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Buchkritik | Beitrag vom 05.03.2021

Will Hunt: "Im Untergrund. Expeditionen ins Reich der Erde" Die Welt unter uns

Von Günther Wessel

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Das Cover zeigt das grün eingefärbte Foto eines in dramatischer Perspektive fotografierten Treppentunnels. (Cover: Liebeskind / Collage: Deutschlandradio)
Beim Blick in den Tunnel packen uns Urgefühle. Das behauptet zumindest Will Hunt in seinem Buch. (Cover: Liebeskind / Collage: Deutschlandradio)

Will Hunt erforscht seit Jugendtagen U-Bahn-Schächte, Kanäle, Katakomben und Höhlen. In seinem Buch erzählt der Journalist von seiner Leidenschaft - mehr noch: er eröffnet damit eine dunkle, weitgehend unbekannte und faszinierende Welt.

Für Will Hunt hat der Untergrund etwas Magisches. Ein Lehrer hatte ihm, als er 16 Jahre alt war, von einem verlassenen Eisenbahntunnel in seiner Heimatstadt Providence, Rhode Island, erzählt.

Eine lebenslange Faszination 

Der junge Hunt kroch mit Taschenlampe bewehrt hinein, löschte das Licht und erlebte einen für ihn spirituellen Moment: Dunkelheit und Stille schaffen den Beginn einer Faszination, die ihn rund um die Erde führt – immer auf der Suche danach, warum uns Höhlen zugleich ängstigen und begeistern.

Der Journalist läuft durch die U-Bahnschächte von New York und gewinnt so einen Zugang zu der großen Stadt, die ihn ansonsten eher verschreckte.

Pariser Untergrund

Er durchquert unterirdisch Paris, wo sich fantastische Welten auftun: Riesige Hallen, die dadurch entstanden, dass man Sandstein aushob und daraus die Häuser errichtete – die Hohlräume wurden ab Ende des 18. Jahrhunderts für die Umlagerung von Toten genutzt. 

Lebendig und anschaulich erzählt der Amerikaner von bunt ausgemalten Kammern, unterirdischen Party-Locations und großen Abwasserkanälen, auf denen 1867 bei der Weltausstellung Touristen auf Kähne herum schipperten – eine Mischung aus Reportage und historisch-wissenschaftlichem Hintergrund.

Hunt steigt in Höhlen weltweit

Weltweit steigt Will Hunt in Tunnel und Höhlen. Seine Leidenschaft führt ihn von den USA nach Europa und Australien, in die Türkei und nach Mittelamerika.

Und mit jedem dieser packend beschriebenen Abstiege dringt er tiefer in die Welt unter uns ein, auch mithilfe von Literatur, Kunst, Wissenschaft und Mythologie. So vergleicht er die unterirdischen Städte Kappadokiens mit der Anlage von Ameisenbauten.

Und er besucht Forscher, die in einer alten Mine mehr als 1000 Meter tief unter der Erde Leben dokumentierten und dabei alles über Bord warfen, was Biologen bis dato für die Kerngrößen von Leben hielten: Sie fanden Bakterien, Wesen, die ohne Atmung und ohne Sauerstoff auskommen, ohne Energie aus Sonnenlicht, ohne kohlenstoffbasierte Nahrung.

Das Leben entstand unterirdisch

Manche Forscher nehmen seither an, dass das Leben auf der Erde unterirdisch entstanden ist. Was sich auch mit vielen mythologischen Darstellungen deckt.

Hunt gibt dem Mythos viel Raum. Den Höhlenzeichnungen und Skulpturen in den Pyrenäen, den Menschen- und Tieropfern in einigen Höhlen Mittelamerikas, dem Rückzug heiliger Männer und Weiser in Höhlen, von denen fast alle Religionen berichten.

Ob wir allerdings beim Gang in den Untergrund Urgefühle entwickeln, Transzendenz suchen oder Religiosität erleben, wie sie der Autor erlebt, erscheint gewagt. Man muss seinen Thesen nicht bis in alle Tiefe folgen – sicher ist jedoch eines: Höhlen und tiefe Löcher im Boden wird man nach der Lektüre anders betrachten.

Will Hunt: "Im Untergrund. Expeditionen ins Reich der Erde"
Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger.
Liebeskind/ München 2021
320 Seiten, 24 Euro

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