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Buchkritik | Beitrag vom 09.05.2019

Willy Vlautin: "Ein feiner Typ"Der amerikanische Traum als Albtraum

Von Gabriele von Arnim

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"Ein feiner Typ" von Willy Vlautin: Horace könnte Farmer werden, aber er folgt dem Ruf in die Stadt, um ein Box-Champion zu werden. (Dan Burton / Unsplash, Berlin Verlag )
"Ein feiner Typ" von Willy Vlautin: Horace könnte Farmer werden, aber er folgt dem Ruf in die Stadt, um zu boxen - und scheitert. (Dan Burton / Unsplash, Berlin Verlag )

Die Obsession führt in den Abgrund: Willy Vlautin erzählt in "Ein feiner Typ" die Geschichte eines Mannes, der unbedingt Boxer werden will, obwohl er in entscheidenden Momenten an der Angst scheitert. Ein herzergreifendes Versagerporträt.

Der Amerikaner Willy Vlautin gehört zu der Spezies der singenden Schreiber oder schreibenden Sänger. Er komponiert und singt mit der Folkrockband The Delines und hat mit ihr auch den Song zu seinem neuen Roman aufgenommen - "Don’t skip out on me" -, in dem er mit kratziger Stimme von der Sehnsucht nach Nähe singt. Wie das Lied heißt auch der amerikanische Titel des Romans: Lass mich nicht im Stich.

Der junge Horace Hopper arbeitet auf der Farm von Mr. Reese, den der Rücken plagt und das Alter auch. Horace liebt die Pferde, die Natur, den freundlichen Farmer und dessen Frau. Es könnte alles so gut sein. Die Reeses haben sogar vor, Horace demnächst die Ranch zu überlassen, da die eigenen Töchter längst weggezogen und Städterinnen geworden sind.

Horace will Box-Champion werden

Aber Horace, halb indianischer, halb irischer Abstammung, hat einen Traum – oder sagen wir lieber: eine Obsession. Er will boxen und will, nein, er muss ein Champion werden. Dafür spart er, dafür trainiert er, dafür nennt er sich vielversprechend Hector Hidalgo.

Mr. Reese hat ihn einmal kämpfen sehen – und hat seine berechtigten Zweifel. Denn der Junge geriet beim Frontalangriff in Panik. Und verlor. Nicht, weil seine Technik schlecht war – die ist sogar so hart und gekonnt, dass ihm manche Leute eine große Zukunft voraussagen. Aber im entscheidenden Moment überkommt ihn die Angst. Die allerdings verleugnet er vor sich selbst und folgt dem Bild, das seine Sehnsucht geformt hat.

Eines Tages ist es so weit – er verlässt die Farm, die beiden Alten, sein Zuhause und steigt ein in das elende Leben eines kleinen Boxers, den ein schmieriger Trainer unter seine betrügerischen Fittiche nimmt.

Vlautin kennt das Milieu, über das er schreibt

Spätestens jetzt ahnt man das jammertraurige Ende dieses trotzigen Unternehmens. Zwar triumphiert Horace zunächst und gewinnt mehrere Kämpfe, doch dabei lässt er sich so zerprügeln und verwüsten, dass er bald nicht mehr richtig sehen und nicht mehr boxen kann.

Verloren in seiner Scham verkommt er und landet nicht als Champion im Ring, sondern als Verzweifelter in der Großstadtgosse. Währenddessen sucht der besorgte Mr. Reese nach ihm.

Willy Vlautin hat schon in früheren Romanen von Menschen erzählt, die ganz unten sind, für die sich der amerikanische Traum vom glitzernden Erfolg in einen sinistren Alptraum verkehrt hat. Der Autor kennt das Milieu, über das er schreibt. Er ist darin aufgewachsen und ihm entkommen.

"Würde ich über Ärzte oder Anwälte schreiben", hat er einmal gesagt, "so wäre das, als ob ich über Drachen oder Raumschiffe schreiben würde."

Vlautin ist mit "Ein feiner Typ" ein herzergreifendes Versagerporträt gelungen, doch es fehlt ein wenig der Höllenschlund, in den er uns mit einigen seiner früheren Bücher geschickt hatte. Ausgerechnet im Eis der gesellschaftlichen Kälte, im Schmutz und Suff der Straße summte dort hin und wieder eine bange Hoffnung. Der neue Roman ist sanfter und desillusionierter zugleich. 

Denn der fast zu tadellos gütige Mr. Reese ist machtlos gegen den Wahn des Jungen und muss dessen Untergang hilflos zusehen.

Willy Vlautin: "Ein feiner Typ"                        
Aus dem Englischen von Nikolaus Hansen
Berlin Verlag, Berlin 2019
336 Seiten, 24 Euro

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