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Kulturinterview / Archiv | Beitrag vom 24.04.2006

"Wir müssen es verändern"

Filmemacher Wagenhofer appelliert an die Verantwortung der Verbraucher

Moderation: Liane von Billerbeck

Wasser sollte nach dem Willen einiger Lebensmittelkonzerne privatisiert werden. (AP)
Wasser sollte nach dem Willen einiger Lebensmittelkonzerne privatisiert werden. (AP)

Der Regisseur Erwin Wagenhofer geht in seinem Film "We feed the World" den Wegen der Nahrungsmittelproduktion nach und deckt dabei den Zusammenhang zwischen dem Überfluss hier und dem Hunger in anderen Erdteilen auf. Im Deutschlandradio Kultur forderte der Filmemacher die Verbraucher auf, verantwortlich zu konsumieren. Nur die Verbraucher selbst könnten eine Änderung der Lebensmittelwirtschaft hervorrufen.

Liane von Billerbeck: Der Film fängt so an, wie man es sich im tiefsten Herzen wünscht, ganz idyllisch. Über die Halme eines wogenden Kornfeldes streicht der Wind. Das Bild ist so harmonisch, dass man sich fast automatisch ganz beruhigt zurücklehnen möchte, jedoch Obacht! Bei dieser Harmonie bleibt es nämlich nicht. Der Film "We feed the world" zeigt, wo unser Essen herkommt, warum vieles, was wir essen, nicht mehr schmeckt, und wer den Preis dafür zahlt. Der Film ist nicht investigativ oder gar konspirativ entstanden. Nein, alles, was wir sehen, geschieht ganz offen und legal und ist dennoch entlarvend. Im Studio begrüße ich jetzt Erwin Wagenhofer, dem Regisseur des Films "We feed the world". Guten Tag, Herr Wagenhofer!

Erwin Wagenhofer: Guten Morgen!

Von Billerbeck: Wenn es um unser Essen geht, dann haben wir wohl alle zwei extrem gegensätzliche Bilder im Kopf: Auf der einen Seite die Bilder aus der Werbung. Da kaufen gut gelaunte, entspannte Menschen auf einem schönen Markt gesunde, wohlschmeckende Köstlichkeiten, und andererseits die Bilder von "Hühner-KZs" und Schweinemastanlangen mit 20.000 Tieren. Was war Ihr Bild, das Sie auf die Idee zu diesem Film brachte?

Wagenhofer: Na ja. Die Idee war, zu Beginn des 21. Jahrhunderts einen Film über unsere Gesellschaft zu machen, anhand der Nahrungsmittel. Das war die Ausgangsidee, wie gehen wir miteinander um und wie gehen wir mit unserer Nahrung um. Und das Interessante an der Nahrung ist, dass es eben jeden betrifft, weil wir müssen alle essen, jeder muss das tun, ganz egal in welcher Form er oder sie es macht. Und das war der Ausgangspunkt. Also was hat es mit uns zu tun, das ist die Grundidee gewesen.

Von Billerbeck: Sie vollziehen ja den Weg der Nahrungsmittel nach. Das sind also oft Tausende von Kilometern. Wer finanziert denn so einen Film?

Wagenhofer: Ach, das ist ganz simpel. Also in Österreich gibt es, eigentlich in ganz Europa gibt es für Filmproduktionen nur öffentliche Mittel, Förderungsmittel. Der Film ist finanziert vom Österreichischen Filminstitut und vom Wiener Filmfond, und die Finanzierung – das ist auch sehr interessant, da er in Österreich sehr erfolgreich war – das ist ein nicht rückzahlbares Darlehen. Und wir haben das alles aber wieder rückbezahlt.

Von Billerbeck: Aus den Erfolgen des Filmes?

Wagenhofer: Aus den Einspielergebnissen, ja.

Von Billerbeck: Bei Ihnen im Film kommen sehr viele, sehr unterschiedliche Menschen zu Wort, die mit Nahrungsproduktion, um es mal so technisch auszudrücken, oder mit Nahrungskonsumption zu tun haben: Also österreichische und brasilianische Bauern, bretonische Fischer, Erzeuger von Saatgut, das sich nur einmal verwenden lässt, und sogar der Chef des weltgrößten Lebensmittelkonzerns Nestlé. Kommentiert wird das Ganze nicht von Ihnen, dem Autor, sondern von Jean Ziegler, dem UN-Beauftragten für das Recht auf Nahrung. Das klingt so ein bisschen so, als bauten Sie in dem Film so einen Gegensatz von Gut und Böse auf. Da die Lebensmittelkonzerne und hier der bretonische Fischer, da der Saatguthersteller und hier der UN-Beauftragte. Funktioniert dieses Gut und Böse im Film?

Wagenhofer: Also Gut und Böse interessiert mich überhaupt nicht, weil ich der Meinung bin, dass das Leben viel komplexer ist wie eine Schwarz-Weiß-Malerei, und die so genannte Wahrheit, das ist ein schwieriger Begriff, das wissen wir, liegt irgendwo in der Mitte. Sie liegt sicher nicht auf der einen oder auf der anderen Seite.

Aber die Auswahl, das Auswahlkriterium ist relativ simpel. Ich habe diesen Weltbegriff "the world", das habe ich ganz ernst genommen. Und der größte Nahrungsmittelkonzern ist nun mal Nestlé, darum ist der Nestlé-Boss drin. Und der größte Experte, was Hunger betrifft auf der Welt, ist Jean Ziegler, das ist der Grund, warum Jean Ziegler drin ist. Und der größte Saatgutkonzern ist Pioneer, das ist der Grund, warum ich einen hohen Manager haben wollte von Pioneer. Also das war das Auswahlkriterium, nicht Gut oder Böse.

Und es ist ja interessant, der Film ist so entstanden: Von innen herauf es aufzurollen. Also nicht jemand von Greenpeace kommt oder Global – die eben die üblichen Verdächtigen sind – sondern was sagt eben der Chef des größten Lebensmittelkonzerns. Und was er sagt, ist ja überraschend.

Von Billerbeck: Was sagt er denn? Er sagt doch zum Beispiel etwas zum Thema Wasser, das ja immer ein für manche Menschen nicht mehr erreichbares Lebensmittel ist, jedenfalls kein sauberes Wasser.

Wagenhofer: Na ja, vor dem Hintergrund, dass zwei Milliarden Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben, sagt er eben, das Wasser soll seiner Meinung nach privatisiert werden. Wir kennen natürlich die Hintergründe, die dahinter stecken, hinter diesen Ideen, weil die großen Konzerne alles längst wissen, dass Geld Akkumulieren keinen Sinn mehr hat, weil sie ja auch Angst haben davor, dass die Finanzmärkte zusammenbrechen, und aus dem Grund muss alles in die Sachwerte investiert werden. Und bevor so ein Zusammenbruch kommt, will eben ein Lebensmittelkonzern in dem Fall die Rechte für das Wasser haben, ein anderer für den Transport, ein Dritter für irgendetwas anderes. So wird es aufgeteilt im Hintergrund.

Von Billerbeck: Wie haben Sie es denn geschafft, den Chef von Nestlé dazu zu bringen, dass er so klare Aussagen macht? Er sagt ja nicht direkt, das Wasser soll privatisiert werden, aber es ist trotzdem sehr deutlich und er ist ein sehr geschulter Mann. Wie lange hat es gedauert? Haben Sie eigentlich nur so lange fragen müssen, bis er dann tatsächlich das gesagt hat, was ganz klar seine Wahrheit ist?

Wagenhofer: Na, es ist so, ich versuche keine Interviews zu machen, sondern ich führe Gespräche. Und bei Peter Brabeck war es so, dass wir davor vier Themen festgelegt haben, drei davon sind im Film auch drin, und ich lasse die Leute lange genug reden. Also er soll wirklich die Möglichkeit haben, hier zu sagen, was er glaubt, dass Sache ist. Und es ist umgekehrt auch so, ich bin der Meinung, dass er da überhaupt nichts dagegen hat, weil er denkt eben so, er hat diese andere Position, und er muss sie auch haben. Er vertritt einen Riesenkonzern, er bekommt ein unfassbares Gehalt dafür bezahlt. Das ist eine andere Weltsicht wie unsere. Wenn jemand das Wasser privatisieren will, dann muss er eben einen anderen Blick auf diese Welt haben, und das ist sein Blick, es ist auch nicht Gut oder Böse, sondern sein Teil, und wenn Sie wollen, Biolandbau ist ein anderer Teil.

Von Billerbeck: So einer wie der Nestlé-Chef, den haben Sie vorgestellt, und Sie sprachen von dem Saatguthersteller Pioneer. Der auch in Ihrem Film… Da kommt auch ein hoher Manager vor, der in Rumänien tätig ist. Das Interessante an dieser Person ist ja, dass er in Ihrem Film das Hohelied auf das unverfälschte, natürliche Saatgut singt. Er zeigt uns dann zwei Auberginen, die eine ist etwas krummer und etwas schrumpeliger, schmecke aber besser, die kommt aus dem herkömmlichen Saatgut, und die andere ist wie eine Bilderbuchaubergine, ganz glatt und groß und so, dass wir sofort zugreifen wollen, und die ist aus seinem Saatgut gewachsen. Das Schlimme daran ist auch noch, dass dieses Saatgut nur einmal verwendbar ist, dass die Bauern also abhängig werden von diesem Saatgut.

Wie haben Sie das empfunden, dass da ein solcher Manager von einem solchen Konzern da das Hohelied auf die unverfälschte Natur singt einerseits und andererseits mit seiner Arbeit dafür sorgt, dass genau diese Natur eigentlich zurückgedrängt wird?

Wagenhofer: Ja, wie empfinde ich das? Ich empfinde, dass das Dilemma unseres Daseins im Moment. Ja, er ist halt ein Beispiel dafür. Nestroy hätte gesagt, der "Zerrissene". Das Problem ist, dass Leute, solange sie in Verantwortung sind, ein System mittragen, von dem sie innerlich längst überzeugt sind, dass es falsch ist. Das Problem haben wir in der Politik. Ich gebe Ihnen da ein Beispiel: Wir haben am 30. September des Vorjahres Premiere in Wien gehabt von unserem Film, da war eingeladen neben Jean Ziegler, eben um die andere Welt auch zu zeigen, Franz Fischler, der zehn Jahre EU-Agrarkommissar war, und den größten Tanker – was das Budget betrifft – gelenkt hat. Und kaum ist Franz Fischler aus der Verantwortung genommen, ist er der größte Globalisierungsgegner und größte EU-Kritiker etc.

Das zeigt, dass dieses System komplett falsch ist, weil, kaum sind die Menschen aus der Verantwortung draußen, kommt das raus, wie bei einer Beichte, kommt das raus, was sie wirklich denken. Es wäre interessant, Peter Brabeck zu interviewen oder zu fragen, mit ihm ein Gespräch zu führen, wenn er nicht mehr in Verantwortung von Nestlé ist.

Von Billerbeck: Bei Ihnen im Film gibt es ein ganz starkes Kapitel. Dieser Film ist in mehrere Kapitel geteilt. Wir befinden uns auf dem Wasser, zu Lande und in der Luft, und auf dem Wasser, das war für mich der beeindruckendste Teil, da wird ein bretonischer Fischer begleitet, der mit einem Kutter rausfährt und auf ganz traditionelle Weise fischt. Und dessen Fisch führt ein Fischhändler vor. Und das hat mich wirklich beeindruckt, wie der die Unterschiede zwischen dem Fisch zeigt, der mit dem Kutter gefangen wurde, und der, der in solchen riesigen Fischfabriken gefangen wurde. Es war ein richtiger Lehreffekt, Lerneffekt für mich als Zuschauerin.

Was erhoffen Sie sich denn von solchen Bildern? Da sind Sie ja so ein bisschen in der Nähe von Jamie Oliver, dem englischen Starkoch, der in britische Schulen geht und den Kindern wieder beibringt, wie Thymian und Pfeffer schmeckt.

Wagenhofer: Erhoffen, das wäre... das ist ein großes Wort. Also ich glaube auch, dass ein Film nicht wirklich etwas verändern kann. Ein Film kann etwas aufzeigen – das ist der Sinn von einem Film – und die Menschen, die reingehen, wenn er sie berührt, die können dann etwas verändern. Also wenn Sie so wollen, mein Job als Filmmacher ist eben es aufzuzeigen. Ich weiß es, ich habe mich lange damit beschäftigt, das ist jetzt am Beispiel der Nahrung, Sie können es am Beispiel der Kleidung machen, am elektronischen Equipment, wo das alles herkommt, das wird ja alles ähnlich produziert, weil es nunmehr ums Profitieren geht, ja. Im Professionellen steckt ja das Wort Profit drin. Darum wäre ich auch viel lieber ein Amateur, weil da steckt die Amore drin.

Also Erhoffen, der Film berührt in Österreich, zumindest läuft er jetzt schon über ein halbes Jahr, die Menschen sehr. Es sind noch nie in einen österreichischen Kinodokumentarfilm so viele Menschen reingegangen, so viele junge Menschen. Das gibt mir Mut, recht viel mehr wäre auch nicht realistisch. Also ich bin weder ein Pessimist noch ein Optimist, ich bin ein "Possibilitist", ich weiß, es ist möglich.

Von Billerbeck: Wie stark ist denn unsere Macht – das als letzte Frage – als Verbraucher oder, schöner gesagt, als Esser, um Einfluss zu nehmen auf die Veränderung dieser Herstellung von Nahrungsmitteln?

Wagenhofer: Wenn wir Demokratie ernst nehmen – und wir haben oft Demokratien – dann ist es unsere Macht, darum heißt der Film ja "We feed the world". Wir können es ändern, sonst wird es niemand, also Nestlé wird es nicht ändern. Wir müssen es ändern, auch die Politiker nicht, weil die haben sich längst mit der Wirtschaft ins Bett gelegt und haben den Kürzeren gezogen. Das ist das Problem, was sie haben. Wir müssen es verändern. Wir müssen langsam lernen, die Verantwortung zu übernehmen für die Dinge, die wir tun. Es gibt auch genug Unmut in der Welt. In Europa, in Frankreich protestieren die Studenten. Davor waren es die Afrikaner, die dort protestiert haben. Davor, im April voriges Jahr, wurde abgestimmt gegen das EU-Referendum. Also wir können es, das ist die gute Nachricht.

Von Billerbeck: Im Radiofeuilleton sprachen wir mit Erwin Wagenhofer, dem Regisseur des österreichischen Dokumentarfilms "We feed the world". Heute Abend wird er in einer Voraufführung im Berliner Kino International gezeigt. Darüber erfahren Sie natürlich heute Abend in der Sendung Fazit. Und am 27. April läuft er in den deutschen Kinos an.

Mehr bei deutschlandradio.de

Externe Links:

Filmhomepage "We feed the world"

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