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Interview | Beitrag vom 23.03.2020

Wildtiere als Coronaüberträger"Wir müssen uns nicht vor der Fledermaus fürchten"

Christian Voigt im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Ein Schwarm Fledermäuse fliegt über den nächtlichen Himmel, im Hintergrund leuchtet der Vollmond. (imago/blickwinkel/McPHOTO/M. Gann)
Fledermäuse gelten weltweit als die wahrscheinlichsten Wirtstiere für Coronaviren. (imago/blickwinkel/McPHOTO/M. Gann)

Fledermäuse sind als vermeintliche Virenschleudern in Verruf geraten. Dabei sei noch nicht sicher, wie sie zur Corona-Pandemie beigetragen hätten, sagt Experte Christian Voigt. Die einheimischen Fledermäuse seien diesbezüglich jedenfalls harmlos.

Liane von Billerbeck: Ein Tier interessiert uns jetzt, das normalerweise nur wenige Liebhaber hat. Aber es hat es sogar geschafft, für kulturell-politischen Streit zu sorgen. Denken wir nur an die Auseinandersetzungen vor dem Bau der Waldschlösschenbrücke in Dresden, wo ja die Existenz einer Fledermausart – und da ist es, das Tier, nämlich der großen Hufeisennase – für einigen Aufruhr gesorgt hat.

Inzwischen sind die Fledertiere wieder im Gespräch, Fledermäuse und Flughunde also, als Reservoir mutmaßlich nicht nur für das Coronavirus, sondern auch für viele andere für uns Menschen gefährliche Krankheitserreger. Wie sie ist, die menschliche Sicht auf die Fledermaus, darüber will ich jetzt mit einem Experten sprechen, der das heute auch mit seinen Kollegen tun wollte, aber die Tagung darüber ist abgesagt worden. Wir freuen uns, dass der Fledermausexperte Doktor Christian Voigt, Wissenschaftler am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung, jetzt für uns im Gespräch ist. Schönen guten Morgen!

Christian Voigt: Guten Morgen!

Billerbeck: Herr Voigt, müssen wir uns vor der Fledermaus fürchten, was die Übertragung von Krankheiten angeht?

Voigt: Nein, wir müssen uns nicht vor der Fledermaus fürchten, denn es ist ein komplexerer Prozess. Es ist jetzt bei diesem Corona-Pandemiefall wahrscheinlich keine direkte Übertragung gewesen, sondern es war komplizierter. Was wahrscheinlich stattgefunden hat, ist, dass eine Fledermaus oder ein anderer Organismus – wir wissen noch gar nicht genau, ob der Ursprung tatsächlich die Fledermaus war – auf einem Wildtiermarkt gehandelt wurde und dort der Virus munter von einer Wildtierart zur anderen gesprungen ist. Und das hat vermutlich dann letztendlich zu dem sogenannten Spill-over geführt, den wir jetzt alle am eigenen Leib erfahren.

Wahrscheinlich gab es einen Zwischenwirt

Billerbeck: Fledermäuse gelten ja immer als die wahrscheinlichsten Wirtstiere, aber Sie sagen, da ist vieles vorschnell und wissenschaftlich noch gar nicht richtig begründet, oder?

Voigt: Genau. Wir wissen sehr wenig darüber, was eigentlich in der Wuhan-Provinz stattgefunden hat. Es wird immer wieder auf diesen Wildtiermarkt gezeigt, aber gleichzeitig wissen wir, dass jetzt gerade die Winterschlafzeit der Fledermäuse ist. Also die inaktive Periode, wo die Fledermäuse eigentlich sehr versteckt leben und gar nicht wirklich zugänglich sind für illegale Wilderei.

Das heißt, es besteht der Verdacht, dass hier möglicherweise noch ein Zwischenwirt – so wie bei anderen Corona-Fällen, wie SARS-Coronavirus 1 – tatsächlich eine Rolle gespielt hat. Dieser komplexe Zusammenhang, diese Interaktion zwischen Wildtierarten, die ist noch gar nicht richtig verstanden.

Wettrüsten der Viren mit dem Immunsystem

Billerbeck: Wie ist denn nun der aktuelle Wissensstand darüber, warum Fledermäuse aber so gute Wirte sind für viele Erreger, die dem Menschen gefährlich sein können von SARS, über Ebola bis zur Tollwut?

Voigt: Auch da stecken wir noch in den Anfängen der Forschung. Es wird gemutmaßt, dass Fledermäuse ein besonders gutes, kompetentes Immunsystem haben und dass potenziell die Viren so eine Art Wettrüsten veranstalten mit dem Immunsystem der Fledermäuse.

Das wiederum führt dazu, dass sie sehr virulent sind, also sehr aggressiv sind, für die Fledermäuse aber in Teilen unschädlich. Das führt dazu, dass wenn dieser Virus dann überspringt auf einen andere Wildtierart, es noch zu weiteren Entwicklungen dieses Virus kommt, möglichweise dann dieser endgültige Virus, wie wir ihn jetzt auch im Rahmen dieser Covid-19-Pandemie erfahren, sehr aggressiv ist.

Coronavirus-NewsletterImmer auf dem neuesten Stand: Abonnieren Sie den Coronavirus-Newsletter.Billerbeck: Wenn ich höre, die Fledermäuse haben ein sehr effektives Immunsystem, dann läuten bei mir natürlich auch positiv irgendwie Alarmglocken. Könnten wir nicht medizinisch daraus Nutzen ziehen?

Voigt: Natürlich. Wir könnten, wenn wir das genauer verstehen, das möglicherweise nutzen, indem wir uns die Rezeptorketten genau anschauen und erfahren und genau beleuchten, was eigentlich die Kompetenz des Fledermaus-Immunsystems ausmacht. Deswegen muss da jetzt unbedingt noch Forschung betrieben werden. Aber gleichzeitig muss auch erforscht werden, wie die Virusökologie ist, also wie im natürlichen Habitat die Fledermäuse mit dem Virus umgehen.

Die einheimischen Fledermäuse sind harmlos

Billerbeck: Aufgrund der Debatte, die derzeit um die Fledermäuse geführt wird, die teilweise hochemotional ist, fürchten Artenschützer ja um den Ruf der Tiere. Sie auch?

Voigt: Ich in der Tat auch, denn es wird ja sehr schnell pauschalisiert und schwarz und weiß betrachtet. Es ist festzuhalten, dass die einheimischen Fledermäuse bei dieser Corona-Pandemie keine Rolle spielen. Diese haben nicht den jetzt relevanten Coronavirus. Dieser Coronavirus oder diese Gruppe von Coronaviren ist letztendlich überall vorhanden. Es gibt humane Coronaviren, es gibt bei fast jeder Wildtierart irgendwelche Coronaviren.

Die einheimischen Fledermäuse sind da völlig harmlos. Es gibt nur einen Virus, der relevant ist, das ist der Tollwutvirus. Dagegen kann man sich schützen. Die sogenannte Prävalenz, also die Häufigkeit dieses Virus in den Fledermauspopulationen ist sehr, sehr gering. Die Wahrscheinlichkeit, damit in Berührung zu kommen, ist deswegen auch sehr, sehr gering, aber es gibt auch medizinische Abhilfe. Man kann sich nach einem Biss durch eine Fledermaus nachimpfen lassen. Das wird von der WHO empfohlen. Insofern haben wir das im Griff, und Tollwut ist jetzt kein Virus mit Pandemiegefahr so wie die anderen Viren.

Das heißt, unsere einheimischen Fledermäuse sind eigentlich keine Gefahr, und wir sollten deswegen auch tatsächlich diese nicht verfolgen, sie nicht aus unseren Häusern schmeißen, denn sie sind geschützt, und viele Arten sind auch bedroht. Sie erfüllen wichtige ökosystematische Funktionen in den Lebensräumen, wie zum Beispiel die Stabsinsekten-Bekämpfung in der Landwirtschaft oder in der Forstwirtschaft. Daran müssen wir uns immer wieder erinnern, dass diese Tiere auch sehr, sehr nützlich sind.

Billerbeck: Radiohören macht schlau, das merke ich heute wieder, denn ich habe noch nie von einem Fledermausbiss gehört. Sind Sie schon mal von einer Fledermaus gebissen worden?

Voigt: Ja, wir werden als Fledermausforscher natürlich regelmäßig von Fledermäusen gebissen. Wir schützen uns allerdings auch davor, indem wir eine Tollwutimpfung haben. Ich selber gehe auch in asiatische Höhlen mit Millionen von Fledermäusen rein, schütze mich aber durch Atemschutzmasken und andere Maßnahmen vor irgendetwas. Man muss entsprechend wachsam durch die Welt gehen, wenn man Fledermäuse erforscht. Das tun wir und raten auch anderen dazu, beim Umgang mit Wildtieren immer auch wachsam zu sein.

Viele nachtaktive Tiere sind bedroht

Billerbeck: Corona dominiert ja mittlerweile fast alles. Wäre das auch bei Ihnen in der Tagung, wo es ja um das komplizierte Verhältnis Mensch–Fledermaus gegangen wäre, die ja nun abgesagt ist, und Sie hätten da einen Vortrag gehalten, wäre es da auch um diesen Virus gegangen und die Rolle, die die Fledermaus dabei spielt?

Voigt: Natürlich wäre es darum gegangen. Wir wollten zwei Dinge beleuchten. Zum einen, welche Einstellung wir Menschen gegenüber Wildtieren haben. Das ist eine äußerst interessante Sache, weil wir ja als tagaktive Organismen, als Primaten, die tagaktiv sind, durchaus einen größere Anerkennung haben von tatsächlich auch tagaktiven anderen Tierarten wie Vögel. Und wenn es in die Nacht hineingeht, dann haben wir oftmals so ein mulmiges Gefühl, wenn wir mit nachtaktiven Tieren zu tun haben.

Aber nichtsdestotrotz sind viele dieser nachtaktiven Tiere geschützt und bedroht, und deswegen müssen wir uns immer auch darum kümmern. Der andere Aspekt ist, dass wir eine ganze Session hatten über sogenannte One-Health-Aspekte, das heißt, die Gesundheit von Tieren und Menschen als Ganzes zu betrachten. Wenn wir verstehen, wie Fledermäuse mit dem Virus umgehen, kann es von Vorteil sein für uns Menschen in der Entwicklung von Impfstoffen beziehungsweise wir können besser abschätzen, wie solche Pandemien entstehen, wo sogenannte Spill-overs passieren, und deswegen war das ein wichtiges Thema unserer Tagung.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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