"Wir haben eine China-Optik"

Moderation: Gabi Wuttke · 14.09.2006
Die Hamburger Kunsthalle zeigt unter dem Titel "Mahjong" die Entwicklung der unabhängigen Kunstproduktion in China nach der Mao-Ära. Die Künstler hätten allerdings noch keinen festen Platz im internationalen Diskurs, meint Ulrike Münter, auch wenn die hiesige "China-Optik" dies nahe lege.
Wuttke: "Mahjong", die chinesische Gegenwartskunst, aus der Sammlung Sigg, von heute bis zum 18. Februar in der Kunsthalle Hamburg und damit zum ersten Mal in Deutschland. Im Studio ist jetzt Ulrike Münter, die sich als Kunsthistorikerin und Journalistin auf chinesische Kunst spezialisiert hat. Guten Morgen, Frau Münter!

Münter: Guten Morgen!

Wuttke: Ist die Sammlung von Uli Sigg auch für Sie so einzigartig und faszinierend, wie eben gehört?

Münter: Das kann ich eindeutig mit Ja beantworten. Ich habe die Ausstellung letztes Jahr in Bern gesehen und war besonders als Kunstkritikerin begeistert, weil es für den westlichen Betrachter wirklich möglich wird, die Entwicklung der chinesischen Gegenwartskunst nachzuvollziehen. Also Uli Sigg hat ja auch Poster gesammelt, die die Propagandaästhetik wiedergeben und somit kann man wirklich mit dem Blick nachvollziehen, woher die Bildersprache der chinesischen Künstler stammt. Und diese Entwicklung kann man nachvollziehen bis in das heutige China, und das macht diese Sammlung so besonders.

Wuttke: Welchen Blick haben Sie denn auf die zeitgenössische Kunst Chinas?

Münter: Es ist, und das verbindet mich vielleicht mit Uli Sigg oder das rückt mich in seine Nähe, es ist nicht die Begeisterung, die ästhetische Begeisterung. Also mein spezielles Gebiet war europäische Kunst, bevor ich nach China kam. Und dann war es eigentlich, es waren die Fragen an China, die mich zur chinesischen Kunst gebracht haben, und es sind die Antworten oder die Möglichkeiten, sich China anzunähern, die diese Kunst ermöglichen. Und das ist mein Blick auf diese Kunst.

Wuttke: Es wird davon gesprochen, dass die chinesischen Künstler nach Maos Tod, der ja Stil und Sujet vorgegeben hat und zwar ziemlich massiv, ziemlich schnell Anschluss an die internationale Kunstszene gefunden haben. Ist das tatsächlich so?

Münter: Ja und es ist von den Medien oft verfälscht dargestellt worden, dass chinesische Künstler perfekte Nachahmer sind und bei dieser Nachahmung verbleiben. Erst einmal hat Nachahmung natürlich in China eine sehr lange Tradition und ist eine sehr wichtige Errungenschaft, eine Leistung.

Wuttke: Die kennen das nicht einfach so als Plagiat, wie wir es hier verstehen.

Münter: Ja genau, das ist unser Problem, das ist unser Unwissen. Da muss man sagen, dass China zu Anfang des 20. Jahrhunderts einen ganz starken Austausch hatte mit Europa, mit dem Westen, über den Jugendstil, über die Landschaftsmalerei und auch über die Holzschnitt-Bewegung. Und die Kulturrevolution hat das unterbrochen. Und nachdem es wieder möglich war, nach der Öffnung Chinas, haben die Künstler natürlich erst einmal nach außen geschaut, um sich zu orientieren. Und viele Galeristen sprechen in den ersten zehn Jahren oder sogar bis Mitte der 90er Jahre von einer Orientierungsphase der chinesischen Künstler. Aber das würde ich ganz stark als Auseinandersetzung bezeichnen und nicht als Nachahmung.

Wuttke: Und diese Orientierungsphase, die gehört ja zeitlich auch in die Zeit des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989. Inwiefern spiegelt dies sich wieder? Was hat das Massaker ausgelöst unter den Künstlern Chinas, unter dem Blickwinkel, den Sie gerade geschildert haben?

Münter: Also dieser 4. Juni '89 ist nicht wichtig genug zu nehmen, was die Gegenwartskunst angeht, was die intellektuelle Szene in China angeht. Weil, ab Anfang der 80er, noch stärker ab Mitte der 80er gab es eine riesige Aufbruchsstimmung in China. Und die Intellektuellen und auch die Künstler, auch die Off-Künstler, glaubten, an einem neuen China mitarbeiten zu können, mit ihren Arbeiten. Das war ein ganz großer Idealismus unter den Künstlern, der sich dann auch in dieser mutigen Aktion, in dieser Demonstration auf dem Tiananmen-Platz ausgedrückt hat. Man hat nicht damit gerechnet, dass so brutal reagiert würde. Und nachdem dieses Massaker stattgefunden hat, kann man nur von einer traumatisierten Situation sprechen. Die Künstler zogen sich zurück, es kam zum zynischen Realismus - das können wir dann bei Uli Sigg in der Sammlung auch beobachten - und es kam dazu, dass viele Künstler ins Ausland gegangen sind.

Wuttke: Zynischer Realismus sagen Sie. Wie frei beziehungsweise wie eingeschränkt ist die chinesische, die aktuelle chinesische Kunst in Zeiten, da die Wirtschaft Chinas boomt wie noch nie?

Münter: Hier kann man sagen, dass die chinesischen Künstler, die bildenden Künstler, eindeutig mehr Freiheiten haben als Schriftsteller, Filmemacher und Journalisten. Also wir können in den Medien verfolgen, dass da, auch gerade jetzt wieder in den Vorbereitungen für Olympia die Zensurmaßnahmen strikt angezogen werden. Von chinesischen bildenden Künstlern weiß ich nicht oder bin ich mir eigentlich sicher, dass keiner von denen ins Gefängnis gekommen ist oder mit starken Restriktionen rechnen musste. Es wird lediglich gebeten, bestimmte Bilder nicht zu zeigen.

Wuttke: Immerhin. Das heißt aber auch, es hat eine Rückwirkung, es gibt eine Beschränkung, eine Art Korsett, in dem sich die Künstler auch bewegen müssen in ihren Arbeiten?

Münter: Ja, es gibt einen ganz klaren Katalog der Verbote. Das umfasst ungefähr zehn Punkte, unter anderem das Tiananmen-Massaker. Es darf nicht thematisiert werden. Es wird aber thematisiert und es gibt in der Off-Szene bereits Arbeiten, die können aber an etablierten Orten nicht gezeigt werden.

Wuttke: Das heißt, es ist nicht einmal so, dass sie zwischen den Zeilen einer Zensur durchgehen können, sondern sie haben eine ganz andere Art und Weise gefunden, dieses Massaker darzustellen. Oder ist es dann wirklich nur so, dass man einen dunklen, geschlossenen Raum braucht, um sie sich ansehen zu können?

Münter: Man braucht einen Raum, der nicht kontrolliert wird. Also es gibt das Künstlerareal Chicho-Bar 798 (Anm. d. Red.: Name wie gehört) in Peking, was mittlerweile von vielen Kunsttouristen besucht wird. Auf diesem Areal können solche Arbeiten nicht gezeigt werden, weil sie durch das Bildungsministerium kontrolliert werden. Es gibt aber andere Künstlerareale, wo diese Arbeiten gezeigt werden können.

Wuttke: Ulrike Münter, Kennerin der chinesischen Kunst und des Kunstmarktes, im Gespräch bei Deutschlandradio Kultur. Frau Münter, warum ist die zeitgenössische Kunst aus China international inzwischen so enorm gefragt?

Münter: Ich würde dieses "enorm gefragt" relativieren. Ich glaube, das ist eine Optik, die sehr stark durch die Medien gefördert wird. Wenn man die bekannten Rankings, Künstlerrankings, anschaut wie zum Beispiel im "Capital", wo die 100 bekanntesten internationalen Künstler aufgeführt werden, in diesen Rankings taucht kein chinesischer Künstler auf. Ich denke, es ist immer noch eine Entwicklung. Es muss eine Entwicklung stattfinden, dass chinesische Künstler feste Plätze bekommen im internationalen Diskurs. Dass wir glauben oder wahrnehmen, dass chinesische Kunst den Markt neu bestimmt, liegt daran, dass diese Mitspieler auf dem Kunstmarkt für uns als neu wahrgenommen werden und dass wir eine China-Optik haben, die diese Relationen verschiebt.

Wuttke: Also die Künstler werden zwar verkauft, aber noch nicht in den höchsten Kategorien, zumindest, was das Geld anbelangt, verkauft. Meine Frage deshalb: Wie locker sitzt das Geld für chinesische Kunst bei internationalen Sammlern? Ist das vor allen Dingen eine Wertanlage oder ist das, ganz platt gesagt, schick?

Münter: Ich würde sagen, beides trifft zu. Ich würde die Käufer chinesischer Gegenwartskunst eindeutig in zwei Gruppen einteilen: Es gibt die Kenner, die seit Mitte der 80er oder Mitte der 90er sich wirklich für chinesische Gegenwartskunst interessieren, die auch damit angefangen haben, sie zu kaufen, bevor sie wussten, dass diese Markttendenz stattfinden wird. Und es gibt die Mitläufer, die auch sehr schlechte chinesische Kunst kaufen, worüber sich die chinesischen Künstler sehr freuen - die schlechteren. Es gibt sowohl die guten und schlechten chinesischen Künstler als auch die Expertenkäufer und die Mitläuferkäufer.

Wuttke: Über die chinesische Gegenwartskunst und den internationalen Kunstmarkt, die Kunsthistorikerin Ulrike Münter. Vielen Dank für Ihren Besuch hier im Studio!

Münter: Danke!