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Fazit / Archiv | Beitrag vom 11.07.2012

"Wir sind die Letzten, die unsere Alten Meister für Jahre in die Depots schicken"

Kampf um die Gemäldegalerie: Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz wehrt sich gegen den Sturm der Kritik

Von Jürgen König

Ein Besucher der Gemäldegalerie des Kulturforums in Berlin betrachtet Gemälde aus der Renaissance von Sandro Botticelli. (dpa / picture alliance / Tim Brakemeier)
Ein Besucher der Gemäldegalerie des Kulturforums in Berlin betrachtet Gemälde aus der Renaissance von Sandro Botticelli. (dpa / picture alliance / Tim Brakemeier)

Eine geschenkte Surrealisten-Sammlung schafft Platzprobleme und ein Umzugsplan für Berlins "Alte Meister" erregt die Gemüter. Doch Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, verteidigt die Idee, diese Gemälde auf die Museumsinsel zurückzubringen.

"Rettet die Gemäldegalerie!" titelten gleichermaßen die Süddeutsche Zeitung, die ZEIT und die FAZ, nachdem der Haushaltsausschuss des Bundestages der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zusätzliche zehn Millionen Euro bewilligt hatte, um damit die Gemäldegalerie am Berliner "Kulturforum" zusammen mit der benachbarten Neuen Nationalgalerie zu einem "Museum des 20. Jahrhunderts" umbauen und darin auch die geschenkte Surrealisten-Sammlung des Ehepaars Ulla und Heiner Pietzsch aufnehmen zu können.

Denn dazu muss die weltberühmte Sammlung der "Alten Meister", für die die Gemäldegalerie eigens gebaut und 1998 eröffnet worden war, umziehen: Teile der Sammlung sollen im Bode-Museum gemeinsam mit den dortigen Skulpturen gezeigt werden, vieles wird indes für Jahre, manche fürchten, für Jahrzehnte im Depot verschwinden. Heftig waren die Proteste über dieses "Debakel kopfloser Kulturpolitik", wie die FAZ es nannte; vom "drohenden Kulturkampf" ist die Rede. Der Verband deutscher Kunsthistoriker protestierte in einem Offenen Brief an Kulturstaatsminister Neumann "aufs Schärfste" gegen die Pläne, mit den "Alten Meistern" auf die Museumsinsel zu ziehen. Der Verbandsvorsitzende Georg Satzinger:

"Es ist sicherlich eine gute Idee, das langfristig als Ziel sich zu setzen. Da ist eigentlich niemand dagegen. Das Problem ist nur jetzt, dass man den durch diese Schenkung entstandenen Druck dazu nutzen will, diese gerade erst sichtbar gewordenen, hochkarätigen Sammlungen wieder auf unbestimmte Zeit nur noch zur Hälfte auszustellen. Das finden wir unverantwortlich."

Er freue sich sehr, dass die Sammlung Pietzsch in Berlin gezeigt werden kann, sagt Georg Satzinger, aber der Ort dafür könne auf gar keinen Fall die Gemäldegalerie sein:

"Es geht nicht darum, dass das eine schlechte Sammlung wäre. Davon redet niemand. Man muss allerdings auch sehen, wir haben in der Gemäldegalerie Werte, auch materielle Werte, aber vor allem ideelle Werte, die diese erfreuliche Schenkung natürlich weitest übersteigen. Man muss sich klarmachen: Das sind Bilder aus 500, 600, 700 Jahren europäischer Geschichte. Das ist sozusagen das Erlesenste, was es gibt! Das jetzt nur aufgrund einer Schenkung von einer Sammlung, die vielleicht 30, 40 Jahre Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts umfasst, zur Hälfte ins Depot zu schicken, das halten wir für keine gute Idee."

Erst wenn der geplante Neubau der Gemäldegalerie gegenüber vom Bode-Museum fertig ist, könnten die Alten Meister und die Skulpturensammlung zusammengelegt werden – sagen die Kritiker.

Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, sieht das anders. Seit Jahren schon arbeite man daran, die Malerei auf die Museumsinsel zurückzubringen und das Kulturforum zum "Ort für das 20. Jahrhundert" zu machen. Durch die jetzt bewilligten zehn Millionen Euro könne man lediglich früher als geplant mit den Umzugsüberlegungen als erstem konkreten Schritt beginnen und einen Architekturwettbewerb für den Neubau am Bode-Museum vorbereiten:

"Wir haben mehrfach gesagt: Es kann diesen ersten Schritt nicht geben ohne klare Entscheidungen für den zweiten Schritt, der verlässlich ist. Es wird ja schon so getan, als würden wir nach der Sommerpause anfangen, die Bilder in der Gemäldegalerie abzuhängen, also hallo! Ich meine, das Problem ist doch, dass wir in den nächsten Wochen daran arbeiten müssen, wie es weitergeht. Wir sind doch die Letzten, denen nicht bewusst ist, welche Schätze wir in der Gemäldegalerie haben. Und dass dafür eine Lösung gefunden werden muss, und die Lösung ist nicht, eine Verdichtung im Bode-Museum, vielleicht noch ein Ausweichquartier und dann kann man zehn, 15, 20 Jahre warten. Wenn das so sein soll, wird es auch Schritt Eins nicht geben. Das sag ich hier ganz klar. Nur wenn das für vier, fünf Jahre notwendig ist, dann kann ich auch ganz klar sagen: Dann machen wir das!"

Der durch Zeitungsberichte entstandene Eindruck, das Ehepaar Pietzsch habe die Stiftung Preußischer Kulturbesitz "erpresst", indem es auf der Gemäldegalerie als Ort für seine Schenkung bestanden habe, sei völlig falsch:

"Wenn das alles Erpressung ist, dann verstehe ich die Welt nicht mehr. Das ist Polemik. Denn das Besondere dieses Geschenkes ist ja eigentlich, dass sie gerade nicht ein Pietzsch-Museum wollen. Sondern es soll aufgehen in der Neuen Nationalgalerie, und die schönste Erfüllung des Traums von Heiner und Ulla Pietzsch ist, und das haben sie nicht nur mir, sondern ja auch öffentlich oft gesagt: Wenn es diese Galerie des 20. Jahrhunderts gibt – sie haben auch nie gesagt, es muss die Gemäldegalerie sein, das ist unser Plan, sie haben nur gesagt: Berlin braucht eine Galerie des 20. Jahrhunderts – und ich glaube, dass ist unbestritten, dass es die braucht."

Die aktuelle Debatte hat auch eine alte Idee wieder wachgerufen: das Berliner Schloss könne anstelle des geplanten Humboldtforums die Gemäldegalerie aufnehmen. Mit dem Bau wurde schon begonnen, mit der ständigen Raumnot der Berliner Staatlichen Museen wäre es vorbei, die Kosten für den Neubau beim Bode-Museum würden nicht anfallen.

Der Kunstkritiker Carsten Probst: "Gleichwohl wäre es angesichts dieser Situation angezeigt, ob nicht die Berliner Museen ihren Mut zusammennehmen und mit der Bundesregierung noch einmal über das Berliner Schloss reden, denn immerhin werden ja die Bestände der ethnologischen Sammlungen, der außereuropäischen Sammlungen aus Dahlem extra in die Stadtmitte geschafft, wo es eigentlich in Dahlem hervorragende Museen dafür gibt und wo sich ebenfalls ein Humboldtforum realisieren ließe."

Hermann Parzinger hält davon gar nichts:

"Dass man dort jetzt die Alten Meister hineinbringt, das ist vom Tisch. Das Thema ist gegessen, man müsste die ganzen Planungen zurückspulen, es bräuchte einen neuen Bundestagsbeschluss, und eines sollte man nicht vergessen: Dann hätten wir ja das Problem nicht gelöst. Wir haben die Alten Meister dann im Schloss, aber die Skulpturen bleiben im Bode-Museum. Oder, wie ich ja auch schon höre: Dann nehmen wir die Skulpturen auch rüber. Was sollen wir dann im Bode-Museum machen? Es ist grotesk. Und wir haben dann immer noch keine Lösung für das Kulturforum."

Die Heftigkeit der Reaktionen habe ihn überrascht, sagt Hermann Parzinger. Beeindruckt zeigt er sich davon nicht:

"Wir sind die Letzten, die unsere Alten Meister für Jahre in die Depots schicken werden. Und wenn man dann so manches liest, bedeutende Kunsthistoriker, Sauerländer aus München in der Süddeutschen Zeitung, er spricht sich ja eigentlich für den Plan aus. Er sagt ja nur: Aber es darf natürlich mit dem zweiten Schritt nicht Jahre dauern. Aber wer hat gesagt, dass es Jahre dauern wird? Und das ist das, was ich wirklich nicht ganz verstehen kann. Wartet doch erstmal ab, wir wissen jetzt seit vier, fünf Wochen, dass es diese zehn Millionen für den ersten Schritt geben wird. Jetzt lasst uns doch mal weiter arbeiten, wie die weitere Zukunft aussehen wird. Ich glaube, wir haben das Recht dazu, das zu verlangen! Und wenn wir dann offenlegen, wie es sein wird, dann kann man das kritisieren auf einer sachlichen, begründeten Grundlage. Jetzt, muss ich sagen, ist es unbegründet, und es ist Panikmache."

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