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Fazit / Archiv | Beitrag vom 13.03.2005

"Wir müssen reagieren"

Fluch oder Segen der Suchmaschine Google

Von Siegfried Forster

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Hauptgebäude des Unternehmens Google in Mountain View im US-Bundestaat Kalifornien (AP)
Hauptgebäude des Unternehmens Google in Mountain View im US-Bundestaat Kalifornien (AP)

Für die einen ist die amerikanische Internet-Suchmaschine Google der Gutenberg der Neuzeit, für die anderen ein Trojanisches Pferd des US-Kultur-Imperalismus. Jean-Noël Jeanneney, Präsident der Französischen Nationalbibliothek, fürchtet, dass es mit ihrer Vorherrschaft nur noch eine amerikanische Sicht auf die Dinge geben wird, der Europa etwas entgegensetzen sollte.

Für die einen ist die amerikanische Internet-Suchmaschine Google der Gutenberg der Neuzeit, für die anderen ein Trojanisches Pferd des US-Kultur-Imperalismus. Jean-Noël Jeanneney, Präsident der Französischen Nationalbibliothek, hat mit einem Aufsehen erregenden Artikel in der französischen Weltzeitung "Le Monde" eine Welle des Widerstandes ausgelöst. Jeanneney warnt vor einer drohenden geistigen und kulturellen weltweiten Vorherrschaft der USA, wenn Europa nicht aufwacht:

" Auf den ersten Blick könnten wir ganz einfach glücklich sein darüber, dass es diese Initiative gibt, 15 Millionen Werke zu digitalisieren und sie der gesamten Weltbevölkerung zur Verfügung zu stellen. Aber es ist vollkommen klar, dass es sich hierbei nur um einen begrenzten Bruchteil der immensen Menge an Büchern handeln wird, die die Menschheit seit Gutenberg hergestellt hat. Insofern wird ohne Zweifel eine Auswahl getroffen werden. Diese Auswahl beinhaltet, dass es eine amerikanische Sicht geben wird auf die Geschichte, die Geographie, die Soziologie, auf die Kultur überall auf der Welt. Ich unterstelle Google nichts, ich sage nur in Richtung Frankreich und Europa: Wir müssen reagieren. Wir müssen ebenfalls eine Digitalisierung vorantreiben, damit beispielsweise die Geschichte der deutsch-französischen Beziehungen von den Franzosen und Deutschen erzählt wird und nicht nur ausschließlich von Washington oder Michigan aus. "

Der Präsident der mächtigen französischen Nationalbibliothek weiß als ehemaliger französischer Kommunikationsminister, wovon er redet. Vor zehn Jahren war das neue Gebäude der Bibliothèque Nationale als modernste Bibliothek der Welt eröffnet und gleichzeitig ein Digitalisierungsprojekt eingeleitet worden. 100.000 Werke sind in der virtuellen Bibliothek "Gallica" inzwischen online abrufbar. Vor wenigen Tagen startete die digitale Archivierung sämtlicher französischer Tageszeitungen bis 1945. Im Vergleich zum Google-Projekt mit seinen 15 Millionen Werken ein Tropfen im weltweiten Informations-Ozean. Jeanneney warnt: Bleibt Europa untätig, geht die europäische Forschung in der Internet-Suchmaschine im wahrsten Sinne des Wortes verloren und die Visionen der Zukunft werden von amerikanischer Hand geordnet:

" Wenn nur Google in der Lage ist, die zeitgenössische Forschung auszuwerten, dann wird es zu einer Überbewertung der amerikanischen Forschung kommen, was für Europa Besorgnis erregend ist. Auf was es ankommt, ist auch die Rangliste bei der Trefferliste bei der Suche im Internet, also was auf der ersten, zweiten, dritten Seite der Suchmaschine Google erscheint. Deshalb geht es überhaupt nicht darum, über Google zu jammern, sondern es geht darum, selbst eine ausreichende Digitalisierung zu betreiben, genügend Referenzen für die Internetsuche zu schaffen. Damit Europa in zehn Jahren einen im Vergleich mit Amerika vergleichbaren Platz einnimmt in bezug auf die Geschichte und sämtliche geistigen und kulturellen Reichtümer dieser Welt. "

Für den Bibliotheks-Präsidenten geht es nicht darum, amerikanische Erfolge zu verhindern. Er will auch nicht französische Unterlegenheitsgefühle mit Hilfe staatlicher Eingriffe kompensieren. Für ihn steht vielmehr die europäische Identität auf dem Spiel. Es gehe darum, ein "europäisches Europa" zu bewahren. Als erfolgreiches Beispiel einer Gegenoffensive zur befürchteten US-Hegemonie zitiert Jeanneney die "kulturelle Ausnahme" Frankreichs, die im Bereich der Filmindustrie Wunder gewirkt hätte und die in diesem Jahr im Rahmen der Unesco auch zu einer internationalen Konvention zum Schutz der kulturellen Vielfalt ausgeweitet werden soll. Bei der Digitalisierung des Wissens fordert Jeanneney ein europäisches Alternativmodell für eine "andere Digitalisierung". Frankreich habe dabei Trümpfe zu bieten: etwa mit der Digital-Bibliothek "Gallica" oder einem 150-köpfigen Wissenschaftlerteam, das über das "digitalisierte Dokument" der Zukunft forscht. Eine europäische Führungsrolle für Frankreich fordert er nicht.

"Eine Führungsrolle, weiß ich nicht. Wir haben nicht den Ehrgeiz, die Anführer zu sein. Wir haben den Ehrgeiz - soweit möglich - die Anstifter zu sein, die Bewegung in Gang zu bringen, um möglichst schnell von den befreundeten Ländern unterstützt zu werden, mit denen wir zusammenarbeiten wollen."

Angesichts der zahlreichen Reaktionen aus aller Welt scheint der Präsident der Französischen Nationalbibliothek mit seinem Plädoyer einen sensiblen Punkt getroffen zu haben. Für die politischen Entscheidungen und notwendigen Geldmittel sind seiner Ansicht nach nur die europäischen Institutionen verantwortlich, die müssten jetzt handeln.

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