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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 03.06.2020

Wirtschaft in SpanienCorona hat richtig „reingeknallt“

Marc Dugge im Gespräch mit Isabella Kolar

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Bars and Restaurants sind geschlossen, die Sonnenschirme eingeklappt auf den Straßen von Cugat del Valles, einer normalerweise geschäftigen Stadt mit rund 90.000 Einwohnern außerhalb Barcelonas. (VWPics/laif)
Trotz aller Lockerungen - Spanien ist eines von der Coronapandemie am schlimmsten betrofffenen Länder. Das hat auch wirtschaftliche Folgen. (VWPics/laif)

In Spanien sind die traumatischen Erinnerungen an die große Wirtschaftskrise vor zehn Jahren noch frisch. Damals litt die Bevölkerung unter drastischen Sparmaßnahmen. Nun droht wegen Corona der nächste wirtschaftliche Crash.

Am 12. Mai 2010 verkündete der damalige spanische Ministerpräsident Zapatero im Parlament drastische Sparmaßnahmen, die er selbst als "hart und schmerzlich" bezeichnete. Ursache sei eine geplatzte Immobilienblase gewesen, die die Banken Spaniens in eine Schieflage gebracht habe, sagt Marc Dugge, unser Korrespondent in Madrid.

Porträt von Jose' Louis Zapatero 2010, damaliger Ministerpräsident von Spanien. (laif/ A3/contrasto/Augusto Casasoli/)Der Überbringer schlechter Nachrichten - José Louis Zapatero, damaliger Ministerpräsident, im Mai 2010 bei seiner Rede im Parlament in Madrid. (laif/ A3/contrasto/Augusto Casasoli/)

Die Folge seien unter anderem eine Nullrunde für Rentner, Gehaltskürzungen sowie eine sogenannte "Flexibilisierung" des Arbeitsmarktes gewesen, durch die Arbeitnehmer Verträge mit kürzeren Laufzeiten bekamen und schneller gekündigt werden konnten. Zwischen 2007 und 2013 sei die Arbeitslosigkeit in Spanien sprunghaft angestiegen, so Dugge.

Fatale Folgen für Tourismus und Autoindustrie

Zehn Jahre später laufe die Wirtschaft jetzt nach dem Corona-Lockdown in Teilen wieder an, sagt unser Spanien-Korrespondent, aber es sei ein langsames Wiederhochfahren. Tourismus und Autoindustrie seien sehr wichtige Branchen für Spanien, da habe die Coronakrise richtig "reingeknallt". Derzeit gebe es im Land fast 3,9 Millionen Arbeitslose. Die Zentralbank von Spanien erwarte, dass die Wirtschaft in diesem Jahr zwischen 9,5 und 12,4 Prozent schrumpfen könnte.

Die Gastronomie und der Tourismussektor hätten bei der Regierung heftig Druck gemacht, damit ab dem 1. Juli wieder ausländische Touristen ins Land kommen können, um die Tourismussaison wenigstens in Teilen noch zu retten. Aber trotz allem werde es – mangels voller Auslastung – wohl ein "schwarzer Tourismussommer" werden, so die Prognose von Marc Dugge.

Es habe ein Hilfspaket von 200 Milliarden Euro zur Unterstützung der einheimischen Wirtschaft gegeben, das Ministerpräsident Sánchez schon sehr früh angekündigt habe. Viele Menschen seien in Kurzarbeit gegangen, im Moment seien das noch drei Millionen Spanier. Dadurch habe sich die Krise noch nicht so deutlich manifestiert, das werde sich erst langfristig zeigen, sagt Dugge. Betroffen seien vor allem wieder junge Spanier, die sich von der letzten Wirtschaftskrise noch nicht richtig erholt hätten.

Ministerpräsident Pedro Sanchez nimmt in Brüssel an EU Treffen teil im Februar 2020. (laif/ Xinhua/ Zheng Huansong)Die spanischen Konservativen werfen der sozialistischen Regierung unter Ministerpräsident Pedro Sánchez vor, sie habe viel zu spät auf die Corona-Krise reagiert. (laif/ Xinhua/ Zheng Huansong)

Die Oppositionsparteien, die der spanischen Regierung ein chaotisches Krisenmanagement vorwerfen, hätten in mehreren spanischen Städten zu Protesten aufgerufen, berichtet unser Korrespondent. Immer mit dabei sei die rechtsextreme Partei "Vox", die den Rücktritt der Regierung Sánchez fordere.

Regierung hofft auf EU-Hilfe

Laut Marc Dugge sieht die Regierung Sánchez es wiederum als ihren Erfolg an, dass die Europäische Kommission vor einer Woche unter der Leitung von Präsidentin Ursula von der Leyen einen Wiederaufbauplan vorgelegt hat, von dem vor allem Spanien und Italien profitieren würden.

Aktuell würden viele Unternehmen mit einer besseren Bilanz in diese Krise gehen als 2010. Demgegenüber hätten aber auch viele private Haushalte möglicherweise weniger Reserven als bei der letzten Wirtschaftskrise, so das Fazit unseres Korrespondenten in Madrid.

(ik)

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