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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 08.09.2015

WirtschaftDie Mär vom Fachkräftemangel

Von Benedikt Müller

Baustein mit der Aufschrift "Fachkraft" (dpa / Stephanie Pilick)
Je nach Blickwinkel haben wir bald einen Fachkräftemangel - oder eben nicht. (dpa / Stephanie Pilick)

Wenn man manchen Prognosen glauben schenkt, steht es in zehn Jahren schlecht um die deutsche Wirtschaft, denn dann fehle es erheblich an Fachkräften. Skeptiker sagen, das sei nur Propaganda, um die Löhne niedrig zu halten.

Wer eine Prognose zum Fachkräftemangel liest, der verliert schnell den Glauben an die Exportnation Deutschland. Schon in zehn Jahren sollen hierzulande sechs Millionen Fachkräfte fehlen, schätzt die Bundesagentur für Arbeit. Verbände warnen vor Milliardenschäden für die Volkswirtschaft.

Doch bei solchen Vorhersagen ist Vorsicht geboten, sagt Karl Brenke, Arbeitsmarktexperte beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung:

"Ich finde das schon bisschen tollkühn, was da in manchen Prognosen von sich gegeben wurde. Die ganzen Einflüsse kann man nicht berücksichtigen, zumal man sie zum Teil gar nicht kennt und weil man die Daten dafür nicht hat."

Schon für das Jahr 2014 hatten arbeitgebernahe Institute einen großen Mangel an Ingenieuren und Informatikern vorausgesagt. Doch die Realität sieht anders aus. Zurzeit entspannt sich die Lage bei diesen akademischen Berufen, sagt die Bundesagentur für Arbeit. Das Mantra vom Fachkräftemangel hat nämlich Wirkung erzielt, erklärt Brenke:

"Die Arbeitgeber haben geklagt, die jungen Leute haben reagiert: Sie sind in Massen in die Unis geströmt. Ingenieurswissenschaften sei nach Betriebswirtschaftslehre mittlerweile das zweitbeliebteste Fach."

Niedrige Geburtenrate führt nicht automatische zu Fachkräftemängel

Auch die niedrige Geburtenrate muss nicht automatisch zu einem Mangel an Arbeitskräften führen. Schließlich arbeiten die Menschen heute viel produktiver als früher – und gehen später in Rente. Und ein wichtiger Faktor in diesen Tagen: die Zuwanderung.

Karl Brenke: "Wir haben einen riesigen, offenen europäischen Arbeitsmarkt mit einer hohen Unterbeschäftigung. Und in vielen Ländern ist die Jugendarbeitslosigkeit dadurch geprägt, dass viele qualifizierte junge Leute keinen Job finden. Hier haben wir ein riesiges Reservoir, was auch dem deutschen Arbeitsmarkt offensteht."

Eine Branche, in der es wirklich einen Fachkräftemangel gibt, ist das Gesundheitssystem: Es fehlt an Pflegern und Ärzten auf dem Land. Doch der Grund ist nicht die schrumpfende Bevölkerung, sagt Gerd Bosbach, Statistikprofessor am Rhein-Ahr-Campus in Remagen:

"Wenn wir einen Ärztemangel in Deutschland haben, dann liegt das daran, dass wir einen Numerus clausus von 1,0 bis 1,4 haben. Seit Jahrzehnten wollen ganz viele junge Leute Medizin studieren – wir lassen sie nicht, weil es uns zu teuer ist."

Gerede vom Fachkräftemangel nutzt der Wirtschaft

Allgemein glaubt Bosbach: Wenn es wirklich einen Fachkräftemangel gibt, müsste sich die Wirtschaft gegenüber den jungen Menschen ganz anders verhalten:

"Indem sie ihnen relativ hohe Gehälter anbieten, indem sie ihn sichere Arbeitsplätze bietet und keine Zeitverträge. Sie würden auch Leute nehmen, die nicht ganz so passend qualifiziert sind."

Doch in Wahrheit steigen die Gehälter in Deutschland nur kaum. Deshalb sind Skeptiker überzeugt: Die Unternehmen reden immer wieder vom Fachkräftemangel, um zu verhindern, dass er wirklich mal kommen könnte.

Bosbach: "Der Hauptnutznießer der Diskussion über Fachkräftemangel sind die Arbeitgeber, denn es werden Fachkräfte zusätzlich ausgebildet oder billig aus dem Ausland reingeholt – und damit können sie die Preise der Fachkraft drücken."

Mehr zum Thema:

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