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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 13.10.2016

Will Self: SharkHöllentrip durchs 20. Jahrhundert

Von Hans von Trotha

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Ein Weißer Hai vor der Küste Australiens (picture alliance / dpa )
"Haie waren die Racheengel von Mutter Natur" (picture alliance / dpa )

Vom Ersten Weltkrieg über Hiroshima in die LSD-geschwängerten 70er-Jahre: Mit seinem Roman "Shark" kreist Will Self das gesamte 20. Jahrhundert ein. "Ein irres Buch", meint unser Rezensent Hans von Trotha.

Kennen Sie Zachary Busner? Dann sind Sie kein Will-Self-Anfänger, sind also schon einmal in die eigenwilligen Textwelten des Briten eingetaucht, in denen der durchgeknallte Psychiater immer wieder auftaucht wie eine Boje auf dem Metaphernmeer. Zuletzt in dem für den Booker Prize nominiertem Roman "Regenschirm", Auftakt einer Trilogie, deren zweiter Teil jetzt auf Deutsch vorliegt.

Was nicht bedeutet, dass hier kontinuierlich eine Handlung fortgesetzt würde. Eher erzählt Teil II so etwas wie die Vorgeschichte von Teil I, sofern man auf vormodernen Kategorien wie Geschichte bestehen will.

Will Self umkreist seine Figuren, die Handlungsinseln in seinen Erzählströmen und seine Leser, wie ein stets zum Angriff bereiter Hai. Womit wir bei "Shark" wären, Selfs elftem Roman. Der deutsche "Hai" mag dem Verlag als Titel zu zoologisch geklungen haben, dabei hätten potenzielle Leser leicht Spielbergs "Weißen Hai" assoziieren können, den exponiertesten Hai in "Shark", sieht man von jenen ab, die 1945 einen guten Teil der Besatzung jenes sinkenden Kriegsschiffs verspeisten, das die Bombe abgeliefert hatte, die später über Hiroshima niederging – für Busner eine "Kollektivstrafe … und die Haie waren die Racheengel von Mutter Natur".

Damit ist einer der Kreise nachgezogen, die den überbordenden Roman strukturieren. Self kreist darin das gesamte 20. Jahrhundert ein – den Irrwitz des Ersten Weltkriegs (die Begebenheit, die Spielbergs Schocker zugrundeliegt, fand tatsächlich 1916 statt), den apokalyptischen Wahnsinn von Hiroshima, die LSD-geschwängerten Siebzigerjahre - in denen Spielberg einen Hai zur Ikone macht, der "sich an der gesamten Menschheit rächen will, die sein sauberes Meer mit Chemiabfällen verdreckt hat".

Bild- und sprachgewaltige Verbeugung

"Shark" ist eine bild- und sprachgewaltige Verbeugung vor den endlosen Erzählbewegungen der Moderne. Kennern werden Anspielungen an Joyce, Céline, H.G. Wells, T.S Eliot und andere nicht entgehen. Einzelne Erzählsplitter verdichten sich zu einem von Bildern strotzenden, endlosen Bewusstseinsstrom, der von den unterschiedlichsten Figuren gespeist wird.

Und so ist es am Ende das Bewusstsein des Lesers, das als übergeordnete Instanz die Jahrhunderthalluzination zum Bild einer Gesellschaft zusammenfügt, die "Bomben in Bäuche gepackt und auf Japsen runtergeschissen" hat, und deren größte gemeinsame Verdrängungsleistung Hiroshima ist. "Gequältes Fleisch zuhauf", dem wir da begegnen, und dem Zac Busner in einem antipsychiatrischen "Konzepthaus" zu helfen versucht.

"Jetzt, da die Beruhigungsmittel zu wirken begonnen haben und sich der kaleidoskopische Strudel von Erinnerungen, Träumen und grässlichen Gedanken entschleunigt, weichen Schmerz und Ekstase des Trips der Geborgenheit vertrauten Ärgers."

Ein irres Buch. Den Booker Prize gibt es nach dem dritten Band. Wetten?

Will Self: Shark
Roman. Aus dem Englischen von Gregor Hens
Verlag Hoffman und Campe 2016
512 Seiten, 34 Euro

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