Seit 15:05 Uhr Quasseltag

Donnerstag, 15.11.2018
 
Seit 15:05 Uhr Quasseltag

Fazit / Archiv | Beitrag vom 08.04.2017

"Winterreise" am Maxim Gorki Theater Auf kultureller Klassenfahrt

Von Tobi Müller

Podcast abonnieren
Mitglieder des Exil Ensemble stehen am 05.04.2017 bei der Fotoprobe des Theaterstücks "Winterreise" im Gorki Theater in Berlin auf der Bühne. Das neu gegründete Exil Ensemble des Gorki besteht aus professionellen Neuberliner Schauspielern aus Afghanistan, Syrien und Palästina.  (dpa / picture alliance / Rainer Jensen)
Zehn Tage, zehn Städte, nun auf der Bühne: "Winterreise" des Exil Ensembles (dpa / picture alliance / Rainer Jensen)

Für "Winterreise" haben sich sieben Schauspieler auf eine zweiwöchige Reise quer durch Deutschland gemacht. Herausgekommen ist ein Stück über das Exil und wie man in Deutschland ankommen kann. Ein ernstes Thema, lustig wird es trotzdem.

Die Regisseurin Yael Ronen, sechs Schauspieler aus arabischen Regionen und ein Deutscher zeigen im Berliner Gorki Theater einen Projektabend: "Winterreise". Das Exil-Ensemble war zwei Wochen in zehn Städten unterwegs und hat daraus ein Stück erarbeitet. Diese "Winterreise" ist eine Busreise von Schauspielern aus drei arabischen Regionen durch zehn Städte, sie beginnt in Dresden an einem Pegida-Montag und geht dann weiter nach Buchenwald in die KZ-Gedenkstätte. Wie immer bei Yael Ronen ist das auch lustig - es entsteht Komik, weil sich die Ankommenden Deutschland halt sehr anders vorgestellt haben.

Franz Schuberts Liederzyklus "Die Winterreise" war ein Werk voller Todesahnungen. Und was ahnt man nach dem Abend im Gorki? Dass dunkle Vorahnungen und die exzessive Beschäftigung mit dem Tod eher ein deutsches Phänomen sind. Die Deutschen zieht es, thematisch und ideell zumindest, eher zum Dunklen hin. 

Gelungene Comedy 

Die Beziehungen zwischen den Neu-Berlinern und dem einen Deutschen sind auf der Bühne: kompliziert, komisch und auch immer ein bisschen klischeehaft. Niels Bormann gibt den kulturellen Dolmetscher, der sich beim Erklären stets verheddert und die eigenen Standards durcheinander bringt.

Yael Ronen und ihr Ensemble - unter der Leitung von Ayham Majid Agha - haben gute Boulevard-Dialoge geschrieben, das muss man erst mal bringen. Wenn Bormann den Busfahrer mit seiner Erotik des Verbotenen und der schlimmstmöglichen Wendungen gibt oder Karim Daoud und Hussein al Shatheli in Dresden vor dem Hotelfenster Bier trinken und ganz ernsthaft versuchen, die fremdenfeindlichen Pegida-Plakate  zu verstehen – tolle Comedy: "'Fatima Merkel 'steht da, warum?" - "Ich glaube, Fatima ist ihr zweiter Vorname." - "Echt, die ist Muslima?"

Es ist, zu diesem Zeitpunkt, ein einleuchtender, trotz Härte entspannter Ansatz, die Begegnungen zwischen Einwohner und Ankommenden erstmal über das Nicht-Verstehen, aber eben auch angstfrei über die gegenseitige Parodie laufen zu lassen.

"Die Winterreise" knüpft an "The Situation" an 

Die Busreise, eher eine kulturelle Klassenfahrt, führt insgesamt in zehn Städte. Spielen die Orte eine Rolle oder sind das eher Projektionsflächen für die Geschichten der Ankommenden? Bei Dresden und Buchenwald natürlich nicht, später aber schon. München oder auch der Abstecher nach Zürich sind höchstens Impulse, dann eben doch die Geschichten der Performer zu erzählen, auch ein bisschen die des Deutschen. In Mannheim und Hamburg gelingen ihnen dann wieder sehr eigene Geschichten, die man dennoch in diesen Städten verorten kann. Und das Road-Movie-Video, unterstützt von wuseligen, beschleunigten Zeichnungen, hält das Ganze flott am Laufen, auch wenn es mal in die Nummernrevue driftet und sich der Abend zunehmend zieht.

Das Exilensemble war teilweise bereits Teil des erfolgreichen Theaterabends "The Situation" am selben Theater, als der Nahost-Konflikt in Berlin thematisiert wurde. "Die Winterreise" knüpft daran an. Allerdings kriegen die Schauspieler hier deutlich mehr Kontur. Und zwar als Schauspieler, nicht nur als Erzähler ihrer Biografie. Die Neu-Berliner spielen nach wie vor sich selbst, aber sie spielen sich eben auch als Schauspieler.

Könnte sich das bald ändern und wir sehen sie auch in andern Rollen? Es ist anzunehmen (und zu hoffen), dass dieser Prozess weiter geht. Das Exilensemble arbeitet weiter am Gorki, die Winterreise ist nur der Start dieser Arbeit. Denn ganz am Anfang haben es die Spieler schon selbst gesagt: Wir sind gelangweilt von unseren eigenen Geschichten. Man sollte das sehr ernst nehmen.

Mehr zum Thema

Theater - Geflüchtete Künstler und ihre Bühnenprojekte
(Deutschlandfunk, Kultur heute, 22.02.2017)

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsVerzerrte Weltsicht
In einer Reihe liegen deutsche Zeitungen (vorne die Berliner Morgenpost, der Tagesspiegel und die Welt). Daneben kopfüber eine Reihe ausländischer Blätter.  (Jens Kalaene/dpa)

Populärwissenschaftler Steven Pinker hinterfragt in der "NZZ" die Rolle der Medien: "Wenn ich eine Zeitung lese oder eine News-Website besuche, muss ich zum Schluss kommen: Diese Welt ist ein Jammertal. Nur, das stimmt nicht", schreibt er.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 9Überwältigende Übergänge
Die Schauspielerin Sesede Terziyan (als Elisabeth) steht am 10.01.2018 in Berlin bei der Fotoprobe zu dem Stück "Glaube Liebe Hoffnung" im Maxim Gorki Theater auf der Bühne. (picture alliance / Britta Pedersen / dpa)

Ist das "Postmigrantische Theater" ein Erfolg? Wie erlebten jüdische Bühnenkünstler Deutschland eigentlich nach ihrer Rückkehr aus dem Exil? Im Theaterpodcast #9 schauen wir auf einschneidende Übergänge und erinnern an den verstorbenen Theaterkritiker Dirk Pilz.Mehr

Folge 8"Siegreich" und "schiffbrüchig"
Porträt der Kulturmanagerin Adolphe Binder. (picture alliance / dpa / Caroline Seidel)

Was steckt hinter der Theaterkrise in Wuppertal und den Vorwürfen gegen Jan Fabre? Warum sind die Arbeiten des Regisseurs Jürgen Gosch so unvergesslich? Im September-Theaterpodcast schauen wir auf "siegreiche" und "schiffbrüchige" Theatermacher.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur