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Religionen / Archiv | Beitrag vom 15.09.2012

"Wir werden euch nicht alleine lassen"

Demonstrative Solidarität zwischen deutschen Muslimen und Juden

Von Matthias Bertsch

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Kenan Kolat, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland, will der Jüdischen Gemeinde beistehen. (picture alliance / dpa / Marc Tirl)
Kenan Kolat, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland, will der Jüdischen Gemeinde beistehen. (picture alliance / dpa / Marc Tirl)

Juden und Muslime sind in Berlin gemeinsam auf die Straße gegangen – für die Freiheit ihrer Religionsausübung. Sie haben genug von den aggressiven Tönen der Beschneidungsdebatte und den Anfeindungen, sie seien Anhänger archaischer Bräuche.

Lala Süsskind ist ihre Verärgerung anzumerken. Die ehemalige Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und jetzige Leiterin des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus hält sich nicht lange mit Vorreden auf, sondern kommt sofort zur Sache. Die deutsche Diskussion über ein Beschneidungsverbot für Juden und Muslime sei unerträglich:

"Dass intolerante und imkompetente Menschen sich dazu geäußert haben, egal ob sie Müller oder wie auch immer heißen, hat mich erschreckt. Was mich noch mehr erschreckt hat, ist, dass Menschen da raufgesprungen sind: Endlich können wir den Muslimen und den Juden in der Stadt etwas heimzahlen. Wir haben hier wahrscheinlich viel zu lange ruhig gelebt und ich muss Ihnen sagen, dagegen wehren wir uns."

Unter den rund 350 Teilnehmern der Demonstration auf dem Berliner Bebelplatz sind viele, die sich als Juden zu erkennen geben. Einige tragen eine Kippa, andere T-Shirts mit der Aufschrift: "Bist du Jude?" und darunter ein klares "Ja". Auch Tamara und Sigmund haben sich ein solches T-Shirt angezogen, denn für sie ist klar: Sie wollen Flagge zeigen.

Tamara: "Im Internet geht es mittlerweile so weit, dass einfach ganz klar, und das haben wir alle erlebt, da steht: Wenn es euch nicht passt, geht doch nach Hause, und damit sind wir ein Teil außerhalb dieser Gesellschaft, und das ist auch so etwas, was viele von uns zurzeit empfinden, und um dagegen auch was tun und anderen die Möglichkeit zu bieten und ein Forum zu bieten, ist einer der Gründe für diese Demonstration."
Sigmund: "Ich möchte noch ergänzen: Viele haben das Kölner Urteil und die danach erfolgte Reaktion als Schlag ins Gesicht empfunden. Es war eigentlich immer, ich geh mal von der Annahme aus: Jüdisches Leben in Deutschland ist erwünscht von der Gesellschaft, und diese Annahme muss zumindest mit einem Fragezeichen versehen werden."

Viele Muslime haben ähnliche Erfahrungen der Ausgrenzung gemacht – und doch ist die Kundgebung auf dem Bebelplatz ein Novum, betont der Publizist Micha Brumlik am Rande der Demonstration:

"Das ist eine Premiere für Deutschland. Es hat, soweit ich weiß, bisher keine gemeinsamen Demonstrationen jüdischer und muslimischer Organisationen gegeben."

Von den gut 50 Organisationen, die die Demonstration unterstützen, sind zwar die meisten jüdisch, aber auch die Berliner Sehitlik Moschee und der Türkische Bund Berlin-Brandenburg haben den Aufruf zur Kundgebung unterzeichnet. Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, lässt bei seiner Rede keinen Zweifel daran, dass Juden und Muslime nicht nur in Sachen Beschneidung Verbündete seien. Die Solidarität gehe tiefer, betont er mit Blick auf die brutale Attacke auf einen liberalen Rabbiner, der vor zwei Wochen in Berlin von vermutlich arabischstämmigen Jugendlichen zusammengeschlagen wurde:

"Auch die Debatte über Antisemitismus unter Muslimen müssen wir aufgreifen. Letzte Woche waren wir auf einer anderen Veranstaltung, wo wir gemeinsam gegen antisemitische Haltungen und Übergriffe an Herrn Alter … Und weitere Übergriffe gab es da. Sie können sicher sein, Sie haben die volle Unterstützung der türkischen Gemeinde. Wir werden euch nicht alleine lassen, wir werden unter den Muslimen, wenn es solche Idioten gibt, die werden von uns auch entsprechende Hinweise kriegen und wir werden gemeinsam kämpfen."

Kolats Bemerkungen sind eine Reaktion auf Dieter Graumann. Der Präsident des Zentralrats der Juden hatte nach dem Überfall die muslimischen Verbände in Deutschland aufgefordert, sich entschlossener gegen Antisemitismus in den eigenen Reihen zu wenden. Auch der Sprecher des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus, Levi Salomon, der die Kundgebung auf dem Bebelplatz organisiert hat, unterstützt Graumanns Aufruf, doch er will das Problem nicht überbewerten:

"Es gab gewisse Probleme mit einigen kleinen Kreisen, das sind die Menschen, welche auf bestimmte Religionen übertragen die Nahost-Problematik, hier auf den deutschen Boden, aber mit unseren muslimischen Mitbürgern haben wir immer viel Einigkeit gehabt. Die jüdisch-muslimische Allianz, das war immer da."

Aber stimmt das wirklich? Die Redner der Kundgebung demonstrieren zwar jüdisch-muslimische Einigkeit, doch die Zahl der muslimischen Demonstrationsteilnehmer auf dem Bebelplatz ist erstaunlich gering – zumindest geben sie sich nicht als solche zu erkennen. Ahmad Mansour stellt denn auch in Frage, ob die gemeinsame Kundgebung Ausdruck einer tiefen Verbundenheit ist. Der Palästinenser ist Psychologe und in Israel aufgewachsen. Seit fünf Jahren arbeitet er in verschiedenen Berliner Projekten mit muslimischen Jugendlichen. Seine Erfahrung aus der Praxis lautet: Antisemitismus ist in den muslimischen Communities weit verbreitet, aber die meisten muslimischen Verbände scheuen davor zurück, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen:

"Es wird immer verharmlost, es wird immer gesagt: Das hat mit dem Islam, mit unseren Jugendlichen nichts zu tun, und ich sehe das genau anders. Ich sehe, das hat mit dem Islam viel zu tun, mit bestimmten Auslegungen des Islam und ich finde es wichtig und demokratisch und unverzichtbar, dass die Muslime sich mit dem Thema auseinandersetzen, weil das Problem ist da."

Was in Moscheen Kritisches über Juden gesagt wird, wird – angeheizt durch das Reizthema Israel – auf der Straße oder auf Schulhöfen schnell zur offenen Diskriminierung.

Ahmad Mansour: "Wir haben einen Großteil mit Jugendlichen zu tun, die wenig Informationen über Antisemitismus, über den Nahostkonflikt haben. Sie kriegen einseitig durch arabische oder türkische Medien diese Information und sie sind nicht reflektiert, und es ist so, dass das Wort Jude zum Beispiel ein Schimpfwort ist, dass Menschen mit Migrationshintergrund, ohne jetzt zu verallgemeinern, aber das ist ein verbreitetes Phänomen, Juden als dreckig, als Leute, die die Welt beherrschen, Leute, mit denen man nichts zu tun haben will, es ist einfach so."

Auch Lala Süsskind, die auf dem Bebelplatz die gemeinsamen Ausgrenzungserfahrungen von Juden und Muslimen betont hat, weiß, dass im täglichen Zusammenleben in Berlin von einer jüdisch-muslimischen Allianz kaum die Rede sein kann:

"Ich habe gerade einen Artikel gelesen in der Jüdischen Allgemeinen, da haben sie Menschen interviewt, muslimische Menschen aus Neukölln, aus Wedding, was sie über Juden denken. Nicht über Beschneidung, sondern über Juden. 'Dreckjuden, ist doch dem Rabbiner richtig passiert, was läuft der auch mit so 'ner Scheiß-Kippa rum'. Und dann wurden sie gefragt: Kennt ihr Juden? Nee! Wissen Sie was: Das sind Sachen, da muss noch viel getan werden."

Eine gesellschaftliche Ächtung des Antisemitismus in muslimischen Communities, mehr persönliche Kontakte zwischen Juden und Muslimen und vor allem: Bildung, Bildung, Bildung, ohne diese Zutaten wird die jüdisch-muslimische Solidarität wohl auf die guten Kontakte zwischen den Repräsentanten der Religionsgemeinschaften und Kulturvereine beschränkt bleiben. Und wie tragfähig eine jüdisch-muslimische Allianz im Krisenfall sein wird, das wird sich erst noch zeigen müssen.

Tamara: "Wir können alle froh sein, dass es derzeit keinen Krieg gegen den Iran gibt, denn dann wären wir in derzeitigen Situation noch viel stärker im Fokus und im Angriff. Das ist einfach so, dass diese Dinge immer zusammen gebracht werden. Aber ich denke, dass hier Juden und Muslime zusammen demonstrieren für eine Sache, hat natürlich auch schon 'ne Bedeutung, also ungeachtet aller politischen Differenzen, Widrigkeiten ist das ein Ort, an dem es um eine bestimmte Sache geht, an der wir alle zusammen arbeiten und das könnte einfach ein Anfang sein."

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