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Buchkritik | Beitrag vom 20.09.2018

William Boyd: "All die Wege, die wir nicht gegangen sind"Von der schönen Illusion der eigenen Einzigartigkeit

Von Edelgard Abenstein

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Buchcover William Boyd: All die Wege, die wir nicht gegangen sind (Kampa Verlag / picture alliance / dpa)
William Boyds neuer Roman ist ein echte Lesefreude. (Kampa Verlag / picture alliance / dpa)

Schauspielerin, Fotografin oder doch lieber Sushi-Köchin? Die 22-jährige Bethany hat viele Berufswünsche, doch keinen verfolgt sie konsequent. Und dennoch erfindet sich die prokrastinierende Möchtegernkünstlerin immer wieder neu.

Mit erfundenen Geschichten über angeblich authentische Figuren wurde der Engländer William Boyd zum Literaturstar. Über einen Regisseur, eine Fotografin, die es nicht gab, einen fiktiven Maler, der so glaubwürdig erfunden war, dass die New Yorker Society geschlossen darauf hereinfiel. Menschen, die vorgeben, jemand anderes zu sein - auch dieses Spiel mit der Identität gehört zu seinem Markenkern. Über dieses variantenreiche Thema hat er 15 Romane geschrieben, eine Reihe von Erzählungen, zahlreiche, hochkarätig verfilmte Drehbücher und wichtige englische Literaturpreise gewonnen.

Auch in seiner jüngsten Erzählung geht es um Identität, um die Rollen, die wir spielen, wo die Hochstapelei beginnt und was es kostet, wenn man sich nicht entscheiden kann. Wie bei Bethany. Mit gerade mal 22 hat sie ihr Literaturstudium geschmissen, um "irgendwas mit Kunst zu machen". Vielleicht will sie Schriftstellerin werden. Aber über die ersten Seiten kommt sie nicht hinaus, weil sie nicht so recht weiß, worum es in ihrem Roman gehen soll.

In jedem Kapitel eine neue Leidenschaft

Dann versucht sie sich als Schauspielerin in einem Film über John Milton, wobei ihre Statistenrolle dem während der Dreharbeiten vom Biopic zum Action-Thriller umgeschriebenen Buch zum Opfer fällt. Auch mit dem Fotografieren und der Chance als Jazzsängerin aufzutreten klappt es nicht. Daneben jobbt sie wechselweise in einer Galerie und einem schicken Laden mit handgemachten Füllfederhaltern, hält es aber nirgends lange aus. Genauso wenig wie in den einander sich ablösenden Liebesaffären.

Was passiert, ist wenig spektakulär. Boyd erzählt die Geschichte ums Erwachsenwerden aus der Perspektive seiner Hauptfigur. Naiv und abgebrüht zugleich entdeckt sie in jedem neuen Kapitel eine andere Leidenschaft, hat aber wenig Neigung an ihrer jeweils neuen Berufung auch zu arbeiten. Etwas zu verfolgen, das nicht sofort belohnt wird, kommt nicht in Frage, weshalb sie dann doch nicht - der letzte Schrei - Sushi-Köchin in Japan werden kann, da man erst zwei Jahre einem Meister zuschauen muss, ehe man selbst ein Messer in die Hand bekommt.

Eine wahre Lesefreude

Dieses omnipotente Credo, dass man nur fest an sich glauben muss, dass man nur eine gehörige Portion Selbstvertrauen braucht, dann klappt es schon mit der neuen Rolle, dem Erfolg, spießt Boyd als Ferment der Kunstszene auf. Und er packt das gekonnt maßvoll in eine lässig-sarkastische, von Jugendjargon imprägnierte Kunstsprache. Dabei arbeitet er temporeich, mit kurzen, überraschenden Schnitten.

Das Buch ist im neugegründeten Kampa-Verlag erschienen, als Auftakt einer Reihe, die sich in Anlehnung an den fabelhaften Klassiker aus den 1920er-Jahren kess "Der kleine Gatsby" nennt. Mit der existenziellen Wucht von F. Scott Fitzgeralds Liebesdrama um Glück und Erfolg, um Aufstieg und Fall des "Großen Gatsby" kann sich Boyds Erzählung natürlich nicht messen. Muss sie auch nicht. Aber nach seinem missglückten letzten Roman "Die Fotografin" ist die Geschichte über eine prokrastinierende Möchtegernkünstlerin eine Lesefreude, zeigt sie doch hochunterhaltsam, wie man die schöne Illusion der eigenen Einzigartigkeit begraben kann, um immer wieder aufzustehen.

William Boyd: All die Wege, die wir nicht gegangen sind
Aus dem Englischen von Ulrike Thiesmeyer
Kampa Verlag, Zürich 2018
174 Seiten, 18 Euro

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