zahlungsunfähig wurde, wenn es von der Deutschen Bank kommt. Und so ähnlich war die Geschichte ja auch mit Teltschik", sagt Köhler.

Mitte Februar reist eine Regierungsdelegation der DDR zum Deutsch-Deutschen Gipfel nach Bonn. Der Wunsch der DDR-Minister nach Hilfen für die Wirtschaft in der DDR, wird abgelehnt. Bonn hat sich längst entschieden, die entscheidenden Fragen geklärt.

Vor allem vom Geld war die Rede

Wenig später in Ostberlin, am Runden Tisch, beklagen sowohl Vertreter der alten Macht als auch die oppositionellen Bewegungen das erniedrigende Verhalten Kohls gegenüber der DDR-Regierung.

Der Bürgerrechtler Gerd Poppe, Minister ohne Geschäftsbereich im Kabinett Modrow, am Zentralen Runden Tisch, sagt heute: "Mir ist aufgefallen, dass eigentlich immer nur von Geld die Rede war von Seiten des Bundeskanzlers, es ging aber weder um die 40-jährige Geschichte der beiden Staaten, es ging auch nicht um die Akzeptanz einer spezifischen DDR-Identität."

Am 20. Februar, eine Woche später, eröffnet Helmut Kohl für die Ost-CDU den Wahlkampf in Erfurt. Die Volkskammerwahl ist auf den 18. März vorgezogen worden. Es kann nun nicht mehr schnell genug gehen: "Wenn Sie sich mit einer harten D-Mark die Ware kaufen können, die Sie wollen, wenn Sie frei über Ihr Leben entscheiden können, dann wird auch diese alte Stadt Erfurt, genau wie alle anderen Städte in der Bundesrepublik Deutschland, ein blühendes Gemeinwesen werden!"

Helmut Kohls Alleingänge stoßen auf Entsetzen, hüben wie drüben. Bundesbankpräsident Karl-Otto-Pöhl dazu: "Das halte ich doch für sehr fantastisch, diese Ideen und ich glaube, dass das eine Illusion ist, wenn man sich vorstellt, dass durch die Einführung der D-Mark in der DDR auch nur eines der Probleme, die die DDR hat, gelöst würde."

Karl-Otto Pöhl trat 1991, offiziell "aus persönlichen Gründen", als Chef der Bundesbank zurück. Helmut Kohl entschied weitgehend alleine: Zeitpunkt, Wechselkurs, Bedingungen. Bedenken von Ökonomen schiebt er beiseite.

Edgar Most, damaliger Vizechef der Zentralbank der DDR, sagt rückblickend: "Da kriegen Sie die ersten Minderwertigkeitskomplexe. Wo ist die Eigenständigkeit, wo ist die eigene Souveränität? Werden Sie überhaupt nicht geachtet? Wer sind Sie eigentlich?"

"Tagesschau": "Die Einführung der D-Mark in der DDR ist nach Einschätzung der beiden deutschen Staaten bestens vorbereitet. In zwei Tagen ist es soweit, dann gibt es in ganz Deutschland nur noch eine Währung. – Karawane aus dem Westen. An den innerdeutschen Grenzübergängen wie hier in Herleshausen staute sich heute wie seit Tagen der LKW-Verkehr. Zwei Tage vor der Währungsunion rollen ständig Lastwagen von West nach Ost. An Bord fast alles, vom Joghurtbecher bis zum Luxusauto."

Die D-Mark wurde gefeiert wie eine Heilige

In der DDR werden Westprodukte in die Regale geräumt. Am Alexanderplatz in Berlin entsteht eine Filiale der Deutschen Bank, die am 1. Juli um Mitternacht öffnen soll. Der Platz ist voll, mehrfach in der Nacht müssen Geldtransporter neues Geld bringen.

"Halleluja, halleluja. Halleluja D-Mark." Die D-Mark ist da, und sie wird gefeiert wie eine Heilige: "Endlich fühlt man sich als gleichberechtigter Mensch zu der anderen Hälfte vom deutschen Land!"

Was folgte, war ein beispielloser Niedergang der Wirtschaft. Absatzmärkte in Osteuropa brachen weg und auch im eigenen Land kaufte kaum noch jemand die eigenen Waren. Ministerpräsident Lothar de Maiziere sagte am 1. Juli 1990 im DDR-Fernsehen:"Niemand soll vergessen, was die Mark der DDR heute, auf einem freien Markt, wirklich wert wäre. Nicht alle Blütenträume, die manche mit dem Staatsvertrag verbunden haben, konnten in Erfüllung gehen. Aber niemandem wird es schlechter gehen als bisher, im Gegenteil."

"Die Leute haben einen groß angeguckt, wenn man gesagt hat: Wenn ihr das jetzt wollt, das hat Folgerungen", erinnert sich der 2013 verstorbene Lothar Bisky. "Das hat Folgerungen für eure sozialen Verhältnisse, für die Arbeitsverhältnisse, und so weiter und so fort. Es kam mir immer wieder entgegen, in verschiedenen öffentlichen Veranstaltungen: Das können die mit uns doch nicht machen. Das können die mit uns doch nicht machen! Ja Pustekuchen. Sie ham's gemacht."

Die Währungsunion begann mit einem Märchen: Die DDR war gar nicht zahlungsunfähig, so wie es ein Bonner Spitzenbeamter im Februar 1990 lancierte. Sie hatte sogar ein "respektables Liquiditätspolster", heißt es 1999 in einem Bericht der Bundesbank.

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