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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 14.12.2014

Wintersportorte im Harz Konkurrenz unter Nachbarn

Schierke und Braunlage werben um Gäste

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Der kleine Konstantin steht am 22.01.2014 mit seinem Schlitten vor einer Schneekanone in Braunlage (picture alliance / ZB / Matthias Bein)
Eine Schneekanone in Braunlage im Harz (picture alliance / ZB / Matthias Bein)

Schierke und Braunlage treten gegeneinander an. Die einen verkaufen sich als "Sankt Moritz des Ostens", die anderen wollen als größtes Skigebiet Norddeutschlands Gäste zurückgewinnen. Über zwei Nachbarorte und ihre Träume.

"Wann eröffnen se?"
"Also wir gehen davon aus: Am 20.12 machen wir definitiv eine Eröffnungsfeier."
"Ich warte schon. (lacht) Ich guck schon immer, ob die Dinger da pusten."

Pusten tun sie schon kräftig – die Dinger. Dirk Nüsse schaut an diesem sonnigen Morgen zufrieden zu den Schneekanonen hoch. Neun davon gibt es. Sie sind brandneu – und in den Augen seines Betreibers ein "Alleinstellungsmerkmal" des Braunlager Skigebiets im Harz.

"Insgesamt ist es erheblich vergrößert worden, das Skigebiet. Wir haben's erheblich verbreitert. Wir haben mittlerweile nicht mehr diese zehn, 15, 20 Meter breiten Abfahrten, sondern diese hier zum Beispiel: Die geht dann auf 50, 60 Meter Breite. So dass man also auch schön schwingen kann."

Theoretisch. Wenn es kalt genug ist – und die Schneekanonen Kunstschnee produzieren können. In der letzten Wintersaison war es selten kalt.

"Es war eigentlich insgesamt ne Katastrophe."

Nüsse stapft los – vorbei am verwaisten Parkplatz und seinen Angestellten, die letzte Hand anlegen am Zufahrtsweg. Gestern Nacht hat es geschneit. Nicht viel, aber immerhin. Mögen ihn die Leute hier auch den "Wintermacher" nennen: Gegen Plusgrade wie im letzten Winter ist selbst seine zehn Millionen-Euro-teure Armada aus Skikanonen und Schneelanzen machtlos. Schlecht für den Geschäftsmann – und Braunlage, die 4500-Einwohner-Gemeinde mit dem 80er-Jahre-Charme.

"Na ja. Das ist sogar der Charme, den ich aus den 70ern kenne. Also wird es aller-allerhöchste Zeit, dass wir endlich nachkarten."

Die Folgen des Klimawandels

7000 Einwohner hatte die Kleinstadt an der ehemaligen innerdeutschen Grenze einmal. Aber das war, bevor die Mauer fiel und mit ihr die Zonenrandförderung. Geschlossene Läden; Zu-Verkaufen-Schilder; Rüschengardinen, hinter denen schon lange keiner mehr hervorlugt: Seit Jahren muss Bürgermeister Stefan Grote mitansehen, wie sich das Leben aus Braunlage Stück für Stück verabschiedet.

"Wir haben als wirtschaftliche Leistung nur Tourismus zu bieten. Das trägt gewisse Risiken in sich. Allerdings haben wir keine Alternativen. An den Stadtgrenzen beginnen die Schutzgebiete."

Des "Nationalparks Harz".

"Wir können also keine neuen Gewerbegebiete erschließen, wir können keine neuen Wohngebiete erschließen."

Grote und Co. brauchen die Gäste. Mehr Gäste. Und vor allem: Mehr Winter.

"Wir sorgen ja mit den Beschneiungs-Anlagen dafür – falls der Schnee ausbleiben sollte und nur die Kälte da ist – dass trotzdem Skilaufen möglich ist."

"Nicht unter den heutigen Bedingungen."

Kontert Umweltschützer Friedhart Knolle.

"Der Wurmberg hat ne Höhe von 900 Metern. Ist überhaupt nicht mehr Schneesicher. Man hat den Klimawandel und seine Folgen nicht ehrlich ins Auge geschaut."

Man – das sind für den BUND-Sprecher aus der nahen Kreisstadt Goslar Leute wie der Bürgermeister, die nicht wahrhaben wollen, dass seit den 70ern die Durchschnitts-Temperatur im Harz um einen Grad gestiegen ist. Alpiner Skitourismus im Mittelgebirge – für Knolle ist das ein "Wirtschaftsmodell von gestern".

"Das ist bald vorbei. Und wir werden das nur kompensieren können durch Ganzjahres-Sportarten. Das ist vielleicht so was wie Mountain-Biken, Nordic Walking und modernes Wandern."

"Wir nehmen uns nichts gegenseitig weg"

Modernes Wandern: Viele im Ober-Harz schütteln da nur den Kopf. Friedhart Knolle auch. Wenn er sich ansieht, was sie am höchsten Punkt Niedersachsens angestellt haben.

"Am Wurmberg sind ja 18 Hektar Wald abgeholzt worden. Und in Schierke sollen verrückterweise noch mal 40 Hektar Wald abgeholzt werden – für die Schaffung von Abfahrtspisten."

"Wir improvisieren im Moment in Schierke."

Dem Nachbarort von Braunlage. Schierke – das war früher, zu DDR-Zeiten, Sperrgebiet – und ganz früher, in der Vorkriegszeit, das "Sankt Moritz Norddeutschlands". Daran würde Ortsbürgermeisterin Christiane Hopstock gerne wieder anknüpfen – per Improvisationstalent und "Schierke 2020" - ein 36 Millionen-Euro schweres Investitionsprogramm. Die Betreiberin des rustikalen "Hotel Bodeblick" strahlt. Die Umgehungs-Straße: Schon fertig, genau wie das Parkhaus. Kommendes Jahr ist die "Schierke-Arena" an der Reihe. Und, als krönender Abschluss, in ein paar Jahren: Das neue Skigebiet.

"Wir nehmen uns nichts gegenseitig weg, im Gegenteil: Wir entspannen diese Lage am Wurmberg, in dem wir dieses Gebiet Winterberg: Großer beziehungsweise Kleiner Winterberg dazu nehmen."

Schierke auf dem Weg zum Spaßgebirge: In Braunlage hält sich die Begeisterung darüber in Grenzen. Die Gespräche, die zwei Skigebiete einmal miteinander zu verbinden, stocken. Und so werden sie wohl dies- und jenseits des ehemaligen Eisernen Vorhangs fürs erste weiter ihr eigenes Ding tun. Und träumen: Von vielen Touristen. Und dass Petrus Erbarmen hat.

"Es gibt Schnee. Es gibt Schnee. Mein Urgroßmutter hat immer gesagt: In Schierke riecht man Schnee."

Mehr zum Thema:

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(Deutschlandradio Kultur, Profil, 18.10.2013)

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