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Thema / Archiv | Beitrag vom 12.04.2013

"Wirkliches Nationalmuseum" der Niederlande

Kunsthistoriker ist fasziniert vom neu eröffneten Rijksmuseum

Wulf Herzogenrath im Gespräch mit Dieter Kassel

Rijksmuseum in Amsterdam (picture alliance / dpa Foto: Koen Van Weel)
Rijksmuseum in Amsterdam (picture alliance / dpa Foto: Koen Van Weel)

Die Niederländer lieben ihr Rijksmuseum mehr, als die Deutschen vergleichbare Häuser lieben. Das Erfolgsrezept des Amsterdamer Museums, das nach zehn Jahren Umbau wieder eröffnet wird, ist für den Kunsthistoriker und Kurator Wulf Herzogenrath die Beschränkung.

Dieter Kassel: Als das Rijksmuseum 1885 in Amsterdam eröffnet wurde – vorher befand es sich nämlich seit seiner Gründung im Jahre 1800 in Den Haag –, damals in Amsterdam strömten in den ersten drei Monaten 250.000 Menschen in dieses Museum. Das ist eine erstaunliche Zahl, wenn man bedenkt, dass die Niederlande damals rund vier Millionen Einwohner hatten.

Wenn nun morgen Königin Beatrix das Rijksmuseum nach zehnjähriger Renovierung wiedereröffnet, dann dürfte allerdings diese Besucherzahl wohl schon sehr viel schneller erreicht werden. Was aber macht das Rijksmuseum so besonders? Welche Rolle spielt es für die Niederlande, aber auch für die ganze Welt? Darüber wollen wir jetzt mit Wulf Herzogenrath sprechen, Kunsthistoriker, Kurator und unter anderem, neben vielen anderen Berufen, ehemaliger Direktor der Kunsthalle Bremen. Schönen guten Tag an Sie!

Wulf Herzogenrath: Ja, guten Tag!

Kassel: Warum so viele Leute da hingehen und hingehen werden, kann man auf der einen Ebene ja sehr einfach erklären: Ich sage nur "Nachtwache", eines der vielen, vielen, ganz berühmten Gemälde, die in diesem Museum hängen. Aber kann man das Rijksmuseum darauf reduzieren? Ist es wirklich nur eine ganz spezielle Gemäldegalerie?

Herzogenrath: Also das ist sicher das, was der Deutsche als besondere Anziehung nimmt. Aber für den Holländer – und ich glaube, so müssen wir ja anfangen, und die 250.000 ersten Besucher werden sicherlich erst mal nicht nur Amsterdamer, sondern wirklich Niederländer sein –, die sehen das als ihr Nationalmuseum. Und da haben wir schon den Begriff natürlich, Rijksmuseum, und unsere Übersetzung, ist genau die Frage, was wäre denn das Pendant in Deutschland? Und es ist eben gar nicht so sehr die Nationalgalerien, müssen wir ja schon als Plural sagen, sondern es wäre eher so das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg.

Wir Deutschen sehen die große Malerei des goldenen Zeitalters, Franz Hals, Vermeer, Jan Steen und natürlich Rembrandt. Aber der Holländer sieht seine Nationalgalerie von den frühen Zeiten und zwar auch bis ins 20. Jahrhundert. Und was die Sache ausmacht, ist das, was wir Kunst- und Wunderkammer nennen, eben nicht nur ein Kunstmuseum, sondern das, was für die Nation, für den Bürger einer Nation interessant ist. Das geht von Rüstungen bis Spielzeug bis anderen Dingen. Und das ist auch wieder so inszeniert worden. Das heißt, es ist ein sehr viel umfassenderes Museum, und von daher für die Niederländer eine ganz andere, ja, sage ich ruhig mal, emotionale Qualität als jedes vergleichbare deutsche Museum. Vielleicht können wir darauf ja noch mal eingehen.

Alles in einem Haus

Kassel: Können wir machen, aber machen wir es doch sogar noch internationaler: Wenn man von der Bedeutung, von der Bekanntheit das Rijksmuseum mit dem Louvre oder – wieder ein ganz anderer Fall – mit dem British Museum vergleichen will, kann man dann trotzdem sagen, so wie Sie es gerade schon erklärt haben, dass vielleicht das Rijksmuseum sogar das konsequenteste wirkliche Nationalmuseum ist?

Herzogenrath: Im Grunde ja, und dann, natürlich könnte man, wenn wir jetzt europäisch denken, auch sagen: Donnerwetter, es ist sehr beschränkt. Aber in dieser Beschränkung liegt eine Kraft und eine, ja, sagen wir ruhig, innere Konsequenz, die in keinem anderen deutschen Museum und eigentlich erst recht auch nicht in den großen europäischen, die Sie gerade genannt haben, ob nun in London oder in Paris.

Dort wird immer wieder doch der breite Aspekt – also die italienische Malerei genauso wie die englische Malerei in Deutschland oder so – gezeigt. Also wir versuchen in den anderen großen Museen eigentlich immer, doch die ganze Breite zu zeigen und es nicht so sehr zu verengen auf die nationale Geschichte. Aber umgekehrt: Da die nationale Geschichte des 17. Jahrhunderts mit Rembrandt und Vermeer und solchen wunderbaren großen Geistern natürlich so stark ist, dass es ausreichend anziehend ist, nimmt der Ausländer, der dorthin kommt, die Essenz mit, und der Niederländer nimmt eigentlich sozusagen die Emotion mit und das Ganze, was ein Museum eigentlich ausmachen könnte.

Dort ist eine Spielstube, eine Puppenstube aus dem 17. Jahrhundert, dort ist eine Rüstung, bis hin zu der eigentümlichen Darstellung eines Flugzeugs, was da den Ersten Weltkrieg charakterisiert oder auch mit zwei, drei eigentümlichen Akzenten die Nazizeit, die Besetzung. Das heißt, es ist alles vermischt, was eigentlich den Holländer interessiert – neben der großen Malerei des goldenen Zeitalters.

Kassel: Hat sich das nur speziell im Rijksmuseum so entwickelt oder haben wirklich die Niederländer auch historisch gesehen eine andere Art des Sammelns?

Wulf Herzogenrath (Ingo Wagner / Kunsthalle Bremen)Kunsthistoriker Wulf Herzogenrath (Ingo Wagner / Kunsthalle Bremen)Herzogenrath: Sie haben sich beschränkt im guten Sinne. Ich erwähnte vorhin kurz, dass … wäre unser vergleichbares Museum das Germanische Nationalmuseum, im Namen klingt ja genau dasselbe an, eben in Nürnberg, wo natürlich Dürer und die altdeutsche Malerei auch auf demselben großen Niveau ist, aber es ist nie so populär geworden.
Diese emotionale Qualität, obwohl sie ähnlich strukturiert sind, dort ist ja auch, ich weiß nicht, über eine Million Objekte, Archive, eine Riesen-Bibliothek, alles das, was das Rijksmuseum ausstattet, nur dass die große Kunst neben Dürer, sagen wir, das große 19. Jahrhundert, Caspar David Friedrich oder Liebermann sind eben dort sehr, ja, ich will jetzt den Kollegen nicht zu nahe treten, aber in sehr kleinen Beispielen nur vertreten.

Und wenn ich eben deutsche Malerei mir angucken will, dann gehe ich eben doch in die Alte Nationalgalerie. Vergleichbar können wir sozusagen das nicht aufbauen, weil wir in Deutschland die Museen zu groß haben werden lassen, dass wir sie dauernd wieder geteilt haben. Wir haben also die Gemäldegalerie, wir haben die Alte Nationalgalerie, wir haben die Neue Nationalgalerie, wir haben den Hamburger Bahnhof. Das heißt, allein um selbst die deutsche Kunst von, weiß nicht, Dürer bis Beuys anzugucken, muss ich mindestens auch alleine in Berlin in fünf Museen, dasselbe in München. Dann kann man verstehen, wie diese ganzheitlichen Museen – und das ist eben, glaube ich, der Charme und der, ja, ich sage mal wirklich, das emotionale Besondere des Rijksmuseums –, … dass dort eine Identität einer Nation sich wiedergibt.

Kassel: Beneiden Sie – für mich hört sich das ein bisschen so an jetzt, Herr Herzogenrath –, beneiden Sie die Niederländer ein bisschen um dieses Museum, nicht nur wegen der Kunstwerke, da haben wir auch wunderbare Dinge in unseren Museen, aber wegen dieser Art der Zusammenstellung? Oder muss man nicht auch sagen, es würde natürlich, wenn die Niederlande nur ein bisschen größer wären, würde natürlich schon auch irgendwann die Gefahr der Unübersichtlichkeit drohen, wenn das alles nur an einem Ort ist? Oder sehen Sie das nicht?

Beatrix bleibt bis zur Eröffnung Königin

Herzogenrath: Ja. Man könnte es auch natürlich negativ sagen: Warum haben die keine deutsche Malerei, oder warum zeigen sie ihren Bürgern eben nicht italienische Malerei? Aber die Konzentration ist was Positives, sicherlich, aber weshalb Sie vielleicht meinen positiven Ton herausgehört haben: Ich war eben 17 Jahre in der Kunsthalle Bremen, wo wir von Dürer bis Paik die gesamte Kunst auf Papier und in Malerei und Skulptur zusammen haben und dann auch mischen können. Unsere großen Museen werden sozusagen zeitlich immer kleiner und schrumpfen auf eine Periode.

Nehmen Sie Köln: Das Wallraf-Richartz-Museum muss am 31. Januar 1899 aufhören und das Museum Ludwig an einem ganz anderen Ort mittlerweile darf dann ab 1. Januar 1900 anfangen. Ja, wie soll ich denn sozusagen einen Lauf der Geschichte meines Landes – um es mal einfacher zu sagen – oder den Lauf der Kunstgeschichte verstehen, wenn ich dauernd nicht nur die Säle durchwandern, sondern immer neue Häuser … hingehen muss?

Königin Beatrix ist extra so lange im Amt geblieben, dass sie es nun morgen noch selber eröffnen kann. Dann tritt sie zurück. Ich glaube, das würde unsere Kanzlerin oder unser Präsident würden die Bedeutung eines Museums nie so hoch hängen, dass das mit ihrer eigenen Regentszeit zusammenhängen darf. Dieses zeigt diese ganze emotionale Qualität, die dort mit dem Rijksmuseum verbunden ist.

Kassel: Wenn wir jetzt mal einige sehr große und berühmte Museen nehmen, gehen wir vielleicht sogar über Europa hinaus, nehmen wir meinetwegen noch Nordamerika mit rein – wo steht da das Rijksmuseum? Es steht sehr allein, weil es so speziell ist zum Teil, das haben Sie schon ausführlich erklärt. Aber kann man es dann überhaupt wirklich in seiner Bedeutung – seiner internationalen Bedeutung, nicht für die Niederlande – mit dem Louvre, mit vielleicht auch dem Prado, dem British Museum, das wieder eine ganz andere Art hat zu arbeiten, vielleicht amerikanischen Museen vergleichen?

Herzogenrath: Also eigentlich, wenn wir ehrlich sind, nicht. Wunderbar natürlich, wie gesagt: Das holländische 17. Jahrhundert ist, ich will nicht sagen, einmalig, aber natürlich so besonders großartig da, aber eben alle anderen europäischen Kulturepochen sind eben überhaupt nicht vorhanden. Und von daher sind die großen Museumskomplexe eben natürlich doch sehr viel reicher, sehr viel breiter angelegt, und sind für einen Besuch vielleicht deshalb aber auch schwierig, weil man diese Breite ja als Besucher mit ein, zwei Besuchen gar nicht wahrnehmen kann.

Für Besucher so gut wie Louvre

Für den Besucher ist so etwas wie die Konzentration im Rijksmuseum wirklich hervorragend. Das heißt, der einzelne Besucher wird die vergleichbaren Besuche, Louvre oder Rijksmuseum, auf die gleiche Höhe bringen, weil er mehr als, ich sage jetzt mal, 100, 150 Meisterwerke gar nicht wahrnehmen kann. Die anderen 1000 im Louvre sind für ihn eigentlich nicht da.

Von daher: Subjektiv ist es auf der selben Höhe. Aber als Fachmann muss man natürlich zugeben: Die Breite des Metropolitan Museum, des British Museum, ja von Antike angefangen oder noch vor Antike – da sind natürlich solche Riesentanker wie Metropolitan oder Louvre sind natürlich da doch weit, weit weg von diesem kleinen Diamanten Rijksmuseum.

Vielleicht kann man es noch mal steigern: Eins meiner Lieblingsmuseen ist das Mauritshuis in Den Haag, was im Grunde nur 50 wichtige Bilder hat, aber so wichtige, wunderbare Bilder in einem Privatschlösschen, ähnlichen Environment, dass man eigentlich voll erfüllt ist und zufrieden ist und sagt, ja, ich kann eigentlich gar nicht mehr aufnehmen – das ist ein wunderbarer Museumsbesuch.

So gesehen hat Holland da in dieser Kleinheit, in der Konzentration auch einfach eine wunderbare Chance genutzt, und man sollte es jetzt nicht kritisieren und sagen, ihr müsst breiter denken, ihr müsst europäisch sein, ihr müsst jetzt Italiener sammeln. Das war auch im 19. Jahrhundert für Bürger schon gar nicht mehr machbar.

Kassel: Der Kunsthistoriker Wulf Herzogenrath über das Rijksmuseum in Amsterdam, das morgen von der niederländischen Königin Beatrix nach zehn Jahren Renovierung wiedereröffnet wird.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Homepage Rijksmuseum Amsterdam

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